Kurzfassung

(Kolloquium Wiesbaden 2003: >Die aktuelle kulturelle Bedeutung der Hugenotten<)

von Klaus Baum

Die Philosophie von Thomas Hobbes (1588-1679) war eine Reaktion auf die religiösen Bürgerkriege: konfligierende Parteien kämpften um Macht und Einfluß, indem sie sich darauf beriefen, im Besitz der einzig wahren und seligmachenden Auslegung der Bibel zu sein. Hobbes charakterisiert die Kriege, die im Gefolge der Reformation entstanden sind, mit der Formel vom >bellum omnium contra omnes<. Der Krieg aller gegen alle sollte sein Ende dadurch finden, daß die Parteien sich einem absoluten Fürsten unterstellten. Doch in einer absolutistischen Monarchie bleiben die Bürger der Willkür des Herrschers ausgeliefert, die politische Beschaffenheit des Staates hängt ab vom zufälligen Charakter des Monarchen. Diese Problematik wird in der deutschen Philosophie des 18. Jahrhunderts als das Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem reflektiert. Das Einzelne meint die Subjektivität und Individualität eines jeden Menschen und das Allgemeine den Staat und seine Verfassung. Zentral für den deutschen Idealismus ist die Frage, wie sich Allgemeines und Besonderes so miteinander vermitteln lassen, daß weder die Entfaltung der Subjektivität behindert noch der Staat in seinem Bestand gefährdet wird. Die ideale Synthese wird deshalb mit dem Begriff des „individuellen Allgemeinen“ bezeichnet.

Die Reformation selbst, genauer gesagt, Luther erhob Anspruch auf das Recht des Einzelnen, Wahrheit erkennen zu können, allerdings nicht irgendeine Wahrheit, sondern die Wahrheit der Schrift, ihren Offenbarungsgehalt. Hegel sieht in Luther einen Vorläufer der modernen Zeiten, in denen der Einzelne nichts mehr als wahr akzeptieren soll, das er nicht auch als wahr einsieht. Mit dieser Formulierung ist dem blinden Gehorsam, der Unterwerfung unter mächtige Autoritäten eine Absage erteilt. Überprüfte der Reformator sein Denken und Wissen noch an der Schrift (sola scriptura), weil sie ihm als Werk Gottes und nicht als Werk von Menschen galt, so wird die Schrift für Hobbes zur Quelle einander sich widersprechender Auslegungen, um derentwillen die Menschen sich gegenseitig drangsalisieren und töten.

Lessing, der sich mit der Frage des Alleinanspruchs einer jeden Religion auf Wahrheit auseinandersetzte, formulierte, daß die Menschen auch ohne Offenbarung beziehungsweise unabhängig von den heiligen Büchern zur Erkenntnis von Wahrheit gelangen können. (Die Offenbarung gibt den Menschen nichts, was sie nicht von sich aus erkennen könnten, sie gibt es ihnen nur früher.) Hegel sieht es, eine Generation später, ähnlich: „Macht aus Jesus Christus historisch, exegetisch, was ihr wollt, es kommt allein darauf an, was die Wahrheit an und für sich ist.“ Der Begriff, die Denkanstrengung des Einzelnen, wird zum Medium auch der „letzten“ Erkenntnisse, durch ihn verobjektiviert sich das Subjekt.

Dieser Position aber wird eine Verabsolutierung des Begriffs vorgeworfen: Sie sei zu abstrakt, ihr fehle das Fleisch des Lebens. Wahrheit müsse erscheinen, sie bedürfe eines Körpers – und so erhebt etwa Schelling die Kunst zum Organon von Philosophie und Geschichte. In der Kunst synthetisiere sich das Einzelne und Besondere mit dem Allgemeinen, das Begriffliche und Geistige mit der Anschauung. Kunst spreche nicht bloß wie die Philosophie über Wahrheit, sie verköpere diese. Sie ist bei Schelling – in Analogie zum vere homo, vere deus der Theologie – die Einheit des Endlichen und Unendlichen. Kunst repräsentiert Totalität, also das genaue Gegenteil einer Herrschaft partikularer Interessen, die sich mit religiösen Weihen umgeben, die so tun, als wären sie im Besitze der absoluten Wahrheit.

Wurde in der politischen Realität der Einzelne genötigt, sich dem Allgemeinen zu unterwerfen oder den jeweils herrschenden Glauben anzunehmen, so sollte in der Kunst Zwanglosigkeit verwirklicht sein: Nur über die Schönheit, so Schiller, führe der Weg zur politischen Freiheit. Schiller hat eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges geschrieben und in seiner Ästhetik das Bild einer durch Kunst befriedeten Gesellschaft entworfen.
Niemand, so ist es in den Traktaten über Toleranz im 17. und 18. Jahrhundert zu lesen, kann zum wahren Glauben gezwungen werden, weil dies dem Wesen des Glaubens widerspreche. Doch diese Einsicht ist im Grunde genommen bereits in der reformatorischen Verhältnisbestimmung von Glaube und Gnade enthalten. Das lutherisch-paulinische „sola fide, sola gratia“ negiert das in der Realität der Menschen vorherrschende Kausalitäts- oder Tauschdenken.

Dasjenige aber, worüber man nicht kausal verfügen kann, ist das Unwillkürliche. Ich vermag nicht zu sagen, wann die Erfahrung von Unwillkürlichkeit als substantielles, weil eben nicht sistierbares Moment von Wahrheit zum ersten Mal in der Geschichte benannt worden ist, aber sicher ist, daß Unwillkürlichkeit als konstitutives Element ästhetischer Erfahrung in den Kunsttheorien von Kant über Schiller und Schelling bis hin zu Adorno und im Kunstschaffen selbst (Beckett, Rilke, Proust, Kafka, R. Walser) eine zentrale Rolle spielt. Nicht der Künstler schafft auf der Basis seines Willens, Tuns und Denkens das Kunstwerk, sondern ihm wird erst durch das Unwillkürliche der Kunstcharakter seines Werkes zuteil. Das Moment der Unwillkürlichkeit im reformatorischen „sola fide, sola gratia“, kehrt wieder in der Kunst. Daß dem subjektiven Tun, Schelling zufolge, das Objektive durch eine dunkle, unbekannte Macht hinzugegeben wird, macht das Kunstwerk aus, und dieses wird so zum Organon der Geschichte. In dem Versuch, der religiösen Menschen, sich gegenseitig zu bekehren, ist der Glaube an die je eigene Wahrheit dominant; den anderen unter die eigene Wahrheit zu zwingen, ist das sich Durchsetzen der je eigenen Intention. Im Schaffen von Kunst aber, sofern diese wirklich entsteht, wird die Intention des Künstlers transzendiert.

Kunst wird zu einem Modell gelingenden Handelns, in der die Konflikte der Realität besänftigt sind. Oder wie es Adorno sagte: Kunst ist das fortgeschrittenste Bewußtsein der Widersprüche der Gegenwart im Horizont ihrer möglichen Versöhnung. Kunst führt vor, wie Gewalt durch Gewaltlosigkeit unterboten wird (vgl.: Goethes Iphigenie).

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