Baums Notizen aus der Unterwelt.

Der kritische Blog von Klaus Baum – jetzt mobile-friendly

Clint Eastwoods Film "Der fremde Sohn" (engl.: Changeling) — 30. Mai 2015

Clint Eastwoods Film "Der fremde Sohn" (engl.: Changeling)

“This police department does not tolerate dissent.”

anlässlich des 85 geburtstages von clint eastwood publiziere ich einen älteren beitrag von mir aus dem jahre 2009. changeling ist der film von ihm aus jüngere zeit, der mich am stärksten angesprochen hat.                                           —–         Ich habe mir vergangene Woche diesen Film von Clint Eastwood angesehen: Angelina Jolie spielt eine alleinerziehende Mutter, deren Sohn verschwunden ist, als sie eines Abends von der Arbeit nach Hause kommt.

Was ich an dem Film bemerkenswert fand, ist die Art und Weise, wie ein Polizist (und dessen Chef im Hintergrund) sich kraft ihrer Macht und Autorität die Realität zurechtbiegen, zurechtlügen und dann ihr falsches Verhalten auf die Mutter projizieren und sie als die Schuldige dastehen lassen. Der Mutter wird ein fremdes Kind als ihr eigenes untergeschoben, damit das Los Angeles Police Department (LAPD in den 1920er Jahren) der Öffentlichkeit demonstrieren kann, wie effektiv es arbeitet.

Dieses Kind hat ihr Sohn zu sein, egal, was sie selbst dazu sagt.

Der Film ist ein “Lehrstück” über das Verhältnis von Sprache der Macht, also über das, was die Mächtigen (und Korrupten) als Realität behaupten und eigener, subjektiver Wahrnehmung ihrer Opfer. Die Macht versucht der Mutter ihr eigenes Urteilsvermögen auszureden. Das nimmt sogar absurde Züge an: Die Mutter hatte ihren eigenen Sohn vor seinem Verschwinden hin und wieder an den Türrahmen des Badezimmers gestellt, um seine Körpergröße zu messen und anzuzeichnen. Der ihr untergeschobene Sohn erweist sich als eine Handbreit kleiner. Sie bittet den >police officer< um Hilfe. Der schickt ihr einen korrupten Arzt vorbei, der sich die Striche auf dem Türrahmen ansieht und dann behauptet, ein Kind könnte durch ein Schockerlebnis schrumpfen.

Da Clint Eastwoods Film, trotz einer sehr grausamen Wendung, den Kampf zwischen den Lügen der Macht, an denen sich auch das psychiatrische Krankenhaus (die Schwestern, Pfleger und der Chefarzt) auf faschistoide Weise beteiligt, also den Kampf zwischen machtgestützter Verlogenheit und authentischer Wahrnehmung in den Vordergrund stellt, halte ich ihn für empfehlenswert. Nicht zuletzt auch deshalb, weil dieser Kampf übertragbar ist auf den zwischen neoliberaler Propaganda und Wahrheitsfindung.

http://www.youtube.com/watch?v=57_t2BFZaK8&feature=related
PS.: Empfehlenswert im Rahmen der Thematik “Verunsicherung der eigenen Wahrnehmung” ist ein Film von 1954: “Zeugin eines Mordes” (Witness to Murder) mit Barbara Stanwyck.

Man kann anhand des Trailers ahnen, worum es geht:

http://www.youtube.com/watch?v=LHYaZ1aQE-Q

PS. zum Clint-Eastwood-Film:

1.Dieser enthält einige Szenen, die deutliche Parallelen zum Faschismus in Deutschland aufweisen. Polizisten erschießen Männer, die sich in einer Reihe haben aufstellen müssen, von hinten.

2.Der Reverend (John Malkovic) konstatiert die Korruptheit der Polizei, die ihre Entsprechung hat in der allgemeinen Bereicherungssucht und der Habgier.

3. Der Film spielt gegen Ende der zwanziger Jahre und zu Beginn der dreißiger, d. h. das Phänomen der Vorherrschaft der Habgier, die zur Großen Rezession geführt hat, hat ihre Entsprechung zur Gegenwart.

4. Der Polizist, der die Mutter unterdrückt, ist ein Meister der Verdrehungen. Er wirft ihr vor, sie leide an Wahrnehmungsstörungen und an Realitätsverlust. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie präzise “Übeltäter” Begriffe finden, wie sprachmächtig sie sind in der Benennung dessen, was sie tun – nur sie wenden das, was sie so treffend sagen, nicht auf sich selbst an, sondern projizieren es auf ihre Opfer, das durch die Projektion zuallererst zum Opfer wird.

5. Die propagandistische Verdrehungen der Tatsachen, die in diesem Film gezeigt werden, haben deutliche Parallelen zu unserer Gegenwart.

PS. vom 22. Febr. 2009: Hintergrund-Informationen zu diesem Film hier:

http://bigdocsfilmclub.blogspot.com/2009/01/changeling-der-fremde-sohn.

Dort heißt es unter anderem sehr zutreffend:


>>Wer ‚Changeling’ vor diesem Hintergrund sieht, muss mit Entsetzen die eiskalten Dialoge zwischen Christine und dem Psychiater betrachten, der mit sichtbarem Vergnügen jede Regung der ausgelieferten Frau in ein psychopathologisches Symptom verwandelt, für das er die probate Fachsprache bereithält. Hier gibt es kein Entrinnen und Eastwood nähert sich besonders in diesen Szenen dem eigentlichen Hauptthema des Films: der Macht der Sprache.
Es ist nicht nur der Psychiater (der für das LAPD arbeitet), der mit Worten jene Wirklichkeit schafft, die es zu schaffen gilt; es ist auch die Macht der leicht manipulierbaren Medien, die sich in einer Sprache widerspiegelt, die Einfluss auf die Masse hat und selbst den Mächtigen die nackte Angst einjagt. Es ist die Autorität der Sprache, die Christine eine absurde Realitätswahrnehmung aufzwingen will und der Mutter die Fähigkeit abspricht, ihren eigenen Sohn zu erkennen. Und es ist die Sprache, die zum Widerstand befähigt.
In ‚Changeling’ ist es der Pfarrer Briegleb (John Malkovich), der geistliche Vorstand der presbyterianischen Gemeinde, der die korrupte Polizei nicht nur in seinen Predigten, sondern auch über den kirchlichen Rundfunksender angreift – ein mächtiges Medium, das nicht so leicht auszuschalten ist. Briegleb ist es auch, der Christine aus der Psychiatrie befreit und letztlich auch Code 12 beseitigt (tatsächlich wurde Christine Collins entlassen, weil der ihr untergeschobene Junge endlich zugab, nicht ihr Sohn zu sein – das vagabundierende Kind hatte sich nicht ohne Zutun der Polizei als Walter Collins ausgegeben, um endlich einmal in die Stadt seines Westernhelden Tom Mix zu kommen).
Pfarrer Briegleb wird in ‚Changeling’ als pragmatischer Visionär gezeigt, der früh erkennt, dass dem Gewaltmonopol einer rechtsfrei operierenden Staatlichkeit nur durch den gezielten Einsatz eines Massenmediums beizukommen ist. Eine zweischneidige Erkenntnis, die spätestens dann nicht mehr optimistisch stimmt, wenn die Gerechtigkeit unter die Räder der Medien gerät.<<

Ehemaliger US-Botschafter über Ukraine — 9. September 2014

Ehemaliger US-Botschafter über Ukraine

taz: Herr Matlock, zur Zeit Gorbatschows waren Sie US-Botschafter in Moskau. Wo haben Sie damals Russlands künftigen Platz gesehen?
Jack Matlock: Als wir den Kalten Krieg beendet und politisch dabei geholfen haben, Osteuropa zu befreien, war klar, dass wir Russland für ein freies und vereintes Europa einbeziehen müssen. Wir wussten auch, wenn man ein Instrument des Kalten Krieges – die Nato – in dem Moment vor bewegt, wo die Barrieren fallen, schafft man neue Barrieren in Europa. Und genau das ist jetzt geschehen. Wenn wir Frieden wollen, dann sollten Russland, die Ukraine und die Länder Ost- und Westeuropas in einer einzigen Sicherheitsgemeinschaft sein.

Mehr hier:

http://www.taz.de/Ex-US-Botschafter-ueber-Ukraine-Krise/!145581/

Unter der Dusche ist mir doch noch etwas eingefallen — 8. September 2014

Unter der Dusche ist mir doch noch etwas eingefallen

Ich hatte vor Wochen Kritisches über den Begriff Putinversteher und dessen Verwendung geschrieben. Verstehen ist ja von seiner Bedeutung her positiv besetzt. Das wird jeder Lehrer bestätigen können. Noch erfreulicher ist, wenn jemand Zusammenhänge versteht, wenn er begreift, wie etwas zustande kommt, wie sich Handlungen, Aktionen und Reaktionen verzahnen. Im Verstehen ist das Moment der Kausalität enthalten, man weiß als Versteher woraus bestimmte Handlungsweisen entspringen. Reize ich jemand bis aufs Blut, muss ich mich nicht wundern, wenn der Gereizte mir eine scheuert. Wenn also im Westen der Begriff Putinversteher pejorativ besetzt wird, dann sagen die Propagandisten, dass es da etwas zu verstehen gibt, und zwar die Gereiztheiten Putins, die der Westen zu verantworten hat. Sprache bleibt auch hier wieder verräterisch, denn indem man etwas Positives zu etwas Negativem ummünzt, will man seine eigenen Anteile an den Reaktionen aus Moskau kaschieren. Ein Versteher versteht die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, in die der Westen ursächlich verstrickt ist. Was anderes wäre, spräche man vom Putin-Rechtfertiger.

Bitte selber weiterdenken.

PS.: In dem Schneewestern von Corbucci Il Grande Silencio (Leichen pflastern seinen Weg) mit Trintignant und Kinski reizt der Gute (Trintignant) den bösen Kopfgeldjäger (Kinski) in einer Kneipe, er wirft ihm ein Zigarillo ins Bier, und Kinski reagiert darauf so: “Ich lasse mich von dir nicht provozieren, du willst, dass ich zu meinem Revolver greife, um mich dann legal erschiessen zu können.”

Putin hat sich provozieren lassen.

Die Kinder des Holocaust — 6. September 2014

Die Kinder des Holocaust

Über sie lief am 5. 9. 2013 eine Sendung auf Deutschlandfunk. Ich möchte daraus eine “Szene” zitieren. Einer, der als Kind Auschwitz überlebt hatte, reist als Erwachsener, Jahrzehnte später nach Deutschland. Auf dem Flughafen wird er vom deutschen Zöllner mit seinem Koffer in einen Raum gebeten. Der Zöllner deutet mit der Hand auf den Koffer und sagt zu dem Reisenden: “Aufmachen!”

Dieser Mann erzählte dann in der Sendung von gestern, die Aufforderung “Aufmachen!” habe ihn an das 3. Reich erinnert, als vor seinem Versteck die Gestapo stand und ihm, dem Kind, befahl “Aufmachen!”.

Es gibt heute eine Menge Leute, die Vergleiche mit dem 3. Reich nicht mögen: der heftigste Vorwurf, wenn jemand Analogien zur Naziherrschaft sieht und zieht, ist der: Das verharmlose den Holocaust!

Ich habe meine Kindheit in der DDR verbracht. In Erholungsheimen, im Kinderheim (Villa Löwenstein in Leipzig) war es üblich, dass die Briefe, die das Kind an Mama schrieb, kontrolliert und zensiert wurden.

In der Vorbereitungszeit der DOCUMENTA IX, im Jahre 1991, hatte ich einen längeren Briefwechsel mit einem Studenten der Studienstiftung des deutschen Volkes, der immer wieder genau wissen wollte, was ihn im Führungsdienst der documenta erwartete. Ich erklärte es ihm ausführlich. Alexander Farenholtz, der Geschäftsführer, forderte mich dazu auf, mich kürzer zu fassen. Meine Assoziation war sofort: DDR-Kinderheim-Zensur.

Allerdings muss ich aus dem langen Abstand zum Jahre 1991 heute selbstkritisch hinzufügen, dass die Kritik von Alexander berechtigt gewesen sein könnte. Das heißt, ich hätte auch meine Spontanreaktion damals bereits kritisch überdenken können.

Farenholtz war schließlich kein autoritärer DDR-Funktionär, auch der Zöllner der BRD war sicher kein Gestapo-Mann, aber dennoch gibt es Assoziationen, die man Menschen nicht verbieten kann, besonders dann nicht, wenn ihr unwillkürliches Auftreten möglicherweise auf Traumatisierungen zurückgehen.

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2014/09/05/dlf_20140905_1550_05afbb67.mp3

PS.: Im übrigen, wer seinen Mitmenschen Assoziationen vorhält, hat keine Ahnung von sich selbst; er sollte dringend Proust und Beckett über Proust lesen, dort wird ihm das Phänomen der unwillkürlichen Erinnerung (involuntary memory) ausführlich beschrieben und erklärt.

 

Anders sein — 4. September 2014

Anders sein

Die Schauspielerin Thankie Newton erzählt, wie sie ihre “Andersartigkeit” fand – zunächst als Kind, das in zwei verschiedenen Kulturen aufwuchs und dann als Schauspielerin, die mit vielen verschiedenen Personas spielte. Ein warmer, weiser Vortrag, frisch von der Bühne von TEDGlobal 2011.

 

Thandie Newton: Andersartigkeit annehmen, mich selbst annehmen

http://www.ted.com/talks/thandie_newton_embracing_otherness_embracing_myself?language=de

das hammerzitat der woche —

das hammerzitat der woche

>>”Gegen die Natur des Menschen”

 

Dennoch müsse sich die deutsche Bevölkerung daran gewöhnen, auch harte Auseinandersetzungen zu führen: In Deutschland habe sich der Glaube breitgemacht, “dass man alle Konflikte mit Verhandlungen und Gesprächen lösen kann. Aber das ist gegen die Natur des Menschen”, sagte Naumann und sprach in diesem Zusammenhang von “käßmannschem Unsinn” – in Bezug auf die frührere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann.<<

 

Ich bekenne der Dekontextualisierung schuldig, also des Tatbestands, einen Satz aus dem Zusammenhang gerissen zu zitieren.

Dennoch sollte man hinzufügen, dass der Begriff “Natur des Menschen” in der Philosophie eher negativ besetzt ist, zum Beispiel im Begriff der Naturwüchsigkeit.

– Schiller reflektiert die Natur des Menschen im Kontext des 30jährigen Krieges und entwickelt in seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen ein gegensätzliches Menschenbild, ein, wenn man so will, idealistisches.

– Die gesamte Philosophie der Frankfurter Schule, ihr Denken, war der Überwindung der Naturwüchsigkeit gewidmet.

Das heißt, gesellschaftskritische Philosophie ist nicht naiv oder blind gegenüber der Realität, sondern sie reflektiert sie minutiös und entwickelt Vorstellungen, wie es anders sein könnte.

Es ist ein Unterschied, ob man über die Natur des Menschen als zu Zähmendes spricht oder ob man sie unveränderbare Konstante des Handelns voraussetzt.

Man soll zwar das Aussehen eines Menschen nicht gegen seine Argumente wenden, aber das Foto von Herrn Neumann auf der Deutschlandfunkseite lehrt mich das Fürchten.

http://www.deutschlandfunk.de/nato-gipfel-in-wales-militaerische-loesung-des-ukraine.694.de.html?dram:article_id=296482

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