Baums Notizen aus der Unterwelt.

Der kritische Blog von Klaus Baum – jetzt mobile-friendly

Leseempfehlung: Lindwurm – der Blog — 23. Januar 2017

Leseempfehlung: Lindwurm – der Blog

Ich halte noch immer die Perspektive, die man im Deutschen Froschperspektive und in american english the worm’s-eye view nennt, für die wichtigste, um Realität angemessen zu beschreiben und darzustellen:

>>Ethel Malichi ist 28 Jahre jung und lebt in Brooklyn, New York. Ich habe sie kennengelernt, als ich ihr per E-Mail zu einem hervorragenden Essay über die Geschichte Boliviens seit 1945 gratulierte, den sie in einem amerikanischen Journal für lateinamerikanische Politik veröffentlicht hatte. Sie antwortete, ich antwortete auf die Antwort und so entstand eine Fernfreundschaft, die seit Jahren Bestand hat. Am Tag vor Donald Trumps Amtseinführung erreichte mich eine E-Mail Ethels, in der sie sehr verzagt klang, fast panisch. Sie leide unter einer schweren Form von Zuckerkrankheit und müsse einmal wöchentlich im Krankenhaus versorgt werden. Die Behandlung koste 12.000 Dollar pro Jahr, also fast so viel, wie sie jährlich verdient. Die aus Israel in die USA eingewanderte Frau gehört zum wissenschaftlichen Prekariat, das sich von Assistenzjob zu Praktikum und wieder zurück hangelt, in Wohngemeinschaften leben muss und sich nur dank Obamas Affordable Care Act überhaupt eine Krankenversicherung leisten kann. Sie befürchte nun, schrieb Ethel, dass Trump einen Kernpunkt dieser Reform zurücknehmen werde, nämlich das Verbot für Versicherungen, Menschen mit Vorerkrankungen eine Krankenversicherung zu verweigern bzw. ihnen eine solche zu kündigen. Ethels Existenzängste waren begründet. Nur Stunden, nachdem mich die E-Mail erreicht hatte, unterzeichnete Donald Trump eine Exekutivverordnung, die den Affordable Care Act faktisch zurücknahm. Der neue Präsident der Vereinigten Staaten löschte die böse sozialistische Idee, jeder Mensch hätte ein Recht auf Krankenversicherung, per Federstrich aus und stellte die kapitalistische Normalität, wonach medizinische Behandlung von einem gut gefüllten Bankkonto abhängt, wieder her.<<

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https://lindwurm.wordpress.com/2017/01/21/praesident-trump-ethels-angst-und-das-ende-der-liberalen-demokratie/

Cannabis — 22. Januar 2017
Programmatik eines Machos — 20. Januar 2017
Kritische Theorie: Nachlass Hermann Schweppenhäuser —

Kritische Theorie: Nachlass Hermann Schweppenhäuser

Dokumente zur kritischen Theorie: Schweppenhäuser-Nachlass im Archivzentrum der Uni-Bibliothek
Ulrike Jaspers Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

FRANKFURT. Das Archivzentrum der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg konnte seine Materialien zur kritischen Theorie um den Nachlass des Philosophen Hermann Schweppenhäuser (1928-2015) erweitern. Schweppenhäuser promovierte 1956 am wiedereröffneten Institut für Sozialforschung, war bis 1961 Assistent von Theodor W. Adorno und gehörte zu den einflussreichsten Philosophen der Frankfurter Schule. Der Nachlass umfasst circa 75.000 Seiten mit wertvollen und zahlreichen unveröffentlichten Archivalien und ist zu wissenschaftlichen Zwecken im Archivzentrum einsehbar.

„Damit wird unser Archivbestand zur kritischen Theorie und Frankfurter Schule erheblich erweitert“, freut sich der Leiter des Archivzentrums Dr. Mathias Jehn. „Bereits in unseren Beständen ist unter anderem der Nachlass von Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Ludwig von Friedeburg sowie die Vorlässe von Jürgen Habermas und Oskar Negt.“ Darüber hinaus befinden sich das Adorno-Archiv und ein wertvoller Altbestand aus den 1950er und 1960er Jahren im Institut für Sozialforschung. Noch ist der Schweppenhäuser-Nachlass nicht komplett aufgearbeitet: „Das wird wegen des großen Umfangs mindestens noch zwölf Monate in Anspruch nehmen“, so Jehn. Aber der aus zahlreichen Korrespondenzen mit der internationalen philosophischen Fachwelt, teilweise unveröffentlichte wissenschaftliche Manuskripte sowie vereinzelt private Dokumente bestehende Nachlass ist nun komplett in Frankfurt und wurde der Bibliothek vom Sohn des Philosophen, Gerhard Schweppenhäuser, überlassen.

1961 wechselte Hermann Schweppenhäuser, ein gebürtiger Frankfurter, nach Lüneburg: Dort war er auf den neugegründeten Lehrstuhl für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule berufen worden. Was eigentlich nur eine Zwischenetappe werden sollte, blieb eine akademische Lebensstellung mit einer Honorarprofessur an der Goethe-Universität. Adorno hatte sich das offensichtlich auch anders vorgestellt; in einer Karte vom 14. Oktober 1960 aus Graz, die auch im Nachlass befindet, gratulierte er Schweppenhäuser „aufs allerherzlichste“ zu seiner Lüneburger Berufung und fügte hinzu: „Mein Wunsch, daß Sie die Position einnehmen, die Ihnen sicher manche wesentliche Erfahrung einbringen wird, verbindet sich mit dem, daß Sie rasch habilitiert werden – und bei uns bleiben!“

Doch die kritische Theorie der Frankfurter Schule, die von den meisten beteiligten Wissenschaftlern nie als ein geschlossener Kreis mit einer einheitlichen Theorie gesehen wurde und wird, entwickelte sich in eine andere Richtung, so wurde Schweppenhäuser nicht an die Goethe-Universität berufen. Habermas, der 1964 die Nachfolge von Horkheimer in Frankfurt antrat, wehrte sich mehrfach öffentlich gegen „eine bruchlose Zurechnung zur Kritischen Theorie“, obwohl er Adorno verehrt hat – wie sein Biograf Stefan Müller-Doohm feststellt. Habermas entwickelte seine eigenständige Idee einer Kommunikationstheorie der Gesellschaft, „die sich nicht als Transformation, sondern ganz als Alternative zur Kritischen Theorie der Gesellschaft versteht“, so Müller-Doohm in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen (2016). Habermas teilt zwar die Kritik von Adorno und Horkheimer an der einseitig technisch-ökonomischen Rationalisierung der modernen Kultur und Gesellschaft, wählt aber einen anderen Blickwinkel und fokussiert seine Diagnose auf ein „problematisches Primat der Ökonomie vor der demokratisch legitimierten Politik, mit der Gesellschaften auf sich selbst einwirken“, so Müller-Doohm.

Roger Behrens beurteilt in seinem Nachruf in der Wochenzeitung „jungle world“ (2015) kritisch, dass Schweppenhäuser an der Goethe-Universität keine Chance bekam: „Schweppenhäusers Philosophie ist der Versuch, kritische Theorie […] zu begründen, ohne in die Falle des Normativitätspostulats zu tappen, wie etwa Jürgen Habermas und die ihm folgenden Akademiker […]. Hermann Schweppenhäuser – übrigens ein Jahr älter als Habermas – hat dementgegen energisch am Postulat der kritischen Theorie festgehalten, im Sinne Horkheimers und Adornos, im Sinne Karl Marx und im Sinne Kants – als radikale Aufklärung [und] Herrschaftskritik.“

Der Nachlass macht, obwohl noch nicht vollständig ausgewertet, deutlich: Schweppenhäuser prägte durch zahlreiche Aufsätze, die international rezipiert und teilweise übersetzt wurden, den Diskurs über Adorno und Benjamin entscheidend mit. Schweppenhäuser formulierte eine Version kritischer Theorie, „die den Grundintentionen von Horkheimer und Adorno nähersteht als die kommunikationstheoretisch reformierte Frankfurter Schule durch Habermas und seine Nachfolger“, so sein Sohn Gerhard Schweppenhäuser. Seine Vorlesungen, beispielsweise zur „Charakteristik des Adornoschen Denkens“ oder zur „Dialektik der Aufklärung“ ermöglichten in Lüneburg wie in Frankfurt ein „authentisches Studium“ der kritischen Theorie.

Schweppenhäuser befasste sich in seinen philosophischen Schriften mit der Selbstreflexion des dialektischen Denkens, der Sprachphilosophie, der Ästhetik und der Kultur- und Zeitkritik sowie mit dem Verhältnis von Philosophie und Theologie. In den 1970er Jahren gab er gemeinsam mit Rolf Tiedemann die Gesammelten Werke Walter Benjamins im Suhrkamp Verlag heraus. Der Nachlass wird mit der Signatur „Na 77 Nachlass Hermann Schweppenhäuser“ umfasst zahlreiche unveröffentlichte Texte, die ein breites Spektrum umfassen: von fachwissenschaftlichen Erörterungen über anspruchsvoll formulierte Aphorismen und Fragmente bis hin zu literarischen Produktionen aus den Bereichen der Lyrik und Kurzprosa. Auch dramatische Versuche aus der Studentenzeit warten im Archiv auf ihre Erschließung. In der Gedenkschrift „Bild und Gedanke“, die 2016 erschien, wurde eine erste, kleine Auswahl Aphorismen aus dem Nachlass publiziert.

Aus der umfassenden Korrespondenz, die ebenfalls Bestandteilen des Nachlasses ist, lässt sich erkennen, wie eng der Philosoph im Dialog mit international renommierten Wissenschaftlern stand – dazu gehören u.a.: Girogio Agamben (Italien), Siegfried Kracauer (USA), Herbert Marcuse (USA), Gerard Raulet (Frankreich), Gershom Scholem (Israel), Gary Smith (USA), Ulrich Sonnemann (Deutschland) und Moshe Zuckermann (Israel).

Fotos und Bildtexte unter: http://www.uni-frankfurt.de/65055989

Informationen: Dr. Mathias Jehn, Archivzentrum der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Campus Bockenheim, Telefon (069) 798-39007, E-Mail: m.jehn@ub.uni-frankfurt.de

Weitere Informationen:
http://Fotos und Bildtexte unter: http://www.uni-frankfurt.de/65055989

Höcke auf dem Höhepunkt — 18. Januar 2017
Dank an Leselotte für den folgenden Beitrag — 14. Januar 2017

Dank an Leselotte für den folgenden Beitrag

http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/hartz-iv-jobcenter-mitarbeiterin-rebelliert.php

Hartz IV Jobcenter-Mitarbeiterin von Gericht abgewiesen

12.01.2017

Eine Fallmanagerin des Jobcenters in Osterholz-Scharmbeck wehrte sich dagegen, menschenfeindliche Praktiken zu vollstrecken. Jetzt kündigte sie ihre Stelle, ist selbst erwerbslos und muss zudem die Gerichtskosten für ihre Klage gegen die Unmenschlichkeit bezahlen. Die Frau verklagte ihren Arbeitgeber, das Jobcenter, weil dieser sie dazu zwänge, Sanktionen gegen Langzeitarbeitslose zu verhängen. Die Behörde hatte zuvor Eingliederungsvereinbarungen in Serie an Hartz-IV-Empfänger verschickt, ohne zuvor den Einzelfall zu prüfen.

Die Hartz-IV-Abhängigen sollten pauschal mindestens fünf Bewerbungen pro Monat schreiben, ein Praktikum absolvieren und Kinderbetreuung organisieren. Es fand nicht nur keine Prüfung im Einzelfall statt, zu den Empfängern gehörten auch Kranke und Menschen mit Migrationshintergrund, die die Vereinbarung nicht lesen konnten.

Außerdem sollten die Betroffenen eine Lüge unterschreiben, nämlich dass vorher ein Beratungsgespräch stattgefunden hätte, was nicht der Fall war. Individuelle Vereinbarungen gab es nur, wenn jemand widersprach.

Sanktionen bei „Verstoß“
Die Klägerin hätte gegen die Hartz-Abhängigen Sanktionen verhängen müssen, wenn diese gegen die Auflagen verstoßen hätten – also ihnen das Geld kürzen. Sie hielt das für rechtswidrig und gegen die Würde des Menschen, klagte vor dem Arbeitsgericht in Verden.

Das Gericht wies die Klage in erster Instanz ab, mit der Begründung, das Projekt sei jetzt beendet, und sie müsse daher die Sanktionen, um die es in der Klage ging, nicht mehr verhängen.

Die Mitarbeiterin des Jobcenters hält dieses Urteil für falsch, denn wenn Hartz-IV-Abhängige während des Projekts Mittel gestrichen worden seien, hätten sie bei einem weiteren „Verstoß“ höhere Kürzungen in Höhe von 60 % zu befürchten. Als Fallmanagerin hätte sie dann als Folge der standardisierten „Vereinbarung“ höhere Sanktionen verhängen müssen.

Erneute Klage scheitert an Geld
Die jetzt Arbeitslose wäre gerne in Berufung gegangen, vor allem, um diese Praktiken von Jobcentern allgemein juristisch als rechtswidrig anzuerkennen. Sie hat dafür aber kein Geld. Als Verliererin des Verfahrens muss sie circa 3000 Euro abbezahlen, was ihr bereits sehr schwer fällt.

Sie kündigte, damit sie die menschenunwürdigen Sanktionen nicht umsetzen muss. Zudem stand sie an ihrem Arbeitsplatz wegen ihrem Widerstand unter verschärfter Überwachung ihrer Vorgesetzten.

Sie sagt: „Kein Geld der Welt und auch kein unbefristeter Vertrag darf es wert sein, seine Moral und seinen Verstand morgens an der Tür abzugeben.“

Reform innerhalb des Systems?
So merkwürdig es Menschen erscheint, die den Demütigungen, dem Druck und ihrer Rechtlosigkeit im Hartz-IV-System ausgesetzt sind: Auch unter den Mitarbeitern der Jobcenter gibt es manche, die sich ein soziales Gewissen bewahrt haben.

Das Scheitern der Fallmanagerin zeigt aber, wie schwierig es ist, innerhalb eines unmenschlichen Systems Menschlichkeit einzufordern. Nicht nur Hartz-IV-Abhängige, sondern auch ethisch vorbildiche Mitarbeiter der Jobcenter spüren den Terror des Systems ungeschminkt, wenn sie sich zur Wehr setzen.

Solidarität statt Resignation
Der Schritt, gegen eine bestimmte Praxis innerhalb dieses Unterdrückungssystems für die Ärmsten der Armen vor Gericht zu ziehen, ist lobenswert. Zwar gilt es, das Hartz-IV-System in Gänze durch eine menschenwürdige Unterstützung für Erwerbslose zu ersetzen, doch hilft das den Entrechteten im Hier und Jetzt wenig. Deshalb gilt es zumindest, den schlimmsten Drangsalierungen etwas entgegen zu setzen.

Das hat die Fallmanagerin aus Osterholz-Scharmbeck getan. Ihr Widerstand wurde vom Jobcenter und Arbeitsgericht zermahlen. Das hinterlässt leider die bittere Botschaft: Versucht gar nicht erst, Kritik zu üben.

Statt jetzt aber den Kopf einzuziehen, gebührt der mutigen Frau, die den Kampf gegen die Unterdrückung aufnahm, Solidarität. (Dr. Utz Anhalt)