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Weihnachtsgruß aus Moria II —

Weihnachtsgruß aus Moria II

Im neuen Flüchtlingslager Moria II auf Lesbos. (Foto: Stand by me Lesvos)

Selbstorganisierte Flüchtlingsgruppen aus dem neuen Moria wenden sich zu Weihnachten an Europa. Der Brief der medico-Partnerorganisationen im Wortlaut.

++ English version ++

Liebe Europäerinnen und Europäer,
sehr geehrte Frau von der Leyen,

wir wünschen Ihnen ein frohes Weihnachtsfest aus dem neuen Flüchtlingslager auf Lesbos. Wir hoffen, dass Sie trotz der Schwierigkeiten, die wir alle aufgrund der Corona-Pandemie haben, schöne Feiertage haben werden.

Wir sind vor drei Monaten, nachdem das alte Camp in Moria niedergebrannt ist, in ein neues Lager umgezogen und leben hier mit 7000 Flüchtlingen. Im September wurden uns bessere Bedingungen im neuen Lager versprochen und wir haben diese Versprechen gerne gehört und darauf gewartet, dass sie erfüllt werden.

Leider ist seitdem nicht wirklich etwas passiert. Noch immer warten wir auf genügend warme Duschen. Wenn es regnet, wird das  Lager überflutet und Zelte werden nass. Wir haben keine Heizungen, die uns und unsere Kinder warm halten, keine Schulen oder Kindergärten. Wenn wir krank werden, warten wir stundenlang auf medizinische Behandlung und das Essen, das wir bekommen, ist zwar ausreichend, aber nicht gesund.

Auch wurde uns versprochen, dass unsere Asylverfahren endlich beschleunigt würden, aber immer noch warten zu viele von uns, einige seit mehr als einem Jahr auf ihre Interviews. Stattdessen sitzen wir hier in der Vorhölle und haben nichts anderes zu tun als zu warten.

Die Situation ist teilweise noch schlimmer als vor dem großen Brand. Nur die Sicherheit ist besser geworden, aber trotzdem gibt es nachts kein Licht im Lager. Im alten Moria konnten wir uns selbst organisieren, wir hatten kleine Schulen, Läden und viele andere Aktivitäten betrieben. Im neuen Lager ist das nicht möglich.

Wir stimmen mit dem deutschen Entwicklungsminister Herrn Müller überein, der letzte Woche sagte, dass die Situation in diesem Lager schlimmer ist als in jedem afrikanischen Krisenland. Wir wollen ihm für seine klaren Worte danken, aber wir fragen uns: Wie kommt es, dass wir nach drei Monaten und so vielen Millionen von Regierungsspenden und von NGOs gesammelten Geldern immer noch an einem Ort ohne fließendes Wasser, heiße Duschen und ohne ein funktionierendes Abwassersystem sitzen? Warum können unsere Kinder immer noch nicht in einen Unterricht gehen und warum sind wir auf den guten Willen einiger Organisationen angewiesen, die gebrauchte Kleidung und Schuhe an uns verteilen?

Haben wir keine Rechte als Menschen und Flüchtlinge in Europa, die eine Grundversorgung für jeden beinhalten? Oft lesen und hören wir, dass wir in diesen Lagern wie Tiere leben müssen, aber wir denken, dass das nicht stimmt.

Wir haben die Gesetze zum Schutz der Tiere in Europa studiert und wir haben herausgefunden, dass sogar sie mehr Rechte haben als wir. Jedes Tier sollte diese Rechte haben:

  • „Freiheit von Hunger oder Durst
  • Freiheit von Unbehagen durch Bereitstellung einer angemessenen Umgebung, einschließlich eines Unterschlupfs und eines bequemen Ruhebereichs
  • Freiheit von Schmerzen, Verletzungen oder Krankheiten durch Vorbeugung oder schnelle Diagnose und Behandlung
  • Freiheit, (die meisten) Regungen und ein normales Verhalten zeigen und leben zu können durch die Bereitstellung von ausreichend Platz, geeigneten Einrichtungen und sozialer Gesellschaft
  • Freiheit von Angst und Bedrängnis durch Gewährleistung von Bedingungen und einer Behandlung, die psychisches Leiden vermeiden.“

Genießen wir hier im neuen Camp diese Rechte? Sorry: Nein. Vielleicht haben wir keinen Hunger, aber wir leben in keiner „angemessenen Umgebung“, wir haben keine Freiheit von Schmerz und Not. Keiner von uns ist in der Lage, normales Verhalten zu zeigen, weil wir den ganzen Tag darum kämpfen müssen, etwas Wasser zum Reinigen und Essen zu organisieren und um ein warmes Plätzchen zu bekommen. Wir alle leben in Angst und Not. Eine neue Studie besagt, dass Flüchtlinge auf griechischen Inseln so deprimiert sind, dass jeder Dritte an Selbstmord denkt.

Deshalb fragen wir Sie ganz ehrlich: Würden wir auch so behandelt werden, wenn wir Tiere wären? Also haben wir beschlossen, Sie zu bitten, uns die einfachen Rechte zu gewähren, die Tiere haben. Wir würden uns freuen, wenn wir diese erhalten und versprechen Ihnen, dass Sie keine Klagen mehr von uns hören werden. Wir wollen nicht mehr hören, dass unsere Situation nicht so schlimm ist. Wir laden alle, die so denken, ein, nur für eine Nacht in unserem Camp zu bleiben.

Nach einem schrecklichen Jahr, in dem wir hier leben mussten, ist dies unser Wunsch für Weihnachten. Er ist einfach und wir denken, dass es nicht länger als drei oder vier Wochen dauert, ihn zu erfüllen.

Wir bitten nicht um weitere Spenden oder Geld für die Instandsetzung der Infrastruktur. Wir haben in den Zeitungen gelesen, wie viele Millionen bereits ausgegeben wurden und viele von uns sind Ingenieure, Elektriker, Ärzte und wir wissen, dass es nicht sehr viel Geld braucht, um ein solches Lager in Stand zu setzen.

Wenn Sie uns helfen wollen, fragen Sie stattdessen bitte: Wo ist das ganze Geld geblieben? Warum hat es uns nicht erreicht?

Wir sind bereit, uns selbst zu helfen und hart zu arbeiten, wenn man uns nur lässt und vertraut, dass wir diesen Ort besser machen können. Wir haben es in der Vergangenheit bewiesen und auch jetzt wird die meiste Arbeit hier entweder von Flüchtlingen, die ehrenamtlich für NGOs arbeiten, oder von Selbsthilfeorganisationen der Flüchtlinge geleistet. Wir wollten immer zeigen, dass das Bild, das viele Menschen von uns haben, falsch ist: Wir sind nach Europa gekommen, um Asyl zu beantragen und um Bürger:innen und nützliche Mitglieder Ihrer Gesellschaften zu werden.

Wir betrachten dieses Lager als unser Lager und wir wollen die Unterstützung haben, es zu reparieren. Was wir brauchen, ist professionelle Hilfe von Expert:innen, aber was wir sehen, sind viele Freiwillige voller guten Willens, aber ohne die Fähigkeiten, die Kanalisation, die Unterkünfte und die Wasserversorgung zu reparieren. Was wir fordern ist, als Partner:innen ernst genommen zu werden und uns darüber aufzuklären, was geplant ist und wie viel Geld vorhanden ist und ausgegeben wird.

Wir sehen viele Spendenaufrufe und Versprechungen und wir sehen unsere Realität und das macht uns frustriert und wütend.

Lassen Sie uns ganz klar sagen: Wir alle können die Vorstellung nicht ertragen, dass ein neues Jahr für uns und die Flüchtlinge in den anderen Lagern wie auf Samos und Chios so beginnt.

Wir bitten Sie, das nicht geschehen zu lassen. Wir bitten Sie um einige sehr einfache und leichte Schritte:

  • eine ausreichende Wasserversorgung und Duschen zu ermöglichen,
  • ordentliche sanitären Anlagen zu installieren,
  • eine ordentliche Drainage zu legen, damit unser Camp bei Regen nicht überflutet wird,
  • die Versorgung mit Elektrizität, Heizung und Zelten für den Winter sicherzustellen,
  • Plätze für Kinder zu schaffen,
  • genügend Zelte für Schulen, Klassen und Werkstätten bereitzustellen,
  • Licht auf den Hauptstraßen des Camps zu installieren,
  • die medizinische und psychologische Versorgung zu verbessern,
  • Orte für Treffen und Freizeit zu haben.

Wir bitten Sie, uns zu helfen, dies zu ermöglichen. Im Frühjahr war noch von Evakuierung die Rede, aber zu Weihnachten bitten wir Sie nur darum, dieses provisorische Lager zu reparieren und uns nicht den Rest des Winters an diesem Ort weiter leiden zu lassen.

All unsere besten Wünsche

Omid Deen Mohammed für das Moria Corona Awareness Team (MCAT)
Raed al Obeed für die Moria White Helmets (MWH)

Vor 15 Jahren — 20. Dezember 2020

Vor 15 Jahren

Meine Mail

An: redaktion@nachdenkseiten.de
Betreff: Friedhelm Hengsbach – einem der letzten Intellektuellen mit einer eigenen Meinung

als regelmäßiger Leser der Nachdenkseiten möchte ich Sie auf einen Denkfehler aufmerksam machen oder, genauer gesagt, auf eine ungenaue Formulierung, die deutlich macht, daß auch die “letzten” kritischen Intellektuellen nicht davor gefeit sind, Denkmuster einer öffentlichen Meinung zu übernehmen, in denen diejenigen verschwinden, ja, überhaupt nicht zu existieren scheinen, denen Öffentlichkeit nicht oder nur sehr marginal zuteil wird.
Ihre Formulierung müßte präziser lauten: >>Friedhelm Hengsbach ist einer der letzen prominenten, bekannten Intellektuellen, der noch eine eigene Meinung hat.<<
Wie viele Intellektuelle es darüber hinaus gibt, die die neoliberale Wirtschaft und ihre Geschäftsführer in der Politik kritisieren, wissen wir nicht, weil wir gewöhnlich nur das wahrnehmen, was in den Medien erscheint. Der Satz des irischen Philosophen und Bischofs George Berkeley “esse est percipi” – Sein ist wahrgenommen werden – müßte heute lauten: esse est tivipi. Nur der existiert, der in den Medien ist. Und die Medien sind heute, wie Wolfgang Lieb vor einiger Zeit schrieb, die Lautsprecher neoliberaler Machthaber. Wie sollte da jemand, der weder über eine Professor noch über ein anderes repräsentatives Amt verfügt, das ihm per se Reputation verleiht, wie sollte also jemand, der nicht schon vor der Flutwelle neoliberalistischer Ideologie etabliert war, sich überhaupt noch öffentlich Gehör verschaffen?
Man muß sich in erster Linie selbst fragen – und das gilt besonders dann, wenn man öffentlich wirksam ist -:
Könnte ich bei den Urteilen, die ich fälle, etwas übersehen haben, könnte es sein, daß meine Statements Generalisierungen sind, mit denen ich den Ausgegrenzten und nicht Wahrgenommenen, zusätzlich Unrecht antue. Mit anderen Worten: Es gibt hierzulande genügend Intellektuelle, die sich sehr kritisch mit gegenwärtiger Politik auseinandersetzen, die aber kaum Gelegenheit erhalten, ihre Analysen zu publizieren.
Da wir hierzulande seit Jahren eine massive Meinungsmanipulation erleben, auf die die Nachdenkseiten immer wieder hinweisen; da die Bedeutung der Begriffe gezielt in ihr Gegenteil verkehrt wird (für mich der Hauptgrund, warum ich die SPD nicht mehr wählen kann), ist es um so dringlicher, daß die wenigen Kritiker des Neoliberalismus, denen noch Öffentlichkeit zuteil wird oder die sich diese Öffentlichkeit wie die Nachdenkseiten kontinuierlich erarbeiten, daß diese Kritiker es verstehen, mit Sprache sehr sensibel umzugehen. 

Ich möchte Ihnen aber in gewisser Weise recht geben: Unter den Intellektuellen mit Öffentlichkeitswirkung ist das Wissen um die Zusammenhänge von globalisierter Wirtschaft und Politik dürftig.
Dies hat wieder einmal eine Sendung im ZDF gezeigt, in der einige Schriftsteller “live” den Ausgang der Bundestagswahl im Nachstudio mit Volker Panzer diskutieren durften. Diese Sendung lief nach Mitternacht, also am 19.9.2005 um 0:15. Sie wird wiederholt am Donnerstag, den 22. 9. 2005, um 10:15 auf 3sat.
Im folgenden der Link, dem Sie die Namen der Diskutanten entnehmen können. Ich habe die Sendung leider nur zum Teil verfolgt. Sie wäre es wert, aufgezeichnet und dann analysiert zu werden, weil die Äußerungen der überwiegend jungen SchriftstellerInnen wie Thea Dorn exemplarisch verdeutlicht, wie gut die Gehirnwäsche der neoliberalen Propaganda, an der die SPD einen wesentlichen Anteil hat, funktioniert. So war unter anderem zu hören, die Linken in der SPD hätten Schröder den Teppich unter den Füßen weggezogen. Gefragt wurde nicht, ob die kritischen Argumente gegen Schröder einen Wahrheitsgehalt haben beziehungsweise von der Sache her begründet sind. Das pure Faktum, mit Schröder nicht einer Meinung zu sein, wurde schon als negativ hingestellt.

Ich hatte vor einiger Zeit Herrn Lieb geschrieben, daß die Nachdenkseiten ausschließlich nur zu Politik und Wirtschaft Stellung nehmen und daß Politisches in Kunst und Literatur nicht vorkämen, also eine ganze Dimension unseres Daseins außen vor bleibt. Nun, ich will damit nicht sagen, daß die Nachdenkseiten dies auch noch leisten müßten, sondern auf folgendes aufmerksam machen:
Die Äußerungen der SchriftstellerInnen in der ZDF-Sendung machte deutlich, daß man ohne die genauen Kenntnisse der Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Politik letztlich in den propagandistischen Phrasen von Bertelsmann und Co., von Schröder, Clement, Hundt, Braun usw. hängen bleibt. Das heißt, die Fokusierung der Nachdenkseiten auf wirtschaftpolitische Themen ist ein Indiz für eine historische Parallele, nämlich die zur Reformation. 

Nimmt man Luther als Beispiel, dann hat dieser sich mit der Religionspraxis der Papstkirche detailliert auseinandergesetzt. Er mußte es, nicht nur, weil er sich selbst als Christ verstand, sondern weil die katholische Kirche – in ihrer Verfilzung mit weltlicher Macht – einen Absolutheitsanspruch vertrat, den man nur “knacken” konnte, in dem man dieser Kirche nachwies, daß ihre Lehre falsch ist. 

Ich will damit sagen, wenn ein Denkgebäude mit absolutem Wahrheitsanspruch auftritt und sich anschickt, die Macht über die Menschen, die Macht über die Nationen und Gesellschaften zu übernehmen, muß man sich in erster Linie damit beschäftigen, diesen Wahrheitsanspruch durch fundierte Gegenargumente zu widerlegen. Daß die Nachdenkseiten sich also fast auschließlich mit wirtschaftspolitischen Themen befassen, zeigt für mich auf, wie totalitär der Neoliberalismus geworden ist. Ohne Kritik an seinen diktatorisch vorgetragenen Desideraten, ohne Kritik an seiner Unersättlichkeit muß man an sich selbst verzweifeln, wird man irre im Kopf, aber diese täglich notwendige Kritik an dieser brutalen, alles beherrschen wollenden Ideo- logie macht selber einseitig. Nicht, daß man als Person einseitig würde, aber man reagiert und antwortet fast nur noch auf die Einseitigkeiten der Macht. 

lisa fitz verschwörungstheorien — 18. Dezember 2020
Grüße vom Genfer See — 16. Dezember 2020