Baums Notizen aus der Unterwelt.

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Ein totes Pferd reiten von Egon W. Kreutzer

Früher war das ein ziemlich unsinniges Unterfangen. Ein Pferd war ein Pferd, ein Reiter war ein Reiter, und wenn einer von beiden tot war, dann funktionierte auch das mit dem Reiten nicht mehr.

Früher war auch eine sozialdemokratische Partei eine sozialdemokratische Partei, ein Parteivorsitzender war ein Parteivorsitzender, und wenn es auf die Wahlen zuging, schwang sich der Parteivorsitzende in den Sattel und versuchte die Partei fehlerfrei über den Parcours zu bringen.

Seitdem hat sich viel verändert. Es gibt zwei Welten. Eine Welt der Realität, in der zwar auch nichts mehr ist, wie früher, aber wenigstens real, und eine virtuelle Welt, in der alles so aussieht, wie es aussehen soll, nur eben nicht real.

Die reale Welt ist in unserem Wacherleben auf dem Rückzug. Für viele endet die Wahrnehmung der realen Welt spätestens mit der Arbeitsaufnahme und dem ersten Blick auf einen Bildschirm oder sonst ein Display, kehrt in der Mittagspause kurz zurück, verschwindet wieder bis zum späten Nachmittag und wird von der virtuellen Welt vom Einschalten der Abendnachrichten bis zum Einschlafen wieder vollständig verdrängt.

Die reale Welt umfasst unsere Wohnung, das Innere unseres Autos, den Arbeitsplatz. Hinzukommen, je nach Veranlagung, die Stammkneipe, das Fitness-Studio, der Frisör, die Tankstelle, der Supermarkt, der Bankautomat, vielleicht auch noch drei Wochen in einer eigens für Urlauber gestalteten Freilicht-Theaterkulisse unter südlicher Sonne.

Die virtuelle Welt ist größer, schöner, bunter – und vor allem, sie ist ohne jede Anstrengung zu erreichen.

So wundert es auch niemanden, wenn ein Pferd, das in der Realität schon lange tot ist, als unsterbliches virtuelles Pferd auf den Bildschirmen herumtollt, und es wundert niemanden, wenn eine Partei, die schon lange auf dem Sterbebett liegt, plötzlich putzmunter auf der Mattscheibe erscheint und „wählt mich, wählt mich!“ ruft.

Eine Partei, die mit einem Schlag den Sozialstaat und sich selbst ruiniert hat, die ein Schattendasein an der Seite der Union ihrer möglichen Wiederauferstehung im Verein mit Linken und Grünen vorgezogen hat, obwohl die Dreier-Koalition die Mehrheit hatte und immer noch hat, bietet sich in der virtuellen Welt schon wieder als die Partei der sozialen Gerechtigkeit an und lässt sich dabei von einem schon vor vielen Jahren in Richtung Brüssel wirksam entsorgt geglaubten Kandidaten anführen, der die Agenda-Politik nach wie vor für gut und richtig hält, aber bekennt: „Wir haben auch Fehler gemacht – und es ist keine Schande, dies zu erkennen und zu korrigieren.“

Ein Witzbold! Diese Partei, die eigentlich schon 1982 an ihrer eigenen Mutlosigkeit gescheitert war, hat sich 1998 als trojanisches Pferd in die Herzen der Arbeitnehmer und Rentner, der Hausfrauen und Studenten hineingestohlen und einen sozialen Kahlschlag sondersgleichen ausgelöst, unter dem nicht nur die gezählten und nicht gezählten Arbeitslosen, die Billig-Jobber und Teilzeitkräfte, die Rentenformel-Betrogenen in Deutschland leiden, sondern halb Europa noch dazu, weil die deutsche Billligkonkurrenz die im Euro aneinandergeketteten Volkswirtschaften von Griechenland bis Spanien an den Rand des Ruins getrieben hat. Und nun soll es soziale Gerechtigkeit sein, wenn nach 15 Jahren Unrecht ein paar wenige, geringfügige Korrekturen schemenhaft öffentlich erwogen werden?

Was wird denn vorgeschlagen?

Vielleicht ein kleiner Aufschub in der Arbeitslosenversicherung?

Aber nur für diejenigen, die so lange gearbeitet haben, dass sie eigentlich gar nicht arbeitslos gewesen sein können, bevor der Absturz nach Hartz IV weiterhin zwangsläufig folgt!

Alle anderen sind nicht vorgesehen, und die Vorgesehenen haben auch nichts davon.

Es ist scheißegal, liebe SPD, es ist scheißegal, lieber wunderschöner weißer Ritter Schulz, ob Herr und Frau Mustermann einen oder zwei Monate später auf Sozialhilfe-Niveau gesetzt werden, ob sie einen oder zwei Monate später ihre Ersparnisse aufzehren müssen, ob sie einen oder zwei Monate später aus der leider zwei Quadratmeter zu großen Wohnung ausziehen müssen. Das ist alles scheißegal und keine Wohltat, es ist auch keine Korrektur von Fehlern, sondern nur eine virtuelle Christbaumkugel, mit der sich das tote Pferd schmückt, damit die Menchen denken, nun sei alle Tage Weihnachten und üppige Bescherung.

Die Angst vor dem totalen Absturz lässt sich mit dieser Retusche nicht verhindern, noch nicht einmal lindern, auch wenn dies noch so oft behauptet wird.

Vielleicht die Forderung nach einer Begründung für befristete Arbeitsverhältnisse?

Da lacht die Personalabteilung und hat die passenden Textbausteine schon fix und fertig in der Schublade. Das befristete Arbeitsverhältnis ist die Arbeitnehmer- Disziplinierungs-Maßnahme schlechthin. Wirksamer als die Androhung eines Schulverweises kurz vor dem Abitur.

Das lässt man sich nicht nehmen. Nicht von den Genossen der Bosse!

Und die hungrigen Arbeitssuchenden werden beim Vorstellungsgespräch nicht darauf bestehen, die vorgebrachte Begründung zu überprüfen, sie werden unterschreiben, weil in dieser beschissenen Zeit ein Job – und sei er noch so befristet – eben immer noch besser ist, als keiner.

Doch das hat das tote Pferd noch nicht begriffen. Das tote Pferd wähnt sich in virtuellen Welten, mit virtuellen Jobs, virtuellen Arbeitgebern und virtuellen Gesetzen, die von virtuellen Richtern durchgesetzt werden – und die Softwarebude, welche dieses virtuelle Pferd geschaffen hat, ist der Überzeugung, dass wir der realen Welt schon so weit entfremdet sind, dass wir uns gerne in diese virtuelle Welt hinein-hypnotisieren lassen und dann das schöne Sozialpaket wählen, das weder vor noch hinter der Mattscheibe existiert, sondern nur eine flüchtige Projektion ist, wie so vieles andere auch.

Es ist scheißegal, liebe SPD, es ist scheißegal, lieber weißer Ritter Schulz, ob die Jobs mit oder ohne Begründung befristet bleiben. 99 Prozent der zu erwartenden Begründungen werden zum Zeitpunkt, zu dem sie abgegeben wurden, in keiner Weise ernsthaft zu widerlegen sein, und sie werden so formuliert sein, dass sie auch bei Ablauf der Frist nicht zu widerlegen sind.

Der alte Kündigungsschutz ist weg. Den habt ihr auch auf dem Gewissen. Die Leiharbeit ist aller Fesseln entledigt, auch das habt ihr geschafft. Der Arbeitslose muss (!) jeden Job annehmen, wenn er nicht sanktioniert werden will, aber ihr fantasiert davon, die pflaumenweiche Forderung nach einer ebenso pflaumenweichen Begründung für befristete Arbeitsverhältnisse würde irgendetwas zum Positiven wenden?

Was denn? Selbst wenn das Gesetz werden sollte und wenn die Arbeitgeber sich ernsthaft daran orientieren würden und wenn die Hälfte der jetzt befristeten Jobs – nach einer langen Probezeit, die sich nahtlos an das Praktikum anschließt – zu unbefristeten Arbeitsverträgen führen würde: Schafft das einen einzigen neuen Arbeitsplatz? Schützt es wirksam vor der betriebsbedingten Kündigung? Bleiben nicht genau so viele arbeitslos vor dem Fabriktor stehen?

Lächerlich!

Ach ja, der weiße Ritter holt auch noch feste aus gegen den bösen schwarzen Ritter, die Managergehälter müssen begrenzt werden!

Da werden die Wähler in Scharen drauf reinfallen.

„Wenn es mir schon nicht besser geht, soll es wenigstens den Bossen schlechter gehen!“ Das ist doch eine Parole! Die hat doch schon immer gezogen!

Dabei ist es scheißegal, liebe SPD, es ist scheißegal, lieber weißer Ritter Schulz, ob ein Vorstandvorsitzender eines DAX-Unternehmens nun 9 oder 12 Millionen im Jahr bezieht.

Davon haben die Beschäftigten einen feuchten Dreck. Das sind drei Millionen mehr für die Aktionäre!

Aber da, liebe SPD, lieber weißer Ritter Schulz, da hört eure Angriffslust auf. Wenn ein Unternemen Jahr für Jahr Gewinne in Milliardenhöhe schreibt, und der letzverantwortliche Manager davon Brosamen in der Größenordnung von einem Zehntel Prozent für sich behalten darf, während 99,9 Prozent jenen zufließen, die nur gerade die Aktien des Unternehmens im Depot haben, dann wäre hier der Punkt, an dem über eine Deckelung nachgedacht werden müsste – doch statt zu deckeln, habt ihr es ja fertiggebracht, dass Einkünfte, die Nichtstuern aus ihrem Kapitalvermögen zufließen nicht mit den normalen Einkommensteuersätzen versteuert werden, sondern eben mal nur mit 25 Prozent. Da hat es der Manager nicht so gut. Da langt die Lohnsteuer mit dem vollen Tarif hin – und dann darf er sehen, ob er über die Einkommensteuererklärung etwas zurück erhält.

Die Manager sind nicht diejenigen, die den Arbeitnehmern die Butter vom Brot nehmen. Sie sind nur den Aktionären dafür verantwortlich, dass dies in größtmöglichen Maße geschieht.

Es ist scheißegal, liebe SPD, es ist scheißegal, lieber weißer Ritter Schulz, was die Vorstände verdienen, denn deren Verdienst ist nur ein Fliegenschiss gegen die Einkünfte der Anteilseigner – aber über die darf in der schönen virtuellen Welt der Zombie-Pferde ja nicht einmal geredet werden!

Wovon laut geschwiegen wird, auf dem toten Pferd, soll hier aber auch noch erwähnt werden,

… denn natürlich werdet ihr weiter dafür sorgen, dass die Rentenbeiträge und die Krankenkassenbeiträge und die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung für die Arbeitgeber bezahlbar bleiben, damit die Aktionäre befriedigt werden können.

… und natürlich werdet ihr weiter euere humanitären Kanonen, Raketen und Gewehre ins Ausland verkaufen, und wo es noch nicht genug kracht, auch die Bundeswehr hinschicken.

… und natürlich werdet ihr nicht umhinkönnen, die Verdoppelung des Kriegsetats als soziale Großtat hinzustellen, weil die Bundeswehr ja 20.000 neue Arbeitsplätze im Tötungs- und Zerstörungsgewerbe schaffen wird.

… und natürlich werdet ihr wieder zustimmen, wenn Banken gerettet werden müssen, obwohl nur das Kapital der Einleger gerettet wird, ihr werdet wieder zustimmen, wenn Euro-Staaten unter Rettungsschirmen gefangen genommen werden sollen, damit sie bloß euren schönen Euro nicht kaputtmachen.

… und natürlich werdet ihr wieder davon faseln, wie wichtig die Bildung ist, und darüber die Schulen weiter verrotten lassen und die Universitäten mit noch mehr Gender-Studiengängen verstopfen, so dass der Platz für ernsthafte Forschung und Lehre immer enger wird.

… und natürlich werdet ihr das Feinbild Putin weiter hochhalten und die Bundeswehr an der russischen Westgrenze aufmarschieren lassen, weil ja nur so die letzten 70 Jahre der Frieden der EU zu sichern war.

… und natürlich werdet ihr euch am Ende wieder hinstellen und erklären, es sei alles alternativlos gewesen und es werde auch künftig alles alternativlos sein, weil in eurer programmierten virtuellen Welt, in eurer gottverdammten MATRIX einfach keine Alternativen vorgesehen sind und ihr nicht mehr in der Lage seid, in der Realität auch nur für fünf Minuten zu überleben.

Warum ich ausgerechnet auf der SPD herumdresche und nicht auch auf der Union, die schließlich die Koalition anführt?

Das erzähle ich euch jetzt ganz langsam zum Mitschreiben:

Von der Union weiß man seit jeher, was man zu erwarten hat, wenn es um die Frage der sozialen Gerechtigkeit geht. Nämlich genau das, was unumgänglich ist, um einen Wahlerfolg einer linken Koalition zu verhindern. Da machen die auch kein großes Hehl draus. Selbst in den Wahlreden sind die Beschäftigten diejenigen, die erst dann bedacht werden können, wenn die anderen reichlich bedient worden sind. Da muss man nur aufmerksam zuhören.

Deswegen fühle ich mich von der Union auch nicht verarscht. Deswegen richtet sich mein Ärger auch mehr gegen diejenigen, die der Union gegen ihr eigenes Interesse ihre Stimme geben, als gegen das, was dann – wie zu erwarten – dabei herauskommt.

Das, was der Kandidat Schulz derzeit als soziale Gerechtigkeit verkauft, ist eine einzige Mogelpackung. Das sind keine Korrekturen an der Agenda-Politik, sondern lediglich kleine kosmetische Korrekturen an der Verpackung.

Noch dazu steht alles unter dem Vorbehalt, was davon man denn wohl nach der Wahl tatsächlich im Koalitionsvertrag unterbringen können wird.

In der realen Welt würde ein realer Kämpfer für soziale Gerechtigkeit seine kurz-, mittel- und langfristigen Ziele, konkret mit Termin und in Euro und Cent verkünden und zugleich erklären, lieber in die Opposition zu gehen, als sich diese Ziele in einer Koalition um den Preis des Mitregieren-Dürfens wieder abschwatzen zu lassen.

So lange die SPD ihre virtuelle „klare Kante“, die nur aus verpixelter heißer Luft besteht, nicht als eine klare Kampfansage in die reale Welt hinausträgt, halte ich es für erforderlich, den kunstvoll gewebten Vorhang der Illusion immer wieder ein bisschen anzuheben, um die Realität hinter der bunten Scheinwelt zu beleuchten.

Quelle:

http://www.egon-w-kreutzer.de/004/pad062017.html

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….. von Jutta Winkelmann

„Was man zunächst als Hölle empfindet, ist ein geschärfter Blick auf die Realität. Ich verstehe Juttas Krebs als Liebeswelle, die sie extrem stark überschwemmt und ihr aufträgt, die Aufmerkamkeit auf den Körper zu reduzieren und den Geist zu erfahren. Natürlich ist das mehr als schwer. Mir war von Anfang an klar, daß wir nicht nett ins spirituelle Paradies rollen…“

Quelle: http://www.br.de/nachrichten/oberbayern/jutta-winkelmann-mein-leben-ohne-mich-120.html

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