Notizen aus der Unterwelt.

Der kritische Blog von Klaus Baum – jetzt mobile-friendly

Der Fall „Bundesregierung“ — 12. September 2020

Der Fall „Bundesregierung“

Ich habe überlegt, ob ich vom Fall Nawalny sprechen sollte, bin aber zu dem Schluss gekommen, wir haben es mit einem Fall namens Bundesregierung zu tun. Warum das so ist, will ich kurz erläutern.
In der Regierung sitzen einige Leute mit fragwürdigem Charakter, die, sobald sich die Gelegenheit bietet, behaupten, Russland sei ein kommunistischer Staat, der auf dem Planeten Erde keine Existenzberechtigung hat. Weniger polemisch formuliert: An Maas, unserem Außenminister, ist mir aufgefallen, dass da einer den Moralapostel spielt, dass da einer alle Register schwarzer Pädagogik ziehen möchte, um Putin auszupeitschen, um ihn zu bestrafen beziehungsweise zu sanktionieren. Diese Regierung hält offenbar alle, die ihr nicht passen, für bösartige Arbeitslose, denen man am besten die Existenzgrundlage entziehen sollte.
Was in mir den Zorn aufsteigen lässt, ist die Tatsache, dass einerseits behauptet wird, ohne Beweise zu haben, die Schergen Putins hätten Nawalny vergiftet, und dass sich keiner darüber aufregt, wieviele Menschen durch kapitalistisches Profitstreben, also hier im Westen, vergiftet werden. Im Gegenteil: Das Wissen darüber wird unterdrückt, es wird kleingehalten*.
Ich habe mir im Jahre 2001 bei Max Bahr Wollauslegeware für meine Wohnung in Kassel gekauft. Die Jahre über wurde ich immer schwächer, kraftloser. Ein Arzt, der noch etwas von Umweltmedizin verstand, und der nach der Ausstattung meiner Wohnung fragte, brachte den Verdacht auf, dass es an Permethrin liegen könnte. Eine Analyse meines Staubsaugerbeutels bestätigte den Verdacht: Der Gehalt an Permethrin überstiegt um das 40-fache den Grenzwert. Wenn nun ein Typ wie Maas sich wie ein Pharisäer aufführt, kommt mir die Wut hoch, denn was im Falle von Vergiftungen in Deutschland passiert, brachte Antje Bultmann schon 1996 mit dem Titel ihres Buches „Vergiftet und allein gelassen“ auf den Punkt.
Nawalny wird benutzt, um Stimmung gegen Putin zu machen, darüber hinaus gehen Leuten wie Maas die Opfer der chemischen Industrie (und den Anwendern und Verbreitern der Gifte) am Arsch vorbei.
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*Ich hatte 2006 ein Telefongespräch mit einem Herrn aus der Teppichbranche, der mir von zwei Babys erzählte, die durch Permethrin in Teppichen zu Tode gekommen waren. Und dass es deswegen zu Prozessen gekommen war. Kein Wort darüber in der Presse.
Bei einer Tauffeier lernte ich jemand kennen, der einen Film über das Wohngift Permethrin für das Fernsehen gedreht hatte. Er selbst und der Sender wurden bedroht, um die Sendung dieser Dokumentation zu verhindern.

Mir scheint (scheint, wegen meiner Sehbehinderung), der folgende Link führt zum kompletten Buch von Antje Bultmann:

http://gabnet.com/bultmann/bultmann-antje-vergiftet-und-alleingelassen.htm

Grüne zum Fall Nawalny (nur noch peinlich):

https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/wie-im-affekt?fbclid=IwAR0ejcwU3btJre9mtS6ni_WrMvs12F7x1-qw_dTfqEaHj6wSgStqZ0_Iov4

Kafka: Eine Gemeinschaft von Schurken — 19. August 2020

Kafka: Eine Gemeinschaft von Schurken

Ich freue mich, dass ihr die kleine Erzählung von Kafka „Auf der Galerie“ angenommen habt. Hier ist ein weiterer Text von ihm, den ich vor einiger Zeit zur Einleitung meines Essays „Die Hinwendung der Kunst zu den Schwachen und Außenseitern verwendet habe.
>>Es war einmal eine Gemeinschaft von Schurken, das heißt, es waren keine Schurken, sondern gewöhnliche Menschen. Sie hielten immer zusammen. Wenn zum Beispiel einer von ihnen […] einen Fremden, außerhalb ihrer Gemeinschaft Stehenden, auf etwas schurkenmäßige Weise unglücklich gemacht hatte, – das heißt wieder nichts Schurkenmäßiges, sondern so wie es gewöhnlich, wie es üblich ist, – und er dann vor der Gemeinschaft beichtete, untersuchten sie es, beurteilten es […], verziehen und dergleichen […]: >>Wie? Darum machst du dir Kummer? Du hast doch das Selbstverständliche getan, so gehandelt wie du mußtest. Alles andere wäre unbegreiflich. Du bist nur überreizt. Werde doch wieder verständig.<< So hielten sie immer zusammen, auch nach ihrem Tode gaben sie die Gemeinschaft nicht auf, sondern stiegen im Reigen zum Himmel [empor]. Im Ganzen war es ein Anblick reinster Kinderunschuld, wie sie flogen. Da aber vor dem Himmel alles in seine Elemente zerschlagen wird, stürzten sie ab, wahre<< Felsbrocken.

Kafka Auf der Galerie — 16. August 2020

Kafka Auf der Galerie

Der folgende Text ist ein Beispiel für die zwiefache Sicht auf die Realität (gepostet auf den Wunsch von Kurt hin):

>>Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das: Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.<<

 

Nachricht an Kommentator*innen — 13. August 2020
Gastbeitrag vom altautonomen — 7. August 2020

Gastbeitrag vom altautonomen

„Chris Tall“ (Olive Nast) – eine Säule des rassistischen Kulturimperialismus

„Alle Rollstuhlfahrer im Saal mal aufstehen!“
„Großer Penis, kann schnell laufen!“ (Gemeint sind Schwarze)
„Ich sehe da hinten nur einen weißen Pullover, ist der aus Baumwolle?“ „Wer sie pflückt, darf sie auch tragen!“ (Schwarze)
„Heute ist Chris-Tall-Nacht!“

https://www.youtube.com/watch?v=nwAL06N3XX4

https://www.youtube.com/watch?v=xAcnDD5mVNs

Die kleine Pisswurst, die mit derartigem Alltagsrassimus Witze über Minderheiten macht, während sich das in seinen Vorurteilen und Ressentiments bestätigte johlende Pegida-Publikum (1-Life XXL = jeweils ca. 14.000 Gäste) vor Begeisterung auf die Schenkel klopft, hat inzwischen seine Omnipräsenz in den öffentl.-rechtl. TV-Anstalten etablieren können.

Hier ein paar Beispiele aus den letzten Jahren:
Quelle: Youtube

SWR 3 Comedy Festival 2018
MDR Spasszone 2018
WDR Das Vivaldi Experiment 2016
hr Comedy Tower 2017
ZDF Markus Lanz 2017
SWR Die Pierre M. Krause Show – Latenight 2018
WDR Nightwash 2017
ZDF Volle Kanne 2018
WDR Kölner Treff 2018
NDR Ultra Dry 2017
3Sat „Hölzerner Besen“ 2015
WDR 1Life 2017
NDR Tietjen und Bommes 2017
ARD Wer weiss denn sowas 2017

Zum Schluss bekam Christopher Nast alias Chris Tall auch noch die Auszeichnung „Bambi“ verliehen.

Sein Motto: Darf der das? Ja, er darf dass, genauso, wie ich es darf, ihn einen Rassisten zu nennen. Satire darf alles, sofern sie die Grenzen der Satire nicht überschreitet, was hier aber der Fall ist.

Herr Buhrow hat anscheinend nichts dagegen, dass dieser Typ wie ein Shootingstar der Comedianszene unkritisch durch die ARD-Sender gereicht wird. Hauptsache „seit 5:45 Uhr wird zurückgelacht“.

Wer wissen möchte, wie sich in Deutschland ein gesellschaftlich rassistischer Konsens etablieren konnte, sehe sich die Videos von Tall an.

Wenn die Sonne der Kultur am Horizont versinkt, werfen auch Zwerge lange Schatten.

Lisa Eckart ausgeladen — 6. August 2020

Lisa Eckart ausgeladen

>Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart gehört zu den Personen, denen deutsche Medien das Attribut „umstritten“ als vorangestellten Namensbestandteil verliehen haben. Nun wurde Eckhart, wie der SPIEGEL berichtet, vom Veranstalter einer Literaturlesung in Hamburg ausgeladen. Die offizielle Begründung: Eckhart sei so umstritten, dass man im „bekanntlich höchst linken Viertel“, in dem die Veranstaltung stattfinden sollte, die „Sicherheit der Besucher und der Künstlerin“ nicht gewährleisten könne. Zuvor hatten zahlreiche Feuilletonistinnen, angeführt von taz und SPIEGEL, Eckhart Antisemitismus, Rassismus und weitere unschöne Dinge vorgeworfen und damit die Atmosphäre geschaffen, die sich nun nach Ansicht der Veranstalter gewalttätig entladen könnte. Das ist tragisch. Noch tragischer ist jedoch, dass große Teile des sich selbst als linksliberal verstehenden deutschen Feuilletons offenbar die Satire von Lisa Eckhart nicht einmal im Ansatz verstehen, fehlt ihnen doch jeglicher Sinn für kritische Selbstreflektion.<< Von Jens Berger.

Mehr:

Der Fall Lisa Eckhart – Cancel Culture in Deutschland