Sich selbst ein blinder Fleck
Selbstreflexion am Beispiel des Anton Reiser von Karl Philipp Moritz

von Klaus Baum

kinderarbeit

SPRECHER: Es gibt Menschen, die, wenn sie mißhandelt werden, glauben, das geschehe ihnen gerade recht, seien sie doch minderwertig und hätten nichts besseres verdient.
Andere wieder werden mißachtet, zur Seite gedrängt, mit Herablassung und Arroganz behandelt; auch von ihnen glauben viele, das müsse so sein, denn es geschehe bestimmt nur deshalb, weil sie doch schon froh sein müßten, unter den Lebenden überhaupt geduldet zu werden.
Das Ungeheuerliche wird das Selbstverständliche, ist das Übliche. Das Ungeheuerliche ist derart alltäglich, daß es häufig gar nicht mehr als ungeheuerlich empfunden wird. So sehr haben nicht nur die Täter sich daran gewöhnt, sondern auch die Opfer.

Die Menschheit besteht also noch immer aus mindestens zwei Klassen: Die einen dominieren, bestimmen, verfügen, diktieren die Bedingungen nach Maßgabe ihrer Durchsetzungskraft. Wenn es hochkommt, bewahren sie zumindest noch eine gewisse Freundlichkeit. Sie gleichen Erwachsenen, so formulierte es einst Kafka, die über das Geplauder eines Kindes hinweghören: grundsätzlich wohlwollend, aber unerreichbar. Die Erfolgreichen, also – metaphorisch gesprochen – die Erwachsenen, ziehen es vor, unter sich zu bleiben, denn was sie betreiben, ist so ernsthaft und bedeutungsvoll, daß die vermeintlich Wertlosen, und das ist die andere Klasse, nur stören würden. Das Wohlwollen gegenüber den Unwichtigen, den „most unimportant persons“, ist das äußerste Zugeständnis, das diese Prominenz macht, um ihre Unerreichbarkeit – mit gutem Gewissen vor sich selbst – bewahren zu können. Doch in den meisten Fällen sind die Durchsetzungsstarken nicht einmal wohlwollend. Die meisten derer, die Karriere machen, haben eines gemeinsam: Je mehr sie sich Mitmenschlichkeit leisten könnten, desto weniger halten sie diese für nötig. Hat man erst einmal erreicht, was man erstrebte, scheint Humanität zu nichts mehr nutze. Diejenigen, denen die gesellschaftlich anerkannte Stellung alles ist, zeichnet vor allem eines aus: Einfühlungsvermögen für ihre Klasse, die Klasse der Täter und Sieger.
Im öffentlichkeitsorientierten Kulturbetrieb etwa gilt nicht die Wahrheit, die ja ohne Gerechtigkeit nicht existiert, als das Wahre, sondern dasjenige, was sich durchsetzt, was von einer möglichst großen Zahl von Etablierten goutiert, diskutiert, für wichtig gehalten und deshalb propagiert wird. Je häufiger zum Beispiel Texte eines abstrakt denkenden Philosophen, der sich den Anschein gesellschaftlicher Aktualität gibt, je gestreuter seine Aufsätze und Reden publiziert werden, desto bedeutender erscheint er. Der zu Einfluß und Ansehen gekommene Theoretiker, dessen Stärke die Generalisierung, das Denken in großen Zügen ist, ein solcher Theoretiker münzt seine Schwäche in eine Tugend um: Er kann die Stärke eines anderen, der von der Erfahrung und der Anschauung her zu denken vermag, der sich von der Spontanität unmittelbarer Eindrücke inspirieren läßt, eine solche Stärke kann der abstrakt denkende Philosoph dank seiner großen öffentlichen Reputation herabsetzen und sie als „Feier des Konkreten“ verächtlich machen. Wer aber konkretes Erfahren und Denken als Feier seiner selbst bezeichnet, offenbart einen Teil seiner eigenen Unfähigkeit: Denn wer das Konkrete wirklich erfährt, weiß, daß es da wenig zu feiern gibt. Es gehört jedoch zu den Kennzeichen etablierter Macht und zu den Merkmalen der Herrschaft partikularer Fähigkeiten, all das, was die universelle Gültigkeit einseitiger Wahrheiten in Frage stellen könnte, auszugrenzen und zu tabuisieren.

Die Rede ist von einer sich zu allen Zeiten wiederholenden Erfahrung, unterdrückt zu werden. Dabei macht es keinen Unterschied, ob – wie heutzutage – der Wert spontaner, also noch nicht gefilterter Empfindungen als mögliches Substrat des Denkens durch die herrschende Wissenschaft lächerlich gemacht wird oder ob – wie vor zweihundert Jahren – einflußreiche pietistische Sekten jeglichen Impuls der Freude, jegliche Regung der Lust fanatisch ächteten. So beklagt Hermann Samuel Reimarus, der Autor jener von Lessing veröffentlichten Fragmente eines Ungenannten, in seiner erst 1972 erstmals veröffentlichten Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes, daß der christliche Glaube in der kleinbürgerlich-religiösen Praxis des 18. Jahrhunderts nicht auf die Vernunft und die Einsichtsfähigkeit des Menschen gegründet wurde: Dieser Glaube wurde vielmehr durch die Androhung ewiger Höllenqualen erzeugt. Repression und Gewalt, Demagogie und Pathos von den Kanzeln herab waren die Mittel, um die Menschen an solche Religion zu binden. Aber psychisch noch um vieles gewalttätiger als die kirchliche Verkündigung der Furcht vor dem Teufel und das Auswendiglernen katechetischer Formeln in den Schulen waren die damaligen christlichen Sekten. Zu diesen gehörte der Pietismus; und der mystische Quietismus der Madame Guyon war eine verschärfte Form des protestantisch geprägten Pietismus. Das jedenfalls wird deutlich, liest man den Anton Reiser von Karl Philipp Moritz, der 1785 erstmals veröffentlicht wurde. Anton, der Protagonist, leidet unter seinem Vater; der mißbraucht den Quietismus, um seine Familie zu terrorisieren, um über sie eine eifernde Kontrolle auszuüben.

Karl Philipp Moritz, ein Zeitgenosse Goethes, hat seinem Anton Reiser nicht nur den Untertitel Ein psychologischer Roman gegeben, er kann auch als Begründer des psychologischen Romans als Sujet angesehen werden, des Romans als einer Kunstform, in der sich sein Autor einer Selbstanalyse unterzieht, in der eben dem scheinbar Unbedeutenden und Geringen endlich jene Aufmerksamkeit zuteil wird, die ihm das Kulturestablishment bis heute weitgehend verweigert. Selbst die Redaktion von Kindlers Literatur-Lexikon wirft Karl Philipp Moritz mit dem Unnahbarkeits-Ton ichloser Literaturwissenschaft vor, er betreibe „Selbstentblößung“; die Lexikon-Redaktion demonstriert damit genau jene Arroganz, unter der Moritz schon zu Lebzeiten zu leiden hatte. Bis auf den heutigen Tag ist es – trotz psychoanalytischer Einsichten – vielerorts verpönt, sich selbst zu beobachten, Introspektion oder gar Autovivisektion zu betreiben, sich selbst zum Gegenstand eines Gespräches oder selbstkritischer Reflexion zu machen. Sich selbst vor anderen zu analysieren – und sei es in Form eines Buches – ist ebenso anrüchig wie auf dem Marktplatz seinen Darm zu erleichtern. Das eigene Ich – so scheint es – stinkt, indem es sich zeigt. Selbst eine Schriftstellerin wie Elfriede Jelinek, die Sexuelles und Anales literarisch auslebt, zieht die Verschleierung vor: Wenn ein Autor „Ich“ sagt, soll er nicht von sich selber sprechen. Jelinek rät, Autoren zu lesen, „die zwar ich sagen, sogar unaufhörlich, […] aber nicht sich damit meinen.“ Doch gerade das Gegenteil sollte der Fall sein: Nicht vom Ich zu sprechen, aber das Ich zu meinen. Wenn man die Hölle umgestalten will, darf man nicht so tun, als sei das Ich, von dem man spricht, immer nur das eines anderen. Das Ich existiert nicht außerhalb des einzelnen Menschen als fiktionales Sündenbock-Ich, als kollektives Phantom, auf das man alles Böse projizieren kann, sondern es existiert nur im Individuum und mit dem Individuum.

So hat Karl Philipp Moritz „Er“ gesagt, aber „Ich“ gemeint. Er, das ist Anton Reiser; doch Reiser ist kein anderer als Moritz selbst. Ohne das konkrete Ich bliebe das Allgemeine, das durch Kunst beziehungsweise Literatur angestrebt wird, nur ein leerer Schatten. Alexander Pope hat einmal geschrieben: „The proper study of mankind is man.“ – „Wer die Menschheit, wer das Allgemeine kennenlernen will, muß vom Einzelnen ausgehen.“ Diese Einsicht, die sich Moritz zu eigen machte, ist auch heute noch gültig, denn wer außer mir selbst kann in mich hineinsehen. Mein Inneres, die ganze Fülle an seelischen Regungen, von spontaner Zuwendung bis hin zu instinktiver Abwehr, ist für mich an mir und in mir selbst am besten wahrnehmbar. Mein Inneres, das heißt, das Innere eines jeden Menschen ist ein komplexer Kosmos, bestehend aus Triebregungen, Bedürfnissen, Abhängigkeiten, Empfindungen, Gefühlen, Gedanken und Träumen; und indem ich mein Inneres nach außen hin sichtbar werden lasse – durch künstlerische Darstellung oder durch philosophische Reflexion -, spreche ich nicht nur über mich selbst, sondern ich spreche über einen Teil des menschlichen Lebens ganz allgemein: das eigene Ich hat stellvertretenden, exemplarischen Charakter. Die Kunst bietet zwar eine Reihe von Techniken, um das eigene Ich zu verfremden, um den Anschein zu erwecken, wenn man als Schriftsteller namens Moritz Reiser sagt, auch Reiser zu meinen; aber diese Technik, obwohl sie das Ich von sich selbst distanziert, führt doch wieder auf das Ich zurück.

Friedrich von Blankenburg, ein Zeitgenosse von Moritz, hat die erste selbständige Romantheorie im deutschsprachigen Raum verfaßt. Der moderne Roman, so fordert Blankenburg, muß das Ich ergründen.

ZITATOR: „Wenn der Dichter nicht das Verdienst hat, daß er das Inn[e]re des Menschen aufklärt, und ihn sich selber kennen lehrt: so hat er gerade – gar keins … Aber, wenn er dies tut, wenn er uns sehen läßt, wie wir gut oder böse, wie wir wahrhaft glücklich oder unglücklich werden können: wenn er uns unsern inner[e]n Zustand, worauf alles dies beruht, als das wichtigste ansehen und ihn uns kennen lehrt, damit wir an anderen lernen können, wie wir uns selbst, und wie wir andere […] ausbilden sollen: – so hat er ein Verdienst ums menschliche Geschlecht.“

SPRECHER: Blankenburg verbindet mit dem Gedanken, daß der Schriftsteller seine Aufmerksamkeit auf das Innere des Menschen richten solle, den der Aufklärung und damit trifft er in ihr Zentrum: denn nicht die Außenwelt sollte in erster Linie erhellt werden, sondern die Vorstellungen, die wir von ihr haben, und diese Vorstellungen finden im Inneren des Menschen statt. Unsere Wahrnehmung der Außenwelt ist abhängig von unseren Vorurteilen, die Bilder, die wir von den Dingen und Menschen haben, entspringen primär unseren Gefühlen und Empfindungen. Die Gefühle nähren die Phantasie, und die Phantasie stimuliert die Empfindungen. Und wer aus seinen Vorurteilen und Phantasien nicht hinausgelangt, lebt in Projektionen, bleibt in seiner Subjektivität befangen, erreicht noch nicht einmal annähernd die Objektivität. Blankenburg nimmt mit seiner Formulierung von der Aufklärung des Inneren eine der wichtigsten Forderungen der Psychoanalyse vorweg, nämlich Freuds Postulat: „Wo Es ist, soll Ich werden.“ Das Es fundiert das Ich, bestimmt es unbewußt. Wie aber sollen die Marionetten-Fäden zwischen dem Es und dem Ich ergründet werden, wenn nicht durch Introspektion, also dadurch, daß der Einzelne zuallererst in sein eigenes Ich hineinblickt und nicht in das von anderen. Das Ich des anderen kann ein jeder von außen ohnehin bloß bedingt erkennen, und nur wer sensibel genug ist, wird den Gemütszustand eines anderen vielleicht erspüren, wird den Ausdruck seiner Augen möglicherweise lesen können; doch ohne die Hilfe des anderen, die darin besteht, daß er durch Sprache sein Inneres offenbart, wird dem bloßen Gespür vieles verschlossen bleiben. Je klarer und transparenter das Verhältnis zwischen dem eigenen Bewußtsein und den eigenen Instinktreaktionen ist, umso besser kann ein jeder dasjenige, was im anderen vorgeht, verstehen.

Wenn aber durch das geistige Klima, das eine historische Epoche beherrscht, die Selbstwahrnehmung tabuisiert und im Lichte der Anrüchigkeit gesehen wird, wenn statt dessen die Rede über das Allgemeine der Menschheit favorisiert wird, dann werden Menschen mit einer besonderen Geschichte gewaltsam an den Rand gedrängt und mißachtet, nämliche solche, die durch Erziehung und ungünstige Umstände in ihrem Verhalten derart unsicher geworden sind, daß sie die anderen nur verschwommen wahrnehmen, gleichsam nur mit gesenktem Blick. Vor lauter Unsicherheit gegenüber den anderen Menschen beobachten sie primär sich selbst. Sie entwickeln einen besonderen Blick, eher der Not gehorchend als der Tugend, einen Blick, der nach innen geht, der auf die eigene Unbeholfenheit, Schüchternheit und Scham gerichtet ist.

So schreibt Karl Philipp Moritz in der Vorrede zum ersten Teil seines Reiser-Romans auch – halb um Verständnis heischend, halb erklärend –
Zitator -: „Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt, und weiß, wie dasjenige oft im Fortgang des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfänglich klein und unbedeutend schien, der wird sich an die anscheinende Geringfügigkeit mancher Umstände, die hier erzählt werden, nicht stoßen. Auch wird man in einem Buche, welches vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine große Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten: denn es soll […] den Blick der Seele in sich selber schärfen. – Freilich ist dies nun keine so leichte Sache […], aber wenigstens wird doch vorzüglich in pädagogischer Hinsicht das Bestreben nie ganz unnütz sein, die Aufmerksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften und ihm sein individuelles Dasein wichtiger zu machen.“

SPRECHER: Karl Philipp Moritz geht es in erster Linie also darum, durch seine Tätigkeit als Schriftsteller die eigene fragile Kraft zu konzentrieren, das heißt, „den Blick der Seele in sich selber schärfen“. Schreibend realisiert Moritz, was Freud erst über hundert Jahre später auf die Formel brachte: „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten.“
Die Forderungen, die Blankenburg und Moritz an die Poesie stellen, daß nämlich der Schriftsteller das Innere des Menschen zum Gegenstand seiner Darstellung machen solle, werfen ein Licht auf das in der bürgerlichen Gesellschaft ihrer Zeit, und nicht nur ihrer Zeit Übliche: die Tabuisierung der Innenwelt, die gleichzusetzen ist mit ihrer Verdunkelung. Bemühte man sich hingegen ganz selbstverständlich darum, die Motive eines anderen zu verstehen, etwa die Handlungen eines Kindes, gehörte es zum Alltäglichen, sich die inneren Beweggründe eines Menschen gleich welchen Alters zu vergegenwärtigen, dann brauchte man die Beschäftigung damit weder zu fordern noch zu rechtfertigen. Es gibt ein in der Geschichtsphilosophie sich hartnäckig haltendes Klischee, daß die früheren Zeiten vom Christentum bestimmt und damit einheitlich gewesen wären. Ein Geist und ein Glaube hätten die Welt zusammengehalten und vor ihrer Zersplitterung in einen heillosen Relativismus bewahrt. Nimmt man aber das Christentum beim Wort, betrachtet man jene angeblich so religiösen Zeiten unter ihrem wesentlichen Aspekt, dem der Nächstenliebe, die die Kälte in der Welt tilgen sollte, dann wird man bereits vor Beginn der Moderne, die die Religion säkularisierte, wenig Liebe in jener Welt finden. Anton Reiser, die literarische Verkörperung seines Autors Karl Philipp Moritz, hatte gerade unter der Lieblosigkeit und dem mangelnden Verständnis seiner Eltern zu leiden; sie gehörten gewissermaßen unterschiedlichen Konfessionen an: Die Mutter war Lutheranerin mit pietistischem Einschlag, eine einfache, plattdeutsch sprechende Frau; der Vater war Anhänger der quietistischen Lehren der Madame Guyon, die er im Sinne seiner Herrschsucht instrumentalisierte; das führte dazu, daß die Kindheit des Anton Reiser zur Hölle wurde, zu einer nicht enden wollenden Tortur, in der jegliche natürliche Regung, jeder kindliche Impuls massiv, wenn nicht sogar fanatisch unterdrückt wurde. Antons Vater drangsalierte den kleinen Buben gemäß einer Devise der Madame Guyon, daß die Menschen „in ihr Nichts […] wieder einzugehen“ hätten.
Dieser Asketismus bedeutete in letzter Konsequenz, daß jeder Einzelne, ja bereits das Kind, alle Leidenschaften in sich abzutöten und alle Eigenheit und Eigenliebe in sich auszurotten hatte. Was zunächst nach Selbstbeherrschung klingt, ist in Wahrheit eine Religion des Selbsthasses; denn nicht erst die Begierde, sondern schon die kleinste Lebensregung, der natürliche Impuls, war zu geißeln. Wenn es denn stimmt, daß nur derjenige wahrhaft lieben kann, der sich selbst akzeptiert, der sich selbst gegenüber Souveränität besitzt, dann kann eine Religion der Selbstverneinung keine Liebe hervorbringen. Forderte die Aufklärung auf dem Niveau eines Immanuel Kant die Internalisierung der Moral, damit das Subjekt verantwortlich aus sich selbst heraus zu handeln vermag, so ist der Quietismus, den Moritz und seine Figur, der Anton Reiser, erlebte, vergleichbar mit der Internalisierung der Gestapo: Dem Ich wird ein Überwachungssystem implantiert, das noch die unschuldigste Freude registriert und durch Gewissensbisse ahndet.

Moritz schreibt über das Verhältnis seiner Eltern zueinander, ein Verhältnis, das durch religiöse Differenzen bestimmt war:

ZITATOR: „Sosehr die Lehren der Madame Guyon von der gänzlichen Ertötung und Vernichtung aller, auch der sanften und zärtlichen Leidenschaften mit der harten und unempfindlichen Seele [meines Vaters] übereinstimmten, sowenig war [es meiner Mutter] möglich, sich jemals mit diesen Ideen [anzufreunden].
[Mein Vater] fing an, ihre Einsichten zu verachten, weil sie die hohen Geheimnisse nicht fassen wollte, die die Madam Guyon lehrte. […]
[Meine] Mutter hatte eine starke Belesenheit in der Bibel, [in der sie lange] Stunden mit innigem Vergnügen [las], aber sobald [mein Vater] versuchte, ihr aus den Guyonschen Schriften vorzulesen, so empfand sie eine Art von Bangigkeit, die vermutlich aus der Vorstellung entstand, sie werde dadurch in dem rechten Glauben irre gemacht. […]
[Hinzu] kam nun noch, daß sie vieles von der Kälte und dem lieblosen Wesen [meines Vaters] auf Rechnung der Guyonschen Lehre schrieb, die sie […] zu verwünschen anfing […].
So wurde der häusliche Friede […] einer Familie jahrelang durch diese unglücklichen Bücher gestört, die wahrscheinlich einer sowenig wie der andere verstehen mochte.
Unter diesen Umständen wurde [ich] geboren, und [man kann] mit Wahrheit sagen, daß ich von der Wiege an unterdrückt ward.
[Die ersten Töne, die mein] Ohr vernahm und [mein] aufdämmernder Verstand begriff, waren wechselseitige Flüche und Verwünschungen des unauflöslich geknüpften Ehebandes.
[In meiner] frühesten Jugend [habe ich] nie die Liebkosungen zärtlicher Eltern geschmeckt, nie nach einer kleinen Mühe ihr belohnendes Lächeln.
[Ich] lebte in einem Haus der Unzufriedenheit, des Zorns, der Tränen und der Klagen.
[Diese] ersten Eindrücke sind nie in [meinem] Leben aus [meiner] Seele verwischt worden und haben sie oft zu einem Sammelplatze schwarzer Gedanken gemacht, die [ich] durch keine Philosophie verdrängen konnte.“

SPRECHER: Der Vater verwandelt das bei Madame Guyon Angelesene und Halbverdaute in rigoristische Wahrheiten, stützt damit vielleicht sein schwaches und frustriertes Ich; aber mit Sicherheit mißbraucht er seine Verabsolutierungen, um die Familie in selbstgerechter Manier zu tyrannisieren. Die lutherisch geprägten Auffassungen der Mutter wischt er mit herrischer Herablassung hinweg, gänzlich unfähig, auf die Gedanken seiner Frau, geschweige denn, auf die Bedürfnisse eines Kindes einzugehen. Doch auch von der Mutter erhält der kleine Anton, alias Karl Philipp, weder Aufmunterung noch Bestätigung. Zärtlichkeit als Ausdruck gegenseitiger Zuneigung ist in diesem Hause etwas völlig Fremdes. Das Leben steht unter einem Diktat der Lust- und Freudlosigkeit; der Grundton des Alltags ist die Beklommenheit. Es ist bekannt, daß der Pietismus kein sonderlich positives Verhältnis zu den schönen Künsten, dem Theater und zum Tanz hatte; weniger bekannt jedoch dürfte der mikrologische Terror sein, der innerhalb der pietistisch geprägten Familien ausgeübt wurde.
Es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit menschlichen Daseins, daß die Kindheit ein Reich des Spiels und der Phantasie sein darf, eine Zeit, in der Sagen und Märchen das kindliche Gemüt nachhaltig prägen; aber für Moritz galt diese Selbstverständlichkeit nicht: Ihm war es untersagt, zu spielen, untersagt, etwas zu tun, bei dem er Freude empfand. Wie trotz dieses finsteren Asketismus, der seine Kindheit beherrschte, die natürlichen Bedürfnisse sich Geltung verschafften, verdeutlicht Moritz mit einer kennzeichnenden Episode: Sein Vater hält sich mit ihm zu Besuch in Bad Pyrmont auf. „Hinter dem Hause, wo“ man „logierte, war ein großer Baumgarten: hier fand“ Anton, das Pseudonym für Karl Philipp, „zufälligerweise einen Schiebkarren und machte sich das Vergnügen, damit im ganzen Garten herumzuschieben.“
Daß der Junge nun Vergnügen empfindet, dürfte – aufgrund der in seinem zarten Alter bereits verinnerlichten rigorosen Normen – eigentlich nicht sein: Er hält Spielen für eine Sünde. Da sein Drang dazu aber unwiderstehlich ist, muß er sein Tun rechtfertigen.

ZITATOR: „[Anton hatte] in den Guyonschen Schriften und anderwärts viel von dem Jesulein gelesen, von welchem gesagt wurde, daß es allenthalben sei und man beständig und an allen Orten mit ihm umgehen könne.
Das Diminutivum [Jesulein] machte, daß er sich einen Knaben, noch etwas kleiner wie er, darunter vorstellte, und da er nun mit Gott selber schon so vertraut umging, warum nicht noch vielmehr mit diesem seinem Sohne, dem er zutraute, daß er sich nicht weigern werde, mit ihm zu spielen, und also auch nichts dawider haben werde, wenn er ihn ein wenig auf dem Schiebkarren herumfahren wollte.
Nun schätzte er es sich aber doch für ein sehr großes Glück, eine so hohe Person auf dem Schiebkarren herumfahren zu können und ihr dadurch ein Vergnügen zu machen; und da diese Person nun ein Geschöpf seiner Einbildungskraft war, so machte er auch mit ihr, was er wollte, und ließ sie oft kürzer, oft länger an dem Fahren Gefallen finden […].
So sah er dies am Ende für eine Art von Gottesdienst an und hielt es nun für keine Sünde mehr, wenn er sich auch halbe Tage mit dem Schiebkarren beschäftigte.“

SPRECHER: Diese Episode demonstriert, wie gegen eine starre, im Über-Ich installierte Moral die natürlichen Triebregungen des Menschen sich trotz alledem Geltung verschaffen. Spielen ist verboten, Religion ist erlaubt. Um also spielen zu können, verwandelt Anton sein – aus einfühlsamer Sicht ohnehin unschuldiges – Spiel in einen Gottesdienst. Er bedient sich dabei eines Elements, daß der Guyonschen wie der lutherischen Lehre gemeinsam ist, nämlich der Vorstellung von der Allgegenwart Gottes. Luther sagt sinngemäß: Gott ist im Größten und im Kleinsten, er umfaßt die Welt, befindet sich aber ebenso in jedem „Körnlein“. Anton nimmt diese ursprünglich mystische Erfahrung in ihrem kruden Realismus für sich an, affirmiert sie, um sie zu unterlaufen. Moritz macht dem Leser als einem Außenstehenden damit sichtbar, was sich im Inneren des Kindes abspielt. Wer käme sonst schon auf den Gedanken, daß ein Kind, das eine Schubkarre hin- und herfährt, sich vorstellt, das „Jesulein“ spazierenzufahren. Erst dadurch, daß Moritz kraft seiner Erinnerung von sich selbst erzählt, erfährt der Leser, was sich in Anton Reiser, was sich einst in ihm, Karl Philipp Moritz abspielte. Die Darstellung ist anschaulich, konkret und zugleich reflektierend.
Moritz macht sich als Erwachsener bewußt, wie er als Kind vom Asketismus seines Vaters beeinflußt, unterdrückt wurde und wie er ihn dennoch, um spielen zu können, unterlaufen hat. Die romanartige Darstellung ist angereichert mit selbstkritischem Humor und Ironie; das erlaubt dem Autor, sich von den schwärzesten Einflüssen und eigener Wehleidigkeit zu distanzieren.
Mit Selbstentblößung hat das nichts zu tun, sondern vielmehr mit der Durcharbeitung der mannigfachen Details der eigenen Lebensgeschichte, einer Durcharbeitung, die keine Tabus akzeptiert. Moritz reflektiert an anderer Stelle aber auch die Erfahrung, daß es für Kinder oftmals äußerst schwer ist, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Er veranschaulicht diesen Sachverhalt mit folgender Geschichte:
Ein Kind träumt, es pinkele an eine Wand, näßt aber statt dessen sein Bett. Das Kind wird dafür verprügelt. Diese Prügel hemmen nun auch den Drang, die Blase im Wachzustand zu entleeren. Das Kind steht also real vor einer Wand, wagt aber lange nicht, „einem dringenden Bedürfnis der Natur ein Genüge zu tun“:

ZITATOR: „[Es] befürchtete, es möchte wieder ein Traum sein, für den es wieder eine scharfe Züchtigung erwarten müßte – bis [es] sich erst allenthalben umgesehen, und dann auch in Ansehung der Zeit zurückgerechnet hatte, ehe [es] sich völlig überzeugen konnte, daß [es] nicht träume.“
Das zivilisatorische Ich, durch Härte, Gewalt und ein System von Strafen geformt, wird zu einem gehemmten, verklemmten, zurückgestauten Ich, dem seine Naturabhängigkeit, sein Triebhaftes als Katastrophe widerfährt. Moritz erarbeitet in seinem psychologischen Roman die Conditio humana, das heißt, die Bedeutsamkeit, die er jener „unendlichen Menge von Kleinigkeiten“ zumißt; und die besagt unmißverständlich: Menschliches Leben kann nur – so würde man im Universitätsjargon derzeit sagen – erforscht werden, indem man sich der Selbstanalyse als einer Methode bedient. Moritz zufolge bedarf es der Hinwendung zum eigenen Ich, einer allgemein zugänglichen Selbstreflexion – heute müßte man sagen in Gestalt von Literatur, Film, bildender Kunst, inhaltlicher Philosophie oder einer an Fallbeispielen orientierten Psychoanalyse -, um dem einzelnen deutlich zu machen, daß er nicht allein ist mit all dem, was ihm an sich selbst als fremd, beunruhigend oder gar beängstigend begegnet. Die Subjektlosigkeit der Wissenschaften, wie der Berliner Religions-Philosoph Klaus Heinrich es nennt, die Subjektlosigkeit der Wissenschaften ist an den Details individuellen Daseins nicht interessiert, ja sie suggeriert mit der Arroganz der Macht, daß es keine Authentizität gibt und die Erfahrungen des Einzelnen irrelevant sind. Die Universität als möglicher Ort der Reflexion hat die Erfahrung als ihr Substrat aus großen Bereichen der Natur- wie der Geisteswissenschaften weitgehend verbannt. So ist die Erfahrung in die zahllosen Talk-Shows der Fernsehwelt abgedrängt, um den Preis freilich, daß ihr dort der Geist abhanden gekommen ist. Zwischen den Polen Geist ohne Erfahrung und Erfahrung ohne Geist bleibt nur noch die Kunst als letztes Refugium ihrer Synthese. Es ist schlechterdings nicht vorstellbar, daß man von Philosophen wie Habermas oder Luhmann erfährt, welche Nöte sie als Kinder hatten, weil sie etwa Traum und Wirklichkeit nur schwer unterscheiden konnten.
Aber auch hinsichtlich der Kunst als letztem Refugium einer Synthese bedarf es der Differenzierung. Kunst muß welthaltig sein, um das leisten zu können, was Moritz sich von ihr erhofft, nämlich: „das individuelle Dasein wichtiger zu machen“. Kunstwerke, die auf qualitative Momente verzichten, die ihre zum Inhalt geronnene simple Form endlos reproduzieren, wie etwa die Arbeiten des Schweizer Künstlers Niele Toroni, sind welt- und ich-leer: Toroni tut nichts anderes, als in regelmäßigen Abständen kleine Farbquadrate (mit ausgefranster Pinselstruktur) auf weiße Wände zu setzen – und das seit 1967. Auch wenn der bekannte Ausstellungsmacher Harald Szeemann solches Tun mit dem Gedicht von Getrude Stein vergleicht, in dem, so Szeemann, „durch Wiederholung das ursprünglich durch das Wort evozierte Bild der Rose in ein Sprachbild überführt“ wird, bleibt angesichts des wiederholten Abdrucks eines Pinsels für mich nur ein schaler Geschmack: Die Wiederholung des Immergleichen wirkt entleerend, verbindet sich mit dem Gefühl von Ödnis und Langeweile. Karl Philipp Moritz hat eine solche Erfahrung beschrieben. Er, das heißt, Anton Reiser, durchläuft eine Lehre bei einem Hutmacher namens Lobenstein in Braunschweig:

ZITATOR: „(S)o verfloß damals Antons Leben: des Morgens von sechs Uhr an rechnete er bei seiner Arbeit aufs Frühstück, das er immer schon in der Vorstellung schmeckte, und wenn er es erhielt, mit dem gesundesten Appetit verzehrte, den ein Mensch nur haben kann.
Dann ging es wieder frisch an die Arbeit, und die Hoffnung aufs Mittagessen brachte wiederum neues Interesse in die Morgenstunden, wenn die Einförmigkeit der Arbeit zu ermüdend wurde.
Des Abends wurde jahraus, jahrein eine kalte Schale von starkem Biere gegeben. Reiz genug, um die Nachmittagsarbeiten zu versüßen.
Und dann, vom Abendessen an bis zum Schlafengehen, war es der Gedanke an die bald bevorstehende, sehnlich gewünschte Ruhe, der nun über das Unangenehme und Mühsame der Arbeit wieder einen tröstlichen Schimmer verbreitete.
Freilich wußte man, daß den folgenden Tag der Kreislauf des Lebens so von vorn wieder anfing. Aber auch diese zuletzt ermüdende Einförmigkeit im Leben wurde durch die Hoffnung auf den Sonntag wieder auf eine angenehme Art unterbrochen.
Wenn der Reiz des Frühstücks und des Mittags- und Abendessens nicht mehr hinlänglich war, die Lebens- und Arbeitslust zu erhalten, dann zählte man, wie lange es noch bis auf den Sonntag war, wo man einen ganzen Tag von der Arbeit feiern und einmal aus der dunklen Werkstatt vors Tor hinaus in das freie Feld gehen und des Anblicks der freien offenen Natur genießen konnte.
Oh, welche Reize hat der Sonntag für den Handwerksmann, die den höheren Klassen von Menschen unbekannt ist, welche von ihren Geschäften ausruhen können, wenn sie wollen.“

SPRECHER: Moritz bestärkt den Leser, sofern er Ähnliches erlebt hat, in seinen Gefühlen und Empfindungen; wer die ewigen Wiederholungen, etwa in der Ödnis entqualifizierter Arbeit als seelisch belastend empfindet, sollte das nicht als Ausdruck einer Krankheit oder als Lebensuntüchtigkeit verstehen, sondern als ein Symptom für berechtigte Lebensenergie, für einen Hunger nach Erfahrung, nach Vielfalt, nach Erkenntnis, nach Eigenständigkeit. Die Begrifflichkeit, mit der Harald Szeemann die freiwillige Selbstversklavung Toronis an die immer gleiche Einfaltspinsligkeit überhöht, hat ausgrenzende Wirkung, es bedeutet dem Betrachter, dem Leser, wenn du nicht verstehst, was ich hier in abstrakt-metaphysischer Sprache sage, dann hast du keinen Zugang zur Kunst. Die Sprache, die Szeemann für die Arbeit Toronis findet, ist aufgeblasen – und in dieser Form ist sie das Äquivalent zum fehlenden Inhalt. Was inhaltlich nicht vorhanden ist, muß sprachlich beschworen werden. Der Leerform der Malerei entsprechen die Leerformeln des Textes. Eine der Ursachen solch entleerter Begrifflichkeit ist eine Form des Denkens, in der sich die Abspaltung des Inneren der Menschen von ihren Äußerungen manifestiert. Die Sprache, die sie sprechen und schreiben, hat keinen Bezug mehr zu dem, was sie fühlen, empfinden, erleiden. Der Druck, der durch die Ächtung von Erfahrung ausgeübt wird – und solche Ächtung ist das Äquivalent der verleugneten Angst vor Offenheit und Wahrhaftigkeit -; dieser Druck durch die Ächtung der Erfahrung läßt den Einzelnen an sich selber irre werden.
Um in einer derart neurotisch geprägten Gesellschaft bestehen zu können, ist das Ich genötigt, sich durch Selbstverleugnung anzupassen. Moritz demonstriert an seinem Spiegelbild Anton Reiser, wie die ständige Entwertung seiner Person durch ein dehumanisiertes Kleinbürgertum, durch die Geist- und Weltfeindschaft seiner Umwelt bei ihm zu mangelndem Selbstvertrauen und zu starken Minderwertigkeitsgefühlen führt. Reiser bleibt im Grunde genommen kein anderer Ausweg, als sich in die Lektüre von Büchern zu flüchten, etwa die Insel Felsenburg, eine Art Robinsonade von Johann Gottfried Schnabel, den Werther von Goethe und die Dramen Shakespeares. Die Literatur stellt eine vermittelte Form menschlicher Weltsicht dar, mit deren Hilfe es möglich ist, die unmittelbare Lebenswelt mit ihren reduzierten, verengten Maßstäben zu relativieren; so kann die Souveränität Shakespeares, an der der Leser partizipiert, das Ich stärken, kann ihm eine Kraft zuteil werden lassen, die ihm ermöglicht, sich aus dem Kleinbürgertum zu befreien, das durch die Verabsolutierung seiner Maßstäbe fast so hermetisch ist, wie es die Verließe der Inquisition einst waren, in denen man mit den Menschen die Wahrheit gefangenhielt. Was das Ich erlebt, was ihm widerfährt, wird zur Erfahrung im emphatischen Sinne erst dann, wenn das Ich aus einer anderen Perspektive zurückblicken kann auf das, was es hinter sich gelassen hat. Ohne Distanzierung von all dem, was mich mit dem Druck der Autorität oder der Macht bestimmt hat, ohne Relativierung der Wahrheitsansprüche von Menschen, von denen ich abhängig bin, die mich gleichsam in der Hand haben, ohne einen von den einschnürenden Wahrheitsansprüchen abweichenden Maßstab, der mir erst Vergleiche erlaubt, gibt es keine Erfahrung. Oder anders gesagt: Machtausübung, insonderheit die diktatorische, ist stets bestrebt, Erfahrung zu verhindern: sie verbietet – bis hin zur Androhung der Todesstrafe -, andere Sichtweisen als die geschönte Darstellung ihres Verhaltens zur Kenntnis zu nehmen. Wer im Nazideutschland den englischen Radiosender BBC hörte, riskierte sein Leben. Und wenn die Nazis Bücher verbrannten, tabuisierten sie damit in erster Linie die Möglichkeit einer relativierenden und kritischen Beurteilung ihrer Vorstellungen. Der Begriff der Gleichschaltung, der auf eine Art kollektiver Monochromie abzielte, war identisch mit dem Vorgang der Ausmerzung einer Außenperspektive, der Vernichtung eines Blicks, der von außerhalb das Treiben als gespenstisch in Frage stellen konnte.
Es ist zwar geboten, nicht leichtfertig Vergleiche mit dem Faschismus anzustellen, doch die Erfahrung lehrt, unterstützt von begrifflicher Analyse, daß gerade das lautstarke Gegenteil von etwas, das als zu Überwindendes propagiert wird, die Strukturen des Negierten wiederholt. Die Negation, die auf eine Position folgt, wie die französische Revolution auf das Ancien Régime – oder der Antifaschismus auf den Faschismus – vollzieht sich in der Zeit, und das heißt in der Geschichte. Wenn es im Judentum heißt, das Geheimnis der Erlösung liege in der Erinnerung, so besagt diese Einsicht vor allem eins: Die Menschen, die das Böse überwinden wollen, müssen ein Gespür für den Augenblick entwickeln, in dem sie unter dem Vorzeichen des Guten das alte Übel zu wiederholen beginnen. Ein derartiges Gespür bedarf zu seiner Ausbildung der begrifflichen Analyse des Vergangenen, einer Analyse, die lediglich die Voraussetzung für die Möglichkeit, aber noch keine Garantie bildet, daß das richtige Leben für einen Augenblick doch noch gelingt. Klaus Heinrich zum Beispiel kennzeichnet in seiner detaillierten Kritik der Logik diese als Gegenteil mythischen Bewußtseins und somit als eine moderne Form rationalen Denkens. Heinrich zeigt jedoch gleichzeitig auf, daß die Deduktionen der Logik, das unbarmherzige Ineinandergreifen ihrer Beweisschritte den Zwangscharakter des Mythos reproduziert. Er bestätigt in seinem Buch tertium datur durch die Strukturvergleiche von Mythos und Logik die in der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno eher pauschal aufgestellte Behauptung, daß Aufklärung in Mythologie umschlage. Ähnliches, so meine ich, kann man von einer Art abstrakten, nur in Allgemeinbegriffen sich bewegenden Philosophie behaupten, wenn sie ein von Erfahrung ausgehendes Denken lächerlich zu machen versucht und den Begriff der Authentizität mit dem Hinweis desavouiert, der sei historisch überholt. Die damit verbundene Unterdrückung und Abwertung der Leidensperspektive, des Blicks von unten, ist nichts weiter als eine andere Form der Gewaltausübung. Adorno, der von der Schulphilosophie heute weitgehend verdrängt worden ist, hatte die Erziehung des Menschen dem Postulat unterstellen wollen, daß Auschwitz sich nicht wiederhole. Diesem Ethos entspricht die Selbstreflexion in Adornos Philosophie, das heißt die begriffliche Reflexion auf die Grenzen des Begriffs, auf das, was der Abstraktionsmechanismus philosophischen Denkens ausscheidet. Adorno hat darauf aufmerksam gemacht, daß es einer stetigen Wachsamkeit bedarf für das, was im Denken nicht aufgeht, was sich ihm entzieht, also Wachsamkeit für das, was allein die Erfahrung von unten her dem Gedanken zutragen kann. Dafür bedarf es der Aufmerksamkeit für den anderen. Adorno hat mit Bezug auf Walter Benjamin dem Denken in großen Zügen, dem philosophischen Weltentwurf von oben her, seine Forderung entgegengesetzt: Die Versenkung ins Detail, die Anschauung der kleinsten Zelle der Wirklichkeit trägt mehr zur Erkenntnis allgemeiner Zusammenhänge bei, als eine Form der Abstraktion, die sich für die allein gültige Gestalt der Wahrheit hält.
Karl Philipp Moritz – und das macht den hohen Rang seines autobiographischen psychologischen Romans aus – reflektiert aus der konkreten Erfahrung heraus, aus einer Erfahrung endloser Demütigungen, Zurückweisungen und der daraus folgenden Erkenntnis, daß die Mikrostrukturen des Alltags Modellcharakter haben für das Allgemeine. Anton Reisers zweites Fluchtmedium, mit dessen Hilfe er seiner tristen Realität zu entkommen trachtete, war das Theater – angeregt durch das erste, die Literatur und das Lesen.

ZITATOR: „[Anton fühlte sich] durch die Lektüre des Werther eben so wie durch den Shakespeare, sooft er ihn las, über alle seine Verhältnisse erhaben; das verstärkte Gefühl seines isolierten Daseins, indem er sich als ein Wesen dachte, worin Himmel und Erde sich wie in einem Spiegel darstellt, ließ ihn – stolz auf seine Menschheit – nicht mehr ein unbedeutendes, weggeworfenes Wesen sein, das er sich in den Augen anderer Menschen schien.“

SPRECHER: Und an anderer Stelle schreibt Karl Philipp Moritz über sein alias Anton Reiser:

ZITATOR: „[Nachdem Anton] den Shakespeare … gelesen hatte, war er […] kein gemeiner und alltäglicher Mensch mehr – es dauerte auch […] nicht lange, so arbeitete sich sein Geist unter all […] seinen äußer[e]n drückenden Verhältnissen, unter allem Spott und Verachtung, worunter er vorher erlag, empor […].“

SPRECHER: Die drückenden Verhältnisse, von denen Moritz spricht, sind – um ein Bild zu gebrauchen – dem Asphalt vergleichbar, und der Geist, der durch die Literatur genährt und gestärkt wird, jenen Pflanzen, die den Asphalt sprengen, um sich so einen Weg zum Licht zu bahnen. Was der Vater von Anton Reiser an seinem Sohn nicht zu unterdrücken vermochte, war dessen Wille zu lernen. Während seines Aufenthalts als Arbeitssklave beim Hutmacher Lobenstein in Braunschweig unternimmt Anton einen Selbstmordversuch. Der Vater holt ihn daraufhin als einen von Gott verworfenen Menschen – nach Hannover – nach Hause zurück. Anton darf jedoch wieder zur Schule gehen, und während dieser Zeit wird sein Wunsch immer stärker, bei einem Theaterstück selber eine Rolle zu spielen. Die Tätigkeit des Schauspielers bietet ihm in seiner Vorstellung eine Gestalt der Freiheit: Wenn man eine Rolle spielt, kann man scheinbar aus sich selbst hinaustreten, indem man in die Haut eines anderen schlüpft. Im Gegensatz zum realen Dasein, in dem ein jeder Opfer der Zeit ist, die sich nicht überspringen läßt, kann man die angenommene Theater-Rolle jederzeit wieder verlassen. Im wirklichen Leben ist man Gefangener, auf dem Theater spielt man ihn bloß. In einem ideellen Sinne verkörpert der Schauspieler die Gleichzeitigkeit von Identität und Distanz. Er ist der Eifersüchtige, der Intrigant, der Geizige, der Kranke, der Menschenfeind – und ist es in Wirklichkeit doch nicht.
Aber die Theaterleidenschaft führt Anton Reiser zu neuen Leiden, denn seine Mitschüler lassen ihn nicht so zum Zuge kommen, wie er gern möchte: Die Primaner seiner Schule in Hannover führen jedes Jahr öffentlich eine Komödie auf. Reiser, den man früher bei solchen Gelegenheiten wie selbstverständlich übergangen hatte, ist sich sicher, daß man ihm diesmal eine Rolle anbieten wird, hatte er doch in der Zwischenzeit Gelegenheit gehabt, eine von ihm selbstverfaßte Rede zum Geburtstag der Königin von England zu halten, die ihm einiges Ansehen eingebracht hatte.

ZITATOR: „[Aber] wie sehr erstaunte er […], da er vernahm, daß man […] dennoch ohne ihn angefangen und sogar schon die aufzuführenden Stücke bestimmt und ihm nicht einmal eine Rolle zugeteilt hatte. – Da er jetzt wirklich viele Freunde und vielen Anhang unter seinen Mitschülern [gefunden] hatte, so konnte er sich diese Zurückstellung erst gar nicht erklären, bis er denn freilich merkte, daß hier ein solcher Rollenneid und ein so ängstliches Bemühen, einander den Rang abzulaufen, stattfand, daß ein jeder genug für sich zu sorgen hatte, und wer sich nicht mit Gewalt hinzudrängte, auch nicht gerufen wurde.“

SPRECHER: Soweit die Schilderung des Sachverhaltes. Die Reflexion darüber und die Verarbeitung im Medium der Erinnerung setzt erst Monate oder Jahre später ein.

ZITATOR: „Reiser hat sich nachher oft an diesen Auftritt in seinem Leben zurückerinnert und Betrachtungen darüber angestellt, wie in diesen kindischen Bestrebungen nach einer so unbedeutenden Sache, als [es] eine Rolle in einem Stücke war, […] sich doch das ganze Spiel der menschlichen Leidenschaften ebenso vollständig entwickelte, als ob es die allerwichtigste Angelegenheit betroffen hätte, und wie das Streben gegeneinander, dies Verdrängen und wieder Verdrängtwerden ein so getreues Bild des menschlichen Lebens im Kleinen war, daß Reiser alle seine künftigen Erfahrungen hierdurch schon […] vorbereitet sah.“

SPRECHER: Wer sich nicht mit Gewalt hinzudrängt, so das Fazit, wird auch nicht gerufen. Das Streben gegeneinander, das Verdrängen und Verdrängtwerden – es klingt wie Fressen und Gefressenwerden – ist Ausdruck einer noch immer existenten – und in Wahrheit niemals überwundenen – Naturwüchsigkeit des Menschen. Die Menschen klassifizieren sich selbst als Homo sapiens, sind aber das Gegenteil einer Gattung der Weisen. Die Fähigkeit zu denken, die die Menschen von den Tieren unterscheiden sollte, wird in den meisten Fällen nicht genutzt, um die eigene Raubvogelnatur zu transzendieren, um die Instinkte der Selbstbehauptung zu zähmen; die Intelligenz wird vielmehr benutzt, die Krallen zu schärfen, um sie noch wirksamer einsetzen zu können. Wer da nicht mithalten kann, ja, wem das zuwider ist, der wird an den Rand gedrängt und darf allenfalls zusehen. Was Moritz am Beispiel eines Verteilungskampfes um Theatererrollen anschaulich darstellt, ist das immer noch aktuelle Bild einer Konkurrenzgesellschaft: In ihr haßt man einerseits den anderen nur deshalb schon, weil er ein Privileg erhalten hat, das man selbst gern erworben hätte; und andererseits verlieren die Privilegierten dieser Konkurrenzgesellschaft die weniger Erfolgreichen geflissentlich aus dem Blick, die sie gern zu Versagern stempeln. Der Verdrängungswettbewerb in Bereichen der Wirtschaft, des Kulturbetriebs und der Politik bei Stellenbesetzungen und Auftragsvergaben folgt bis heute diesem von Moritz beschriebenen Verhaltensmuster; die schwindelerregende Höhe der Arbeitslosenzahlen ist nur Ausdruck einer ins Gigantische gewachsenen Ausgrenzungsgesellschaft: Sie begann einst als Wegwerfgesellschaft und wirft nun nicht mehr nur das Überflüssige, sondern auch die Überflüssigen auf den Müllhaufen ihrer Geschichte.
Es besteht, und das wird einem bei der Lektüre des Anton Reiser deutlich, ein enger Zusammenhang zwischen dem, was man im psychoanalytischen Sinne als Verdrängung bezeichnet, und dem, was sich gesellschaftlich an Ausgrenzungen abspielt. Die Außenseiter, die Ausgegrenzten, die sich eine Gesellschaft schafft, sind das äußerliche, sichtbar gewordene Äquivalent der Verdrängung durchlebter Leiden und der dunklen Seiten des Ichs. Das Ich ist sich selbst ein blinder Fleck. Nichts ist schwieriger als die Selbstwahrnehmung, denn Wahrnehmung ganz allgemein bedarf des Abstandes zu ihrem Gegenstand – und dieser Abstand läßt sich am ehesten dem anderen, dem vermeintlich Fremden gegenüber gewinnen. Das Übliche ist, den Fremden als Feind zu betrachten – und es bedurfte einer langen anstrengenden Phase der Aufklärung, der Morgendämmerung des Bewußtseins, bis einzelne in der Lage waren, zu erkennen, daß man im Fremden sich selber erblickt. Über dem Eigenen liegt ein Schleier. Es ist der Schleier der Verklärung, die narzißtisch geprägte Propaganda des Ichs sich selbst gegenüber. Nur derjenige, der die ungeheuere Macht idealisierter Selbstbilder kennt, kann erahnen, welche Kraft dieser angeblich so schwache und schwankende Charakter, den einige seiner Zeitgenossen Moritz zuschreiben, welche Kraft er aufbringen mußte, um sich selbst im schmerzlichen Licht schonungsloser Erinnerungen zu erkennen. Demgemäß hieß eine Zeitschrift, die Moritz herausgab: „GNWQI SAUTON oder Magazin für Erfahrungsseelenkunde“. – „gnooti sauton“ ist die Mahnung der griechischen Antike zur Selbsterkenntnis.
In diesem Sinne ist die Selbstdarstellung des Karl Philipp Moritz in seiner Romanfigur Anton Reiser geradezu ein Akt des Widerstandes gegen die Hauptströmungen aller Zeiten. Dieser psychologische Roman entspricht dem, was Hegel als Conditio sine qua non gelingender Ich-Identität ansah:

ZITATOR: „Das Leben des Geistes gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt.“

SPRECHER: Karl Philipp Moritz erträgt die Negativität seiner Vergangenheit, er verweilt bei ihr, indem er über sie schreibt. Von Moritz wird berichtet, er habe in seinen späteren Jahren – als er eine zeitlang an der Berliner Stadtschule unterrichtete – sich seinen Schülern gegenüber nicht als Autoritätsperson aufgespielt, sondern sei für sie eher ein verständnisvoller Freund gewesen: Wer sich an die eigenen Leiden erinnert, an die Hoffnungen und Ängste, an die Abhängigkeiten und Sehnsüchte, an die Zustände des Kleinseins und der Erniedrigungen, an die Gefühle der Ohnmacht und suizidärer Verzweiflung, wer so lebt aus der Kraft der Erinnerung – als dem Gegenteil der Verdrängung und Verklärung -, der wird eher in der Lage sein, sich mit den Unterdrückten, Verfolgten und Leidenden zu solidarisieren. Wer jedoch im eigenen Leben das Negative beiseite drängt, der muß auch die Menschen, die es verkörpern – und sei es nur vorübergehend – an den Rand oder in eine Subexistenz abdrängen.
Moritz ermöglicht denjenigen unter seinen Lesern, deren Ich eine Individuation mit Brüchen darstellt, sich mit einer Fülle beschriebener und reflektierter Situationen zu identifizieren, etwa der, auf Anerkennung durch andere angewiesen zu sein. Das Schwankende, das man dem Charakter von Moritz alias Reiser nachsagt, die abrupt wechselnden Phasen zwischen energievollem Lernen und Durchhängern, zwischen wachsendem Selbstvertrauen und einem völligen Sich-gehen-Lassen waren bei ihm in extremen Maße abhängig von Bestätigung oder Ablehnung durch seine Umwelt. Wurde er positiv gespiegelt, konnte er sich anstrengen, um dem Vertrauen, das man ihm entgegenbrachte, gerecht zu werden; wurde er wegen einer Kleinigkeit zurückgewiesen, brach jeder Halt für ihn zusammen. Als er wegen einer Klassenversetzung vom Direktor seiner Schule geprüft wird, muß er ihm eine Passage aus Ciceros Buch über die Pflichten übersetzen. Dabei blättert er vor lauter Aufgeregtheit eine Seite des Buches so ungeschickt um, daß er sie beinahe zerreißt.

ZITATOR: „Durch so etwas konnte nun die Empfindlichkeit des Direktors, der in allem stets die äußerste Delikatesse suchte, gerade am stärksten beleidigt werden. – Reiser verlor unendlich bei ihm durch diesen Zug von anscheinendem Mangel an feiner Empfindung und Lebensart.“

SPRECHER: Der Direktor zeigt wenig Verständnis für den Knaben; er läßt ihn spüren, daß er ihn nicht für einen schöngeistigen Bildungsbürger hält, sondern eher für ein groben Menschen aus dem vierten Stand. Diese Zurücksetzung nimmt ihm erneut jegliches Selbstvertrauen. Abgesehen davon, daß das ungeschickte Umblättern einer Buchseite kein standesspezifisches Problem ist, bewegt sich Anton Reiser während seiner gesamten Kinder- und Jugendjahre aufgrund seiner kleinbürgerlichen Herkunft unsicher in der gepflegten, eleganten, glatten Welt der gesellschaftlich Privilegierten. Was Moritz mit dieser Episode rund um den Cicero-Text und im Grunde genommen mit seinem ganzen Buch vor den Augen des Lesers entfaltet, ist eine Grunderfahrung von Kindern: man verlangt von ihnen, auf die Erwachsenen einzugehen, so als wäre man gleichsam mit dem Knigge oder dem Gespür für das, was Erwachsene brauchen, auf die Welt gekommen. Die Unfähigkeit der Erwachsenen, auf Kinder einzugehen, äußert sich als Forderung an die Kinder, sich den Älteren gegenüber stets korrekt und immer angemessen zu verhalten.
Die Welt des Karl Philipp Moritz ist bevölkert von Hutmachern, Gerbern, Schustern, Essigbrauern, Schauspielern, Predigern, Soldatenwerbern, Bauarbeitern, Metzgern und einem Armenarzt namens Dr. Sauer, den sein soziales Mitgefühl und Engagement buchstäblich ruiniert. Das Denken und die Wahrnehmung von Moritz ist geprägt durch eine Parteinahme für die gesellschaftlich Deklassierten, für die Sklavenexistenzen, ohne die eine Gesellschaft nicht funktionieren würde, über deren konkrete Existenz man aber gewöhnlich hinweggeht, weil man sich viel lieber an den Spitzen der Gesellschaft orientiert. Zu Moritz‘ Zeiten galt und es gilt heute noch immer das zweitausendjahre alte Diktum: „Wer hat, dem wird gegeben […]. Doch wer nicht hat, dem wird auch noch das Wenige genommen.“ Und sei es nur die eigene Würde.
Moritz schreibt 1786 in einem Aufsatz über Das Edelste in der Natur:

ZITATOR: „[Die Tatsache], daß ich denke und den Wert meines Daseins fühle, will ich nicht dem Zufall danken, der mir gerade unter dem Teile des Menschengeschlechts einen Platz anwies, der sich [der gesittete] nennt […] – ich stelle mich auf die unterste Stufe […] und gebe keinen von meinen Ansprüchen auf die Rechte der Menschheit auf. Ich fordere so viel Freiheit und Muße, als nötig ist, über mich selbst und meinen Wert als Mensch zu denken. Eins der größten Übel, woran das Menschengeschlecht krankt, liegt in der schädlichen Absonderung desselben, wodurch es in zwei Teile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem anderen anmaßt, den gesitteten Teil nennt.
Dieser Teil scheint sich für den Zweck der Schöpfung und alle übrigen Menschen für untergeordnete Wesen zu halten. […]
Aber […] selbst in den gesitteten Ständen betrachtet immer ein Teil den anderen […] als bloß brauchbare und nützliche Wesen – so denkt man sich immer den einen Teil der Menschen, als ob er bloß um des anderen willen da wäre – dies geht ins Unendliche fort, und warum denn nun zuletzt alle da sind, bleibt unausgemacht.“

SPRECHER: Karl Philipp Moritz zählte infolge seines gesellschaftlichen Aufstiegs zu den Privilegierten seiner Zeit, aber er stellt sich in seinen Schriften freiwillig und ganz bewußt immer wieder auf die Stufe des vierten Standes, das heißt, er widersteht der Macht der Unmittelbarkeit, einer Macht, der die meisten Menschen erliegen: Wenn es einem gut geht, wenn man im Wohlstand lebt, vergißt man sehr rasch die Leiden der Entsagung, das Elend der Entbehrungen. Moritz protestiert gegen dieses Vergessen. Die Erinnerung bildet bei ihm die Klammer zwischen den Ständen und Klassen. Sie ist ihm Bedingung dafür, Solidarität mit dem zu bewahren, was er einmal war und was die vielen anderen immer noch sind. Wenn die Menschen einander nur benutzen, wenn sie im jeweils anderen nur ein Mittel zur Erfüllung der eigenen Absichten sehen, verlieren Geschichte und Gesellschaft ihren Sinn und Zweck.
Mahatma Ghandi sagte einmal sinngemäß, die Schätze der Erde reichten aus, um jedermanns Hunger, aber nicht, um jedermanns Gier zu stillen. Was man derzeit erlebt und was euphemisierend als Globalisierung hingestellt wird, ist pure Gier nach Rendite und Geldvermehrung der Durchsetzungsstarken, die sich keinesfalls am Maßstab der Mitmenschlichkeit orientieren wollen. Selbstzurücknahme, der Abschied vom Besitzstandsdenken, und zwar auf allen gesellschaftlichen Stufen, wäre statt dessen angesagt. Ob aber das Rettende im Fin de siècle der Destruktivität wächst, ist ungewiß. Eines jedoch ist sicher: Es gibt weder Freiheit, noch Wahrheit und ganz sicher keine Erlösung ohne Selbstreflexion.

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