Die FAZ und der Kapitalismus

Medialer Zynismus à la FAZ

Verantwortlich:

Die FAZ macht sich in ihrer Sonntagsausgabe über Leute lustig, die den Kapitalismus für die Ursache psychischer Erkrankungen halten. Schon das Layout der Seite und die reißerische Überschrift Der Kapitalismus ist nicht an allem Schuld erinnern an die BILD-Zeitung, in der man einen derartigen Artikel denn auch eher vermuten würde. Götz Eisenberg hat den Artikel gelesen und kommentiert.

Medialer Zynismus à la FAZ

„Otto Gross hatte das Dilemma seines Berufs begriffen, dass nämlich auch die psychiatrische Heilmethode auf ein Normalisieren hinauslief, auf ein der Gesellschaft angepasstes Leben, als sei diese zeitlos und nicht in Frage zu stellen. Gerade dagegen aber hatte er sein Leben lang aufbegehrt, und daran war er zerbrochen.“
(Gerhard Roth)

Die Frankfurter Allgemeine macht sich in ihrer Sonntagsausgabe über Leute lustig, die den Kapitalismus für die Ursache psychischer Erkrankungen halten. Schon das Layout der Seite und die reißerische Überschrift Der Kapitalismus ist nicht an allem Schuld erinnern an die BILD-Zeitung, in der man einen derartigen Artikel denn auch eher vermuten würde. „Stress, Erschöpfung, Burnout: Die psychischen Krankheiten seien heutzutage so schlimm wie noch nie, heißt es. Auch ein Schuldiger ist längst gefunden – der ach so böse Kapitalismus. Selten wurde soviel Quatsch geredet. Seelisches Leid gab es immer schon. Doch die Welt ist heute viel schöner als früher.“

So beginnt die Philippika von Bettina Weiguny, die „das Gejammere satt hat“. Es herrsche ein allgemeines Wehklagen und die Schuldigen seien schnell gefunden. „Im Zweifel ist es die Arbeit, dieses Monstrum, das uns Unmenschliches abverlangt“, geht die Schmährede weiter. Dann räumt die Autorin unvermittelt ein, dass die Burnout-Fälle in den letzten zehn Jahren nach oben geschnellt seien und sich die Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen im gleichen Zeitraum verdoppelt hätten. Sogleich fährt sie allerdings fort: „Dabei wird völlig übersehen, dass 99 Prozent aller Deutschen nicht ausgebrannt sind.“ „Nur 0,3 Prozent haben Burnout“, zitiert sie den Soziologen Martin Dornes, der in einem Aufsatz nachgewiesen haben will, dass es keine Belege dafür gebe, dass eine wachsende Anzahl von Menschen von den Anforderungen der Gegenwart überfordert wäre.

Die Logik dieser Argumentation ist derart einfältig und suggestiv, dass man es kaum für möglich hält und darauf reinzufallen geneigt ist. Dabei verfährt sie nach dem Motto: „Die Mordquote soll sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben. Nun, bedauerlich, aber denken Sie daran, dass 99,9 Prozent ihrer Mitmenschen keineswegs ermordet worden sind und sich bester Gesundheit erfreuen!“ Frau Weiguny fährt fort, die Ärzte hätten die heute unter Burnout gefassten Symptome früher anders genannt.

Die Burnout-Epidemie sei eine Folge der gestiegenen Zahl von Fachärzten: „Je mehr Fachärzte, desto mehr Diagnosen, desto mehr Kranke.“ Dornes wiegelt weiter ab, indem er behauptet, zu allen Zeiten und in jeder Generation hätten sich 20 bis 30 Prozent der Gesellschaft erschöpft und müde gefühlt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts habe man das Neurasthenie genannt. Erst der Zweite Weltkrieg habe dieses Epidemie gestoppt, assistiert ihm mit kaum überbietbarem Zynismus der Leipziger Medizinsoziologe Elmar Brähler: „Die Menschen hatten plötzlich andere Sorgen.“ Schon im Ersten Weltkrieg betrachteten die Psychiater den Krieg als „Willenstherapie“. Die ihm vorausgegangene lange Friedensperiode habe psychologisch zersetzend gewirkt, die Menschen träge und willensschwach werden lassen und sie melancholisch auf Untergang gestimmt. Der Krieg wirke hier wie ein großer Therapeut am Volkskörper: Die Menschen reißen sich plötzlich am Riemen und nehmen ihre Friedens-Zipperlein nicht mehr so ernst. Seelische Leiden gelten dieser Art von Psychiatrie als Indikator, dass es den Menschen zu gut geht. Ab und zu braucht man einen Krieg, damit die Menschen sich auf’s Wesentlich besinnen und sich und ihre vermeintlichen Leiden nicht mehr so ernst nehmen.

Man fragt sich, wo die Autorin lebt, wenn sie weiter schreibt: „Die Zahlen der Frühverrentungen sinken seit vielen Jahren. Wir haben mehr Urlaub, interessantere Tätigkeiten und viel mehr Freiheiten als früher. Trotzdem wird die neue Freiheit als Übel schlechthin gegeißelt. Weil sie uns Entscheidungen abverlangt. Eigeninitiative. Ja, sogar Leistung.“

In gewissen Regionen der Gesellschaft, weit oberhalb der Welt der kleinen Leute und ihres Elends, ist es leicht, sich solchen Illusionen hinzugeben und sich in Herren- und Damen-Zynismen dieser Art zu ergehen. Der Artikel gipfelt in der Behauptung, das Buch des französischen Soziologen Alain Ehrenberg Das erschöpfte Selbst und die durch sein Erscheinen ausgelöste Berichterstattung in der Presse hätten die Burnout-Epidemie ausgelöst. Nach alter Manier wird der Bote für die schlechte Nachricht bestraft, die er überbringt. So einfach ist das oder macht man es sich bei der FAZ.

„Medienberichte können eine Welle einer modernen Krankheit auslösen, weil die Leser oder Zuschauer sich in der Erkrankung wiedererkennen“, assistiert Brähler und fährt fort: „Gelitten haben sie schon vorher. Sie hatten nur keinen Namen für ihr Leiden und deshalb nicht den Mut, damit zum Arzt zu gehen.“ Brähler ist sich sicher: „In 50 Jahren wird man über viele der heutigen Erkrankungen lächeln – und an anderen Krankheiten leiden.“ Wieso gehört Mut dazu, zum Arzt zu gehen und sich mit Tabletten abspeisen zu lassen? Mut bewiese man, wenn man sein Leiden streitbar gegen die Verhältnisse wenden würde, die es hervorgebracht haben.

Natürlich kann und muss in einer Gesellschaft darüber geredet werden, wie mit den von ihr produzierten sozialen Leiden umgegangen werden soll, ob man sie zum Anlass einer Diskussion über Sinn und Zweck des ökonomischen Systems nehmen oder sie psychiatrisieren und medizinisieren will. Das ist aber etwas ganz anderes, als diese Leidenserfahrungen schlicht in Abrede zu stellen oder zum Gegenstand von Hohn und Spott zu machen. Wir haben uns für die Medizinisierung entschieden, um die herrschenden Verhältnisse aus der Schusslinie zu nehmen und sie gegen Kritik und Infragestellung zu immunisieren. ADHS, Burnout, Depression, Stress sind im Kern soziale Leidenserfahrungen, die zu individualpsychologischen oder medizinischen Problemen umetikettiert werden. Als solche erscheinen sie ungefährlich und handhabbar. In diesem Prozess der Umcodierung sozialer Leidenserfahrungen in medizinisch-psychiatrische Krankheiten spielen in der Tat die Medien eine große Rolle. Sie liefern den Menschen Schablonen des Krankseins und propagieren die jeweiligen Krankheiten der Saison. Edward Shorter hat diese Mechanismen in seinem Buch Moderne Leiden schon Anfang der 1990er Jahre detailliert beschrieben.

Unsere Gesellschaft lässt es sich etwas kosten, die Ursachen vieler Erkrankungen und menschlichen Leiden bestehen zu lassen und ihre Folgen medizinisch-psychiatrisch zu bekämpfen. Vernünftig und im Sinne einer Ökonomie des ganzen Hauses letztlich auch rentabler wäre es, das aberwitzige Tempo des Alltagslebens zu drosseln, allen Menschen anständige, menschenförmige Arbeitsbedingungen zu bieten und ihnen nicht länger zuzumuten, ihr Leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression fristen zu müssen. Dann bräuchte es den ganzen psychologisch-medizinischen Reparatur- und Kompensationsaufwand nicht.

Viel schlimmer als der finanzielle Aufwand im Gesundheitswesen wäre es für die kapitalistische Gesellschaft, wenn jene angeblich ehernen Marktgesetze, deren perfekte Grausamkeit man uns gegenüber als ein Naturfaktum darstellt, an das wir uns auf Gedeih und Verderb anzupassen haben, den Menschen plötzlich gestehen würden, dass sie sie ja selbst gemacht haben und also auch verändern können. Der Klassenkampf findet auch auf dem Feld der Wissenschaft statt und gewisse Psychologen haben sich offenbar entschieden, auf der Seite der herrschenden Kapitalordnung in diesen Kampf einzugreifen. Statt ihr Wissen in den Dienst der Befreiung von entfremdeter Arbeit und blinden ökonomischen Mechanismen zu stellen, haben sie beschlossen, es in den Dienst von Unterdrückung und Betrug zu stellen und sich zu Normalisierungsagenten zu machen. Gerhard Roth hat in seinem Buch Orkus (Frankfurt/Main 2011) daran erinnert, dass es durchaus Psychologen und Psychiater gab und vielleicht noch immer gibt, die sich mit dieser ihnen zugewiesenen Rolle schwer taten: „Otto Gross hatte das Dilemma seines Berufs begriffen, dass nämlich auch die psychiatrische Heilmethode auf ein Normalisieren hinauslief, auf ein der Gesellschaft angepasstes Leben, als sei diese zeitlos und nicht in Frage zu stellen. Gerade dagegen aber hatte er sein Leben lang aufbegehrt, und daran war er zerbrochen.“

Im Verlag Brandes & Apsel ist gerade Eisenbergs neues Buch Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie es entfesselten Kapitalismus erschienen.
Siehe dazu die Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten.

Michael Lüders zur Ukraine-Krise

Ernst August:

>>Dieses Interview mit Michael Lüders verdient die volle Aufmerksamkeit. Eine Wiederbelebung der Friedensbewegung in Deutschland und Europa ist absolut nötig. Es muss eine ganz neue Qualität geben. Was sich jetzt an destruktiven Energien und Synergien in Washington, Kiew, London, Moskau und Teheran zusammenbraut, kann uns schon morgen das Leben kosten.<<

Jörg Cölsmann:

>>Ach, jetzt morden doch Amerikanische Terrorbanden in der #Ukraine‬?

Jedem, der bisher wagte, es auch nur ansatzweise auszusprechen, wurde ‪#‎Antiamerikanismus‬ unterstellt, oder er war sogar ein Verschwörungstheoretiker! Jetzt aber, wo bekannt ist. dass unser neuer NATO Partner und EU Mitgliedsstaat pleiter (schreibt man das so?) ist als Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Irland und Frankreich zusammen, also ein Fass ohne Boden ist, wird es Nachts um 23:00 Uhr auf PHOENIX offen ausgesprochen.

Es operieren also mindestens 500 marodierende AMERIKANISCHE Söldner der BlackWater Terrortruppe im ‪#‎Donbass‬ – Danke für die öffentliche Aufklärung an Michael Lüders.<<

Titanic geht zu weit

das neue heft, ausgabe märz 2015, leistet sich auf seinem cover eine ungeheuerliche geschmacklosigkeit oder majestätsbeleidigung. ein ganzseitiges merkel-portrait als hintergrund. merkel blickt mürrisch.

links am rand,in der oberen hälfte des covers, in einem kreis ein schwachsinnig lachender gauck. er scheint die handtasche von merkel zu berühren. rechts von merkel in bildrandnähe eine art grüner gleichmäßig vielgezackter stern mit dem text “ein hoch auf die meinungsfreiheit!”.

im abstand von einigen zentimetern darunter auf blauem hintergrund mit weißer schrift: “satire darf alles!” (als tucholskyzitat gekennzeichnet).

den ganzen unteren bildrand, weiß auf grün: “warum wichste gauck in merkels handtasche.”

unglaublich. das ist doch keine satire mehr.

ps.: gestern abend war es noch nicht online:

http://www.titanic-magazin.de/postkarten/karte/bundespraesident-gauck-warum-wichste-er-in-merkels-handtasche-032015-23084/

Macht ohne Kontrolle 2

Troika – eine Form von Diktatur?

DER TAGESSPIEGEL hat eine Besprechung des Films Macht ohne Kontrolle veröffentlicht:

>>Sie erpressten Minister, spielten sich zum Gesetzgeber auf und machten gemeinsame Sache mit den reichen Eliten. Die als Kontrolleure eingesetzten Technokraten aus IWF, EZB und EU-Kommission hatten in den Krisenstaaten eine Macht jenseits aller demokratischen Kontrolle.<<

Zum Artikel:

http://www.tagesspiegel.de/politik/eurokrise-die-troika-macht-ohne-kontrolle/11406286.html

Macht ohne Kontrolle – Die Troika

auf arte:

>>Nach seinem preisgekrönten Film „Staatsgeheimnis Bankenrettung“ geht der Wirtschaftsjournalist und Bestseller-Autor Harald Schumann erneut einer brisanten Frage auf den Grund: Was passiert mit Europa im Namen der Troika?

Beamte aus den drei Institutionen IWF, EZB und Europäischer Kommission – der Troika – agieren ohne parlamentarische Kontrolle. Sie zwingen Staaten zu Sparmaßnahmen, die das soziale Gefüge gefährden und tief in das Leben von Millionen Menschen eingreifen. Harald Schumann reist nach Irland, Griechenland, Portugal, Zypern, Brüssel und in die USA, und befragt Minister, Ökonomen, Anwälte, Bänker, Betroffene.

„Wer Geld hat, lebt, wer kein Geld hat, stirbt“, sagt der Arzt Georgios Vichas. Er leitet eine Freiwilligen-Klinik in Athen, während staatliche Krankenhäuser leer stehen müssen. Eine Begrenzung der Ausgaben im Gesundheitswesen führte dazu, dass rund ein Viertel der Bevölkerung keine Krankenversicherung mehr hat und über 200 Kliniken landesweit geschlossen wurden. Genauso absurd wie die Gesundheitspolitik ist die Mindestlohnpolitik, die die Troika den verschuldeten Ländern abverlangt. Dass Sparen so nicht funktionieren kann, erklärt der Nobelpreisträger Paul Krugman. …….<<

siehe hier:

http://www.arte.tv/guide/de/051622-000/macht-ohne-kontrolle-die-troika

bereits auf youtube evtl. mit schwachsinniger werbung vorweg:

Denkgifte …. von Thomas Gerlach

Einleitung

“Die Schwachen müssen sich verändern oder sterben”, forderte der Daimler­Chrysler­Vorsitzende Robert J. Eaton im Juli 1999 bei einem Kolloquium der Alfred­Herrhausen­Gesellschaft mit dem Motto “Der Kapitalismus im 21. Jahrhundert”. Nach dem “Ende der Geschichte” schafft sich freies Unternehmertum eine Welt nach seinem Bilde, in der es “den Schwachen”, das bedeutet allen Menschen, die keine Geld­ oder Produktivvermögen besitzen, und allen Völkern, die sich dem internationalen Kapital noch nicht “geöffnet” haben, nur die Unterwerfung unter sein Diktat oder den Tod durch Hunger oder Krieg zugestehen will.

Für die noch Lebenden hält die kapitalistische Realität indessen Befindlichkeiten bereit, die auch im engeren Sinne von psychologischem Interesse sind: Zunehmende Sinn­ und Perspektivlosigkeit, Existenz­ und Zukunftsängste, Vereinsamung und Verzweiflung. Den Hintergrund bildet nichts weniger als die globale Krise: In vielen in Unterentwicklung gehaltenen Ländern der südlichen Hemisphäre herrscht weiterhin entsetzliches Elend und auch in westliche Metropolen und vormals sozialistische Länder sind Armut und Massenarbeitslosigkeit zurückgekehrt. Bereits jetzt verheerende Umweltschäden werden nicht beseitigt, sondern vergrößert, die natürlichen Lebensgrundlagen künftiger Generationen ernsthaft gefährdet. Soziale und demokratische Rechte, einst von Arbeiter­ und Gewerkschaftsbewegungen erkämpft, werden im Zuge weltweiter “Deregulierung” außer Kraft gesetzt. Mit der Wiederkehr nationalistischer, teils gar neofaschistischer Bewegungen und dem Aufstieg unverfasster, keiner demokratischen Kontrolle unterliegender Mächte (wie der europäischen Zentralbank) wächst die Gefahr einer autoritären Formierung von Staat und Gesellschaft und vor dem Hintergrund einer heraufziehenden Weltwirtschaftskrise werden militärische Konflikte wieder zum Mittel der Wahl politischer Akteure, die den ökonomischen Verdrängungs­ und Vernichtungswettbewerb zur globalen Maxime erhoben haben.

Auf der Ebene der politisch­ökonomischen Bedingungen ist die Situation vom Umbruch des sozialstaatlich regulierten Kapitalismus der Nachkriegszeit zu einem neoliberalen Modell bestimmt. Dessen programmatischen Kern bildet die Behauptung herrschender Eliten, die wirtschaftliche Lage sei nur durch weltweiten Freihandel, Privatisierung allen öffentlichen Eigentums, Abschaffung von Schutzbestimmungen und Entfesselung einer rücksichtslosen Konkurrenz in allen Lebensbereichen zu bessern. “Der Markt wird es richten”, lautet die Parole, die sich freilich an einer Realität blamiert, in der die vorgebliche Lösung die Ausgangsprobleme in potenzierter Form reproduziert. Dabei scheint die in jüngerer Zeit in fast allen europäischen Ländern erfolgte Abwahl konservativer Regierungen als Protagonisten dieses Projekts wenig zu ändern. Die als “neue Mitte” auftretenden sozialdemokratischen Nachfolger setzen ­ ihre Lieblingsvokabel “Kontinuität” lässt es ahnen ­ die neoliberale Politik bruchlos fort.

Der ganze Text als pdf:

http://www.kritische-psychologie.de/files/tg2000a.pdf

Die Hartz IV-Ideologie ….

… oder: Das Bartleby-Syndrom

>>Auf meinem Display sehe ich ein Foto, das ich heute von Ein-Euro-Jobbern gemacht habe, die Unkraut jäten. Ihr Sprecher behauptete, das ganze Unkraut, das sie gerade aus dem Boden schlagen, würde in ein paar Monaten wieder wuchern. Sie würden eine sinnlose Arbeit verrichten. Angeordnet wurde die Arbeit von der ARGE Hamburg im Auftrag des Ordnungsamtes Öjendorf. Der Ort der Verrichtung: Öjendorfer See bei Hamburg.<<

ernst august 1-euro-jobber

Foto und Beschreibung: Ernst August

Der nun folgende Text ist eine

Übernahme von den Nachdenkseiten

Hartz IV hat Geburtstag, doch zu feiern gibt es nichts. Für die Kritiker ist dieser „Jahrestag“ vor allem Symbol für das zehnjährige Bestehen einer neuen Art von Untertanenstaat, welcher für die gegenwärtige Zunahme autoritärer, rechtsextremer und antidemokratischer Tendenzen maßgeblich mitverantwortlich und zudem per se menschenfeindlich organisiert ist. Doch warum gibt es so wenig Widerstand? Warum lassen sich die Betroffenen „so viel“ gefallen? Wie wirkt und organisiert sich die neoliberale Ideologie, auf dass sie sich als „Denkgift“ in den Köpfen und Herzen der Menschen realisiert? Zu diesen Fragen sprach Jens Wernicke mit Manfred Bartl.

Herr Bartl, Sie sind nicht nur Initiator des NachDenkSeiten-Gesprächskreises in Mainz, sondern auch profilierter Kritiker der Agenda 2010. Anfang Januar hat Katja Kipping im ARD-Morgenmagazin die „Ideologie von Hartz IV“ kritisiert – und auch Sie nehmen diesen Begriff in den Mund… Was meinen Sie damit? Inwiefern geht es bei Hartz IV um „Ideologie“?

Die Ideologie von Hartz IV macht sich vor allem am ganzen Gerede vom vermeintlichen „Fördern und Fordern“ fest und wird als solche erkennbar anhand der Schizophrenie, dass man auf der einen Seite behauptet, gegen die „Hilfebedürftigkeit“, also für die Betroffenen zu agieren, auf der anderen Seite aber dringend notwendige Fördermittel immer mehr zusammenstreicht und zugleich mit der Etablierung eines „der besten Niedriglohnsektoren (…), den es in Europa gibt“, prahlt und also offen gegen die Betroffenen und deren Interessen agiert. Tatsächlich geht es gar nicht um die Betroffenen oder die Überwindung deren realer Not…

Arno Gruen hat das, denke ich, in seinem Buch „Der Wahnsinn der Normalität“, gut veranschaulicht: Hinter der Maske der Menschlichkeit agiert faktisch die Unmenschlichkeit, die jedoch schwer als solche erkennbar ist, wenn man sich die Lügen und Verdrehungen der alltäglichen Propaganda erst einmal zu eigen gemacht hat… Aber wie ist das mit dem „Fördern und Fordern“ denn genau, was meinen Sie?

Nun, ich sagte ja schon: Mit der vermeintlichen „Hilfe“ für die Betroffenen ist keineswegs wirkliche Hilfe beabsichtigt; vielmehr geht es um die „Unterwerfung“ der Betroffenen unter äußere Zwänge, die diese jedoch als Hilfe verstehen sollen.

Im Übrigen kann ich das Gerede vom vermeintlichen „Fördern und Fordern“ schon gar nicht mehr hören! Grauenhaft, dass sich dieser Gehirnwäsche-Slogan inzwischen sogar bis in unsere Schulen und Lehrpläne hinein ausgebreitet hat. Wenn diejenigen – Schulleiter, Lehrer und Eltern –, die ihn so oft gedankenlos in ihrem Alltag wiederholen, damit wenigstens „Unterstützen und Herausfordern“ meinen würden, hätte ich ja nicht einmal was dagegen. Sie verwenden ihn jedoch sehr wohl, das ist zumindest mein Erleben, in aller Regel in der Bedeutung seiner wahren Intention und meinen „Ködern und Quälen“ damit. Und dabei blicken sie eben „auf unsereins“ hinab und schließen sich der vorherrschenden Ideologie, Hartz IV-Empfänger seien faul, ungepflegt, müssten erzogen werden etc. an, assoziieren sich sozusagen mit der Unterdrückung durch das System und schreiben diese hierdurch mit und fort!

Wäre denn ein „Unterstützen und Herausfordern“ besser für Sie? Und inwiefern?

Ja, „Unterstützen und Herausfordern“ wäre bestimmt besser als „Ködern und Quälen“, aber ich würde es maximal für schadlos und also noch lange nicht für hilfreich halten. Denn das Problem an der Massenerwerbslosigkeit das sind doch eben nicht die Erwerbslosen, die es nur zu “verbessern“ gölte, wie das Hartz IV-Regime dies immer wieder kolportiert, sondern das ist der immer menschenverachtender agierende „Arbeitsmarkt“ auf der einen und das Sozialgesetzbuch II, das diese regelrecht draußen hält, auf der anderen Seite!

Hartz IV hält Langzeiterwerbslose “draußen“…? Das verstehe ich nicht. Ich dachte, es ginge darum, die Leute in so große Verzweiflung zu bringen, dass sie schließlich bereit sind, mehr oder minder alles zu tun, um aus Hartz IV zu entkommen…

Ja und nein. Beides ist sozusagen gleichzeitig wahr. Was ich meine, ist, dass Hartz IV mit aller Kraft die Betroffenen klein macht, klein hält, auf die geringstmöglichen Ansprüche an Leben und sozialer Teilhabe trimmt und darauf konditioniert, sich mit einem „Leben in Hartz IV“ und später in Altersarmut abzufinden, weil man ja selbst schuld an seiner Situation sei…

Und viele glauben das eben, identifizieren sich mit diesem sozial gewollten und die zunehmende Ungleichheit im Land ideologisch flankierenden „Wahn“… Und eben dadurch, hiermit „hält“ man die Menschen auch klein und mittels dieser „Schuldfalle“ eben auch „fern“…

Und wie schaffen die Jobcenter das?

Sehr gut, danke! – aber nein, Spaß beiseite… Es ging ja gerade durch die Presse, dass nach DGB-Berechnungen seit Einführung von Hartz IV bereits 15 Millionen verschiedene Menschen zumindest zeitweilig Arbeitslosengeld II bezogen haben – bei immer noch mehr als sechs Millionen Menschen, die aktuell auf Hilfe angewiesen sind. Nimmt man noch die Information dazu, dass der Niedriglohnsektor mit 24,3 Prozent der Beschäftigten in Deutschland heute so groß ist wie in keinem anderen hochentwickelten europäischen Land, zeigt das, dass und wie gut die Masche funktioniert.

Aber zurück zur Frage: Das ideologische Haupt-Instrument der Jobcenter, den Langzeiterwerbslosen die Schuld an ihrer Erwerbslosigkeit in die Schuhe zu schieben, ist wohl die Behauptung so genannter „Vermittlungshemmnisse“, also von in den Personen der Langzeiterwerbslosen oder deren Lebensumständen liegenden „Mängeln“, welche – und das ist der Witz schlechthin! – deren Vermittlung hemmen würden. Hier offenbart sich die ganze Ideologie im Kleinen, denn so etwas wie Vermittlung findet im Sinne des Wortes ja überhaupt nicht statt..

Wie meinen Sie das?

Nun, den Langzeiterwerbslosen wird doch kein Kontakt vermittelt, der ihnen eine realistische Chance eröffnen würde, dass sie ihre Arbeitskraft wirklich so einsetzen könnten, wie es Paragraph 2, Absatz 2, Satz 2 des SGB II fordert: „Erwerbsfähige Leistungsberechtigte müssen ihre Arbeitskraft zur Beschaffung des Lebensunterhalts für sich und die mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen einsetzen.“

Sie bekommen doch nur mehr oder minder passgenaue Stelleninformationen zugestellt und sollen sich – in immenser Konkurrenz zu vielen anderen – durch Bewerbungen um die betreffenden Stellen bemühen. Im Wesentlichen entsprechen diese Stelleninformationen dabei zwar den Stellenanzeigen, die man in Zeitungen, Online-Jobbörsen und an Schwarzen Brettern findet. Aber ganz so einfach ist es eben nicht. Denn eine Stelleninformation ist eben keine bloß unverbindliche Stellenanzeige!

Inwiefern?

Tja, eine verbindliche und überdies mit Rechtsbehelfsbelehrungen ausgestattete so genannte „Stelleninformation“ ist faktisch eben nichts anderes als eine vorläufig noch nicht vollzogene Sanktion.

Aber ich hole etwas weiter aus: Der ideale Jobvermittler hätte doch ein Interesse, den vor ihm sitzenden Langzeiterwerbslosen auf die optimal passende, von ihm höchstpersönlich identifizierte freie Stelle zu vermitteln, ihn also anzupreisen, Vorschläge zur Passgenauigkeit seitens des Bewerbers zu machen, unterstützende Maßnahmen wie etwa Tipps zum Schreiben der perfekten Bewerbung und alle nötigen Finanzierungsmöglichkeiten bereitzustellen und sich abschließend darüber zu freuen, wenn freie Stelle und Bewerber zusammengefunden haben.

Das ist aber gar nicht das Anliegen des Jobvermittlers – zumindest nicht in systemischer Hinsicht. Denn was geschieht nach der unausgesprochenen Sanktionsdrohung durch die „Stelleninformation“ als nächstes? Bewirbt sich der Langzeiterwerbslose ohne wichtigen Grund nicht oder nicht rechtzeitig auf die Stelle, auf die man ihn ohne reale Gelingensaussicht zu zwingen versucht, tritt umgehend eine eine Kürzung des ohnehin zu niedrigen Arbeitslosengeldes II.

Dieses System ist deshalb so perfide, weil ein und dieselbe Stelleninformation bestimmt mehreren, unter Umständen sogar sehr vielen Erwerbslosen im ganzen Bundesgebiet zugewiesen wird. So kann eine einzige Sanktionsandrohung in Gestalt vieler Stelleninformationen womöglich mehrere Sanktionen generieren, also Einsparerfolge realisieren, wenn es für die Controller der Jobcenter „gut läuft“.

Im Sinne derselben „gute Kunden“ sind also solche Langzeiterwerbslosen, die auf nicht hundertprozentig passgenaue Stelleninformationen mit Unlust reagieren, werbeträchtige Formulierungen beim Versuch, sich selbst anzupreisen, nicht so gekonnt draufhaben oder mit Trotz oder gar Alkoholmissbrauch reagieren, wenn sie – salopp gesagt – mit der Gesamtsituation unzufrieden bzw. unzufrieden gemacht worden sind.

Das Wichtigste an „Vermittlungshemmnissen“ dieser Art ist daher auch gar nicht, dass sie irgendwann beseitigt werden. Die werden einfach nur behauptet – und dadurch wird ein immenses gesellschaftliches Problem gekonnt „personalisiert“…

Ich habe es noch nicht ganz verstanden: Wenn jemand also sanktioniert wird, weil er sinnlose und würdeverletzende Schein-Vermittlungsspielchen nicht mitspielt, dann wird er zum einen sanktioniert und zum anderen alsdann als „mit Vermittlungshemmnissen behaftet“ testiert?

Auch das, aber eigentlich werden „Vermittlungshemmnisse“ vor allem vorab identifiziert und wirken sich somit während der gesamten „Verfolgungs-Betreuung“ auf die Seele der Betroffenen aus.

Der Jobvermittler wird nämlich in der Regel nicht erst darauf warten, dass sich anhand konkret gescheiterter Bewerbungsbemühungen vermeintlich genau aufklären lässt, woran der Misserfolg nun gelegen habe. Derselbe wird stattdessen gleich aus dem ersten Profiling bei der Arbeitsuchend-Meldung als Vermutung „ermittelt“ und hiernach in alle künftigen Bewerbungsaussichten hineinprojiziert.

Die daraus resultierenden berüchtigten Bewerbertrainings – ich wähle bewusst die Mehrzahl, denn viele machen mehrere dieser Trainings hintereinander! – dienen dabei auch nicht der Aussicht, dass man irgendwann perfekte Bewerbungen produzieren könne, sondern sind dazu da, von vornherein klarzustellen, dass das Scheitern einer Bewerbung an einem selbst gelegen habe – an in deiner Person oder in deinen Lebensverhältnissen begründeten „Defiziten“, den „Vermittlungshemmnissen“ also, weil man so das bloße Rütteln und Sieben der Jobvermittler an der großen Jobbörse als „Vermittlungstätigkeit“ qualifizieren kann.

Sie merken es, nehme ich an: Es geht an keinem Punkt wirklich um „den Menschen“, sondern darum, diesen entweder zu brechen und/oder zur Identifikation mit seiner fortdauernden Unterdrückung zu bringen. Wo das aber gelingt, wehrt sich niemand mehr gegen dieses Regime, denn dann glauben es alle: Ich bin offenbar selbst schuld, habe es inzwischen ja oft genug am eigenen Leibe erfahren und erlebt…

Übrigens: Das krasseste Vermittlungshemmnis wird von der Gesellschaft übrigens vollkommen vernachlässigt, weil es so fest im System verankert ist, dass man es quasi übersehen muss: Vor zehn Jahren hieß es neben den ganzen anderen Versprechungen auch, dass man „Verschiebebahnhöfe“ abschaffen und eine „Betreuung aus einer Hand“ anstreben würde. Aber wer – in der Regel – zwölf Monate erwerbslos war und dann von der Agentur für Arbeit zum Jobcenter hinüber wechselt, dem wird umgehend als erstes „Vermittlungshemmnis“ seine „Langzeiterwerbslosigkeit“ testiert – und das war‘s dann eigentlich auch schon, denn dieses „Vermittlungshemmnis“ wird man nicht wieder los – zumindest nicht ohne existenzsichernden Job, der einen aber auch komplett aus der Erwerbslosigkeit herausholte dann.

Und wie wehrt man sich dagegen, gegen derlei „Denkgifte“ und Unterdrückungsmechanismen? Haben Sie eine Idee? Wie leben und überleben Sie selbst „in Hartz IV“?

Das Problem ist natürlich, dass die meisten Umstände, die den Betroffenen als in ihnen selbst angelegte Ursachen ihrer Erwerbslosigkeit verkauft werden, durchaus real sind: Alleinerziehende haben schlicht Kinder, deren Betreuung möglicherweise nicht ideal – zumindest nicht so ideal wie beispielsweise bei der siebenfachen Mutter Ursula von der Leyen, der früheren Bundesministerin für Arbeit und Soziales – gewährleistet ist. Und auch Schulden sind real und drücken so lange, bis eine Schuldnerberatung vielleicht einen Weg zur Lösung der Probleme gefunden hat. Und auch manche Qualifikation hätte man halt wirklich gerne, wenn man sich erst einmal in eine bestimmte Richtung orientiert hat.

Aber warum wird der Mutter oder dem Vater weisgemacht, sie würden keine Stelle finden, weil sie ein „Problem“ mitbrächten? Umgekehrt wird doch ein Schuh daraus! Sämtliche Arbeitgeber sind nicht willens oder in der Lage, ihr oder ihm einen passenden Arbeitsplatz anzubieten, um hierdurch den Lebensunterhalt von sich und den Kindern zu erwirtschaften. Und warum müssen Schulden eigentlich drücken, die aller Wahrscheinlichkeit nach bereits auf eine Erwerbslosigkeit oder eben prekäre Beschäftigung zurückzuführen sind, also ebenfalls aufs Konto der Arbeitsgeber und der gesellschaftlichen Verhältnisse gehen? Und warum finanziert nicht der Arbeitgeber, bei dem man letztlich eingestellt werden soll, die Qualifikation, die notwendig ist, um Mitarbeiter für die Arbeit in eben diesem Unternehmen auch “passgenau“ auszubilden? Dass über diesen „Wahnsinn der Normalität“ hinaus die Arbeitgeber dann auch noch andauernd ihr Märchen vom „Fachkräftemangel“ abjammern, bringt mich regelrecht zur Weißglut!

…was also tun?

Also, ich denke, unsere Gegenstrategie muss individuelle und gewerkschaftliche Aufklärung sowie die Entwicklung eines Arneitnehmerselbstbewusstseins oder besser gleich Klassenbewusstseins forcieren!

Dabei gehört auch die Einbeziehung des vorhin schon angesprochenen Paragraphen 2, Absatz 2, Satz 2, SGB II mit seiner Muss-Vorschrift zum Einsatz der Arbeitskraft in den Fokus unserer Kritik. Und zwar im Sinne eines Lebensunterhaltes nach eigenem Anspruch, um das gleich klarzustellen.

Und dazu gehört bei uns in Rheinland-Pfalz auch das Insistieren auf den Artikel 56 der Landesverfassung, der bestimmt, dass das Arbeitsentgelt zum Lebensbedarf für den Arbeitenden und seine Familie ausreichen und diesen die Teilnahme an den allgemeinen Kulturgütern ermöglichen muss.

Und es gehört der gewerkschaftlich koordinierte Kampf um Arbeitszeitverkürzung auf die von Attac europaweit geforderte 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich dazu. Die Lohnausgleichforderung ist ja bekannt; sie verhindert Lohneinbußen im Zuge einer Arbeitszeitverkürzung. Die zusätzliche Forderung auch nach einem Personalausgleich ist eine der Lehren aus der Einführung der 35-Stunden-Woche und soll rein profitwahrungsorientierte Gegenmaßnahmen der Arbeitgeber wie Rationalisierungen und Arbeitsverdichtung im Zuge der Arbeitszeitverkürzung verhindern.

Ich selbst drehe den Spieß übrigens einfach um und mache nach dem Motto „Kompensation für die Hartz IV-Deprivation“ im Rahmen meiner Möglichkeiten allen Beteiligten immer wieder klar, dass meine Lohnansprüche an zukünftige Arbeitgeber mit jedem Jahr unter den Bedingungen von Hartz IV weiter steigen. Dieses die Technokraten der Hartz-Kommission persiflierende Motto bedeutet dabei schlicht, dass ich für die unter Hartz IV-Bedingungen erlittenen Mängel auch einen angemessenen Schadenersatz verlange. Über Stellenangebote mit einer Bezahlung zum gerade eingeführten gesetzlichen Mindestlohn – oder gar darunter – kann ich dabei nur lachen…

Noch ein letztes Wort?

Ja, denn es gibt noch eine Steigerung der Perfidie der „Vermittlungshemmnisse“. Nachdem man den „Kunden“ des Jobcenters nämlich vermittelt hat, dass sie an ihrer Erwerbslosigkeit selbst schuld seien, verkauft man es ihnen anschließend auch noch als besondere Chance, wenn sie mehr als ein spezifisches „Vermittlungshemmnis“ aufweisen.

Wer nämlich „multiple Vermittlungshemmnisse“ aufweist, kann einen leichteren Zugang zu Fördermaßnahmen erlangen. Für eine Übernahme ins so genannte Fallmanagement, also die intensivere und gegebenenfalls nachsichtigere, im Glücksfall vielleicht sogar etwas großzügigere Betreuung, gilt das Vorhandensein von drei voneinander abgrenzbaren, schwerwiegenden Vermittlungshemmnissen als notwendiges Kriterium.

Mit einem „Vermittlungshemmnis“ bekommt man die Schuld an der Erwerbslosigkeit aufgeladen, mit drei „Vermittlungshemmnisen“ wird einem dann aber – vermeintlich – die Himmelspforte zur Glückseligkeit aufgestoßen! Umso mehr man sich also identifiziert und unterwirft, umso mehr Pseudohilfe wird einem auch zuteil…

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Manfred Bartl ist (beinahe promovierter) Diplom-Chemiker und Technischer Redakteur, der bis zum Ende der Dotcom-Blase beim mittlerweile filetierten Bertelsmann-Unternehmen Lycos Europe als Chat Manager und hiernach als Datenbank-Entwickler und Dozent in einem der Arbeitsverwaltung zuarbeitenden Maßnahmeprojekt des Caritasverbandes Mainz gearbeitet hat. 2002/2003 hörte er auf, GRÜNEN-Wähler zu sein, trat 2005 als unabhängiger Bundestagskandidat für Mainz an und hat den Bereich der Politik seitdem nicht nur nicht mehr verlassen, sondern sein Leben umfassend auf den politischen Kampf eingestellt. Er organisiert den NachDenkSeiten-Gesprächskreis Mainz, ist aktiv in der Mainzer Initiative gegen Hartz IV, dem Hartz IV-Netzwerk Rheinland-Pfalz, in ver.di, bei attac, der Linkspartei sowie Linkswärts e.V.

Weiterlesen:

Thomas Gerlach: Denkgifte. Psychologischer Gehalt neoliberaler Wirtschaftstheorie und gesellschaftspolitischer Diskurse

Download (PDF, 1,5 MB): tg2000a.pdf

Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/

Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=25168

Endspiel – Jetzt wird es eng im Hosenanzug

Ursprünglich veröffentlicht auf uhupardo:

merk1Der ESM wird am 1. Juli nicht kommen, der Bundespräsident unterschreibt nicht bis das Verfassungsgericht die Lage klar sieht. Joachim Gauck hat keine Lust, sich die Finger zu verbrennen. Der IWF kritisiert die deutsche Regierung mit harten Worten. Österreichs Notenbankchef Nowotny bemüht einen Nazi-Vergleich, um Berlin vor den Folgen deutscher Politik zu warnen. Italiens Regierungschef Mario Monti versichert, es gebe eine Woche Zeit, um den Euro zu retten. Jetzt wird es wirklich eng im Hosenanzug der Kanzlerin!  Sind in Berlin überforderte Psychopathen am Werk, wie Wolfgang Münchau glaubt?

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hahahahaha

Ich danke dem altautonomen für seinen Hinweis auf den folgenden kritischen Artikel über die tv-Übertragungen von Karneval und Fasching. Ich lege ein Geständnis ab. Schon als ich noch im Familienkreis im Kindes- und Jugendalter Fernsehen guckte, war für mich die schlimmste Zeit des Jahres, es waren die Tage der Jecken. Bei Mainz wie es singt und lacht verging mir regelmäßig die Laune. “Kamelle, Bützje, de Zoch kütt! . Endlich vorbei. : Über das kalendarische Humordiktat : Man gönnt Düsseldorf, Mainz und Köln jeden Moment des Frohsinns. Aber ist es notwendig, weite Teile des öffentlich-rechtlichen Abendprogramms über Wochen mit lokalem Brauchtum zu fluten? Brauchtum auf dem Niveau einer Après-Ski-Party in Saalbach-Hinterglemm? Ist es erforderlich, 39 Millionen Fernsehhaushalten in mehr als 200 Programmstunden regionale Schrulligkeiten in den Schoss zu kippen? „Wetten, dass …?“ haben wir in Würde sterben lassen. Aber sobald sich irgendwo ein rheinischer Komiker, der einmal im Jahr aus dem Keller kommt, die Schnabelschuhe überstreift, reist das Fernsehen in Mannschaftsstärke an und rollt die Kabel aus. In knapp 40 Sendungen – allein 24 im WDR und fünf in der ARD – ergießt sich bis zum Aschermittwoch Karnevalistisches über das ermattete Volk. Denn wo gibt‘s das schon noch? Wo haben Sexismus, Geschlechterklischees und mittelalterliche Machokultur noch eine Heimat? Wo sonst dürfen erwachsene Männer Zwölfjährigen auf die Beine starren? Wo sieht man noch Marionettenpantomime mit selbst gebastelten Aufziehschlüsseln am Rücken? Wo hört man noch Witze aus dem Holozän des Humors („Schwäbische Tomatensuppe? Heißes Wasser in einem roten Teller“ – Tätäh!)? Und wo sonst werfen sich stramme Sitzungspräsidenten derart devot vor örtlichen Honoratioren in den Staub? Hier, im Land des zwanghaften Lachens. (Quelle: Leipziger Volkszeitung) Hier noch eine Ergänzung von Robert Walser mit dem Titel . Pierot Auf den Maskenball war auch ein langer, hochaufgeschossener, ungelenkiger Gesell gekommen. Er nannte sich Pierot. Vielleicht wäre es für ihn besser getan gewesen, hübsch ruhig zu Hause zu bleiben und zwischen seinen eigenen vier Wänden Trübsal zu blasen, als hier im schönen Vergnügungssaal durch Langeweile hervorzuragen. Er schlenkerte und schleuderte die langen Arme hin und her. Es sah zum Verzweifeln aus, wie er seinen Kopf zur Erde hängen ließ. Wo wollte er hinaus mit sich, und was gedachte er auf dem lustigen Maskenball zu beginnen? Übermütig tanzten die Liebespaare rund um ihn herum. O wie schön die Kerzen strahlten, wie süß die Musik spielte! War es nicht, als wenn Mondstrahlen in den Saal hineinfliegen? Pierot legte sich, wie ein geschlagener Hund, in einen Winkel an den Boden und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Unterdessen wirbelte und wedelte und hüpfte, einem artigen, guterzogenen Hündchen gleich, die Tanzlust hin und her. Gläser klirrten, Pfropfen knallten, Wein wurde getrunken, und Gelächter ertönte. Ein glühender Verehrer hatte die Geliebte und abgöttisch Verehrte aus den Augen verloren und suchte sie. Ein anderer, vom Entzücken hingerissen, kniete vor der Dame seines Herzens nieder. Zwei Glückliche küßten und liebkosten sich. Jedermann schien das Seinige zu haben. Alles war bewegt; alles war in Bewegung. Nur er, der arme, arme Pierot, war unbeweglich. Für ihn gab es keine Lust. Er begriff sich selbst und die Welt nicht. Leblos, einer weißen Statue ähnlich, oder einem Gemälde ähnlich, lag er da und schaute verständnislos vor sich hin. Ein kaum merkliches trauervolles Lächeln spielte ihm um die blassen Lippen. Sein Gesicht war ganz mehlern. Er hatte sich gepudert, der Dummkopf. Armer Dummkopf, armer Bursche! Wo alles außer sich war, wo alles lebte und lachte, wo alles, was Beine hatte, tanzte und Luftsprünge machte, glich er dem tödlich getroffenen Verwundeten, verblutend an den spitzfindigen, dolchähnlichen Melancholien. Ja, er hätte zu Hause bleiben sollen. Derlei hoffnungslose Menschen sollen der Lust, dem Glanz, dem Glück und der Freude fernbleiben. Sie sollen in der Einsamkeit leben.
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The Project Gutenberg EBook of Kleine Dichtungen, by Robert Walser

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