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Isaak Lewitan — 27. Oktober 2021
Reinhard Mey „Sei wachsam“ — 12. August 2022
Zu Taring Padi von Fred — 15. Juli 2022

Zu Taring Padi von Fred

Wie angekündigt hier die Pdf Datei mit dem beanstandenden Banner, z.B. S. 26 u. 33.

Detailierter nochmals hier:

Ein Desaster für die Documenta

Ein Desaster für die DocumentaDie Kasseler Kunstausstellung hängt das Banner des Kollektivs Taring Padi ab. Richtig so. Aber hat denn niemand …

Und ja, es handelt sich beim „babi hutan“ (Wildschwein) tatsächlich um ein Mitglied der Spezialeinheit der Kopassus, was man an dem Kopassus Emblem auf dem Barret und der Krawatte erkennen kann.

Wenn man bei dem Mossad Agenten einen „Schweinerüssel“ erkennen will, dann lässt die Fantasie viel Freiraum, was aber schon adsurdum geführt wird weil der (vermeindliche nicht-jüdische) Cop hinter dem Agenten auch ein Mundschutz trägt.

Ich will hier nochmals auf die Mensch-Hund Mischfiguren hinweisen (ab S.35).

Der Vorwurf des Antisemitismus greift ganz klar zu kurz und wenn man sich die Pdf anschaut und das immense Werk des Kollektivs anschaut lässt so ein Urteil das nicht zu. Wobei es schon m.M gewollt ist, wenn aus einer relativ kleinen Darstellung eines jüdischen Kapitalisten (die ehrlich gesagt wirklich mehr als kritikwürdig ist), eine politische Motivation des Judenhasses zu unterstellen.

Als Bewohner eines ehm. kolonialisierten Landes steht für einem selber ersteinmal die sog. Nakbar der Palästinenser im Vordergrund und nicht die von Europäern (implizit von Deutschen) verursachte Shoa.

Man sollte nie vergessen das nach dem Weltkrieg II im anschl. Unabhängigkeitskrieg zwischen 1945-49 hunderdtausende von Indonesiern ihr Leben liessen und unter der niederl. „Polizeiaktion“ (ja auch damals durfte man nicht vom Krieg reden) mehr Indonesier starben, als unter der japanischen Besetzung während des Zweiten Weltkrieges.

Auch wird man bei Diskussionen mit Vertretern des sog. Globalen Süden nicht unrichtigerweise darauf hingewiesen was sie den selbst an der Shoa verursacht haben? Es ist richtig, kein Indonesier hat den maschinellen Massenmord an Juden geplant noch durchgeführt, so dass ein hysterischer Vorwurf des Antisemitismus von dt. Seite erstmal eigene dt. Befindlichkeit ist.

Es geht eher, so vermute ich, darum antikapitalistische Positionen zu diskreditieren und es von vornerein unmöglich gemacht werden soll über alternativen zum Kapitalismus zu diskutieren. Da hilft natürlich die Behauptung das Linke oder linke Positionen per se „antisemitisch“ sind. Lenkt es doch auch davon ab, dass bürgerliche Inhalte durchaus Anschluss an Antisemitismus haben. 

Man kann es drehen und wenden, es wird niemals eine linke Theorie gefunden werden, die die Vernichtung der Juden, alleine schon wegem ihrem jüdisch Seins, propagiert. Rechte und wirtschaftsliberale Positionen gibt es dagegen zu Hauf.

Wenn solidarität mit Israel zur Raison wird, ist Krittik natürlich „antisemitisch“. Da wirkt ein hintenangehängtes: „Kritik an Isreal ist nicht unbedingt antisemitisch, aber…“ eher wie ein „pluralistisches“ Feigenblatt. Zumal ja auch der Versuch unternommen wird, Antizionismus als Synonym zum Antisemitismus darzustellen.

Es vergisst aber, dass es eben keinen einheitlichen Zionismus gibt. Die Positionen reichen von extrem rechts, über bürgerlich, bis hin zum Sozialismus. Ein Theodor Herzl sprach von einem Land Palästina welches quasi nicht bewohnt war und sogar ein Linker wie Leo Bernstein sah eine Notwendigkeit zum Kolonialismus, da die „Wilden“ zu so etwas wie Nation Building nicht in der Lage sind. Es ist nur allzu verständlich wenn Menschen die z.T. für ihre Dekoloniesation hart kämpfen mussten, in starker Opposition zum Zionismus stehen.

Dieser Aspekt wird bei der Diskussion unterschlagen, geradezu bevormundend, da man z.B. Indonesiern eine eigene Wahrnehmung nicht eingestehen will. Ich vermute auch einen reaktionären Back lash bei solch einer Debatte, da man sich jetzt als ehm. Kolonisator wieder daran „erinnert“ das die Kolonien für die dortige Bevölkerung Infrastruktur aufgebaut haben, ein immer wiederkehrendes Motiv von Befürwortern oder Relativierer des Kolonialismus.

Besonders infam sind aber angebliche „progressive antiideologische“ Positionen, die für ihre Argumente die Aufklärung bemühen um eigentlich zu behaupten das „die da unten“ (besonders Muslime) kulturell bedingt garnicht zu zivilisatorischen Leistungen in der Lage sind.

Disclaimer:

Preisfrage! Warum gibt es beispielsweise bis heute in den Niederlanden keine öffentliche Ehrung und sei es nur in Strassenbenennung, für Soekarno? Ein Umstand den schon 2019 die niedel. Historikerin Anne-Lot Hoek kritisiert hat.

Anders kann man so einen Schmonz nicht interpretieren:

Documenta 15 ist die „Re-Fundamentalisierung der Kunst“ 

Documenta 15 ist die „Re-Fundamentalisierung der Kunst“Der Kulturtheoriker Bazon Brock hält Antisemitismus für „einen kleinen Teil des Kulturalismus“. Dieser sei nicht…

Was der Geisteswissenschaftler da von sich äussert ist ideologisch, aber nicht wissenschaftlich, aber wenn Kulturalisten anderen Kulturalismus vorwerfen…

Wie ich schon schrieb, mit diesem Kolektiv verhält es sich wesentlich komplexer, wie ich schon auf den Hinweis mit den Holzschnitt „Berikan Cinta Pada Sesama“ (Anderen, bzw. jeden Liebe geben, S.94) in meinem Kommentar geschrieben habe.

Dazu ein wenig Landeskunde:

Die Pancasila (Staatsdoktrin) definiert Indonesien als ein religiöses Land in dem fünf Religionen bzw. Konfessionen anerkannt sind. Das wären der Islam, Protestantismus, Katholizismus, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Alle anderen Religionen „gibt“ es nicht in Indonesien.

Ich bin selber Inhaber eines indon. KTP (Personalausweis), in diesem stehen nicht nur meine persönlichen Daten, sondern mein sozialer Status (verheiratet oder nicht, verwitwet und Beruf) und meine Religionszugehörigkeit (ein MUSS).

Indonesien ist damit das einzige Land der Welt, in dem in einem offiziellen Dokument die Religion vermerkt ist (Isreal war bis Ende der 2000er die Nummer zwei).

Es gab immer eine jüdische Community in Indonesien, besonders in Surabaya und Manado (da befindet sich auch die grösste Synagoge und seit kurzem das erste Holocaust Museum Südostasiens). Während der quasi faschistischen Herrschafts Suhartos mussten indon. Juden ihren Glauben wechseln und i.d.R. wählt diese dann eine der zwei christl. Religionen und praktizierten ihren jüdischen Glauben im verborgenen. Man erkennt ehm. Juden an ihren „unverdächtigen christl.“ Namen wie Sara(h) oder Benyamin…

Taring Padi zieht auch gerade die jüdische Religion in ihrem Werk mit ein, obwohl es eben keine offizielle Religion in Indonesien ist.

Seit jüngster Zeit finden Juden und ehmalige Juden wieder verstärkt zurück zum Judentum und treten damit in der Öffentlichkeit, auch gibt es gerade bei jungen Indonesiern ein verstärktes Interesse an Isreal und es wird auch öffentlich die offizielle Boykott Position der indonesischen Regierung gegenüber Isreals in Frage gestellt.

Vor der Pandemie hat der Vorsitzende, Siradj, von der NU (Nahdlatul Ulama), der mit über 40 Mio. Mitgliedern die grösste muslimische Organisation weltweit, einen privaten Besuch nach Isreal gemacht und die Boykotthaltung Indonesiens vor der dortigen Handelskammer in einer Rede kritisiert.

Wir sehen, es ist schon ein wenig komplexer, aber was zählen im Westen schon ausserwestl. Politik und Wahrnehmungen?

Werner Ruf zur documenta 15 — 14. Juli 2022

Werner Ruf zur documenta 15

Übernahme von den Nachdenkseiten

Kuratiert wird die Kunstausstellung von dem indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa, das weitere Künstler und Kollektive suchen und zur Teilnahme einladen sollte, um so eine demokratische und möglichst repräsentative Vorstellung von Kunst aus dem globalen Süden vorzustellen. Der schon lange vor Beginn der Ausstellung wegen der Teilnahme einer palästinensischen Künstlergruppe von selbsternannten Kasseler Antisemitismusjägern erhobene Vorwurf, bei der diesjährigen documenta handele es sich um ein antisemitisches Unternehmen, schien endlich Bestätigung gefunden zu haben: Die indonesische Gruppe Taring Padi zeigte ein aus vielen hundert Bildern bestehendes, wimmelbildartiges Banner, das seit rund 20 Jahren schon vielerorts gezeigt worden war, ohne Proteste auszulösen. Drei der darauf befindlichen Bilder wurden von Kritikern der Ausstellung als antisemitisch identifiziert. Die einsetzende Debatte erschütterte nicht nur die Kunstwelt, sie wurde zum Politikum erster Ordnung, veranlasste sogar den Bundespräsidenten zur Intervention.

Die diesjährige Kunstausstellung documenta verfolgt ein längst fälliges, dennoch fast revolutionär anmutendes Ziel: Sie will – endlich – dem Süden des Planeten eine Stimme verschaffen, die Sicht auf die Welt (und ihre jüngste Geschichte) durch die Augen der (ehemals?) Unterdrückten zeigen. Es birgt aber natürlich Konfliktpotenzial, wenn der Westen damit konfrontiert wird, dass seine hegemoniale Darstellung des Weltgeschehens nicht überall geteilt wird. Von Werner Ruf.

Die Sicht auf dieselben Dinge kann aufgrund unterschiedlicher historischer Erfahrungen und Selbstbilder sehr verschieden ausfallen. Genauer: Der Blick aus dem Süden kann gefärbt sein durch Erfahrungen mit Kolonialismus, Imperialismus, Neokolonialismus und Ausbeutung, die eben nur die ehemals Kolonisierten und meist bis heute Ausgebeuteten machen können. Kurzum: Die lobenswerte Idee, die Menschen der vormaligen Dritten Welt für sich selbst sprechen zu lassen, birgt Sprengstoff, der dazu führen könnte, dass in „unserer“ Geschichtsschreibung unbeachtete Tatsachen plötzlich relevant werden, dass Fakten in den Vordergrund rücken, die im dominanten Westen nie bedacht, ja oft verschwiegen wurden. Schlimmstenfalls, dass unsere eigene Geschichtsschreibung – über uns selbst und die von uns über Jahrhunderte beherrschte Welt – in einem neuen und vielleicht wenig erfreulichen Licht erscheint. Herrschaftssoziologisch stellt sich hier die Frage: Wer besitzt die Deutungshoheit über das, was „dort unten“ geschah und geschieht? Genauer: Wenn die aus dem Süden Deutungsmacht erhalten, wird dann nicht möglicherweise „unser“ über Jahrhunderte gewachsenes und gepflegtes Weltbild mitsamt dem darin transportierten Herrschaftsanspruch infrage gestellt?

Ein wenig Geschichte.

Zunächst ist festzuhalten, dass Antisemitismus oder Judenhass (auf den Unterschied zwischen beiden Begriffen kann hier nicht gebührend eingegangen werden) ein Problem des christlichen Abendlandes ist – nicht der Menschen aus der Dritten Welt. Dementsprechend spielt er für sie auch nicht die Rolle, die ihm im Abendland und ob seiner Geschichte erst recht in Deutschland zukommt. Erinnern wir uns doch: Da sind die Judenpogrome des Mittelalters, die Expansion der katholischen kastilischen Krone im Süden der iberischen Halbinsel, die völkermordähnliche Vertreibung der andalusischen Bevölkerung und Flucht hunderttausender muslimischer und jüdischer Menschen nach Nordafrika – allein der osmanische Sultan nahm zigtausende geflüchtete jüdische Menschen auf.

Zeitgleich gab ein Martin Luther seine antijüdischen Tiraden zum Umgang mit den Juden ab, die durchaus als Blaupausen für KZs gelesen werden können. Die Traktate eines vor allem durch die Biologie „naturwissenschaftlich fundierten“ Antisemitismus avancierten in Europa zur herrschenden Lehre. Sie können hier aus Raumgründen nicht behandelt werden, ihre historische Herkunft sollte aber bei den folgenden Überlegungen präsent bleiben. Mit der kolonialen Expansion wanderte auch der Antisemitismus nach Süden, war dort aber stets Teil der Ideologie der Herrschenden, nicht der beherrschten Einheimischen.

Wie könnte man sonst erklären, dass allein im islamischen Raum bis heute an die 20 christliche Kirchen existieren, ganz zu schweigen von Drusen, Jesiden, Bahai? Und selbstverständlich gab es – bis zur Gründung des Staates Israel 1947 – in all diesen Ländern jüdische Gemeinden, in den meisten bis heute, die wohl größte im ob seiner Israelfeindlichkeit lauthals geschmähten Iran. Der Islam verlangt den Schutz der monotheistischen Offenbarungsreligionen durch die muslimische Herrschaft, unterstellt allerdings die jüdischen und christlichen Gemeinden dem dhimmi-Statut, demzufolge sie bestimmte Abgaben zu leisten haben und vom Kriegsdienst ausgeschlossen sind.

Im indonesischen Bandung fand 1955 unter Vorsitz des damaligen Präsidenten Ahmed Sukarno jene legendär gewordene „Bandung-Konferenz“ statt, die die Unabhängigkeit der damals vielen noch kolonisierten Gebiete forderte und den Grundstein legte für die Entstehung der Bewegung der asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten, die sich als „Blockfreie“ zwischen den Großmächten des Kalten Krieges verstanden. Führungsmächte dieser Blockfreien waren neben Indonesien unter anderem die damals schon unabhängigen Staaten Indien, Ägypten, Jugoslawien, Kuba. In der herrschenden Meinung des Westens wurden sie als Fünfte Kolonne Moskaus apostrophiert.

Entsprechend wurden sie bekämpft: Mit Unterstützung des Westens (und Wissen der westlichen Botschaften – so auch der bundesrepublikanischen – in Djakarta) putschte 1965 General Suharto gegen den Präsidenten Sukarno. Die Zahl der Ermordeten wird auf etwa eine halbe Million geschätzt, Flüsse waren rot vom Blut. Opfer der Massaker waren in erster Linie Kommunisten und Menschen, die als solche denunziert wurden. Dazu der indonesische Historiker Hilmar Farid:

„Von vielen politischen Beobachtern wurde und wird jedoch übersehen, dass die Gewalt von 1965 untrennbar verbunden ist mit dem Siegeszug des Kapitalismus.“

Die unterstützende Rolle westlicher Geheimdienste – nicht nur der CIA, sondern auch des Mossad und des BND – auch an der späteren Herrschaft des Generals sind unbestreitbar. Suharto machte den Inselstaat zu einem neoliberalen Paradies für ausländische Investitionen vor allem im Bergbau und beim industriellen Anbau von Palmöl.

Gleichfalls 1965 wurde der marokkanische Oppositionsführer Mehdi Ben Barka, einer der Hauptorganisatoren der für 1966 in Havanna geplanten großen Trikont-Konferenz der Blockfreien, mit Hilfe der französischen Polizei in Paris entführt und vom marokkanischen Geheimdienst zu Tode gefoltert. Spekulationen über die Beteiligung des Mossad an diesem Verbrechen füllen Bände. Unbestreitbar ist die zentrale Rolle von Mossad und CIA bei der Entführung von Abdullah Öcalan, dem Generalsekretär der hierzulande verbotenen und als terroristisch eingestuften PKK (Kommunistische Partei Kurdistans): Er wurde am 15. Februar 1999 aus der griechischen Botschaft in Kenia verschleppt und ist seither auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali inhaftiert. Der Mossad darf als verlässlicher Partner von Geheimdienstaktionen westlicher Dienste gelten.

Die Künstler selbst hatten schon vor langer Zeit zu dem Banner erklärt:

Die Banner-Installation People’s Justice (2002) ist Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt, die wir während der 32-jährigen Militärdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben und deren Erbe, das sich bis heute auswirkt. Die Darstellung von Militärfiguren auf dem Banner ist Ausdruck dieser Erfahrungen. Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik, z. B. für die korrupte Verwaltung, die militärischen Generäle und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und militärische Gewalt zu kritisieren (…).“

So weit die eindeutige Kontextualisierung der darin enthaltenen Bilder des Banners durch die Künstler selbst.

Die inkriminierten Bilder

Insgesamt drei Bilder des Banners mobilisierten den Vorwurf des Antisemitismus. Das erste zeigt ein Schweinsgesicht mit einem Helm, auf dem MOSSAD steht und das ein Halstuch mit einem sechszackigen Stern trägt, darüber sind noch Atomraketen zu sehen. Erkennbar sind auf dem Bild weitere uniformierte Personen, die andere Geheimdienste darstellen sollen. Ist diese Anklage gegenüber dem israelischen Geheimdienst so eindeutig antisemitisch? Der sechszackige Stern auf dem Halstuch des Uniformierten kann auf Israel, aber auch auf das Judentum generell verweisen; der Mossad aber ist ein extralegaler Akteur des israelischen Staates. Ihn als Stellvertreter des Judentums zu begreifen, erscheint nicht nur als historisch falsch, sondern auch absurd.

Oder aber drückt das Bild Verachtung, Verurteilung, ja vielleicht Hass auf einen Geheimdienst aus, der – im Verbund mit anderen Diensten und auf gleichem Niveau mit ihnen dargestellten anderen Figuren – hier stellvertretend und als Akteur steht für imperialistische Unterdrückung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der ausgebeuteten Welt des Südens? Das Bild steht wohl eher für die Repression durch Dienste, die abseits jeder Rechtsstaatlichkeit Interessen fremder Mächte durchsetzen. Darauf deutet auch, dass auf anderen Helmen Kürzel wie „KGB“, „CIA“, „007“ stehen. Ob der Ersteller/die Erstellerin der Zeichnung jenes hierzulande nahezu jedem geläufige, eindeutige Judensau-Reliefs an der Stadtkirche von Wittenberg kennt, erscheint angesichts der gewählten Gesichtszüge eher unwahrscheinlich. Und: Ist das Bild also antisemitisch, weil es – auch – den israelischen Geheimdienst erwähnt, oder kann es, gerade in seinem Kontext, nur als antiimperialistisch und ungesetzlich interpretiert werden?

Das zweite Bild: Ein Gesicht mit Haifischzähnen, die Zigarre eines Kapitalisten im Mund, den Kopf bedeckt mit einem Hut, auf dem SS-Runen zu sehen sind. Steht es – wie in westlich-deutscher Sicht üblich – für den hassenswerten, raffgierigen Juden oder einen Börsenmakler, der symbolhaft für das Finanzkapital steht, das die Reichtümer und Bodenschätze der Länder der „Dritten Welt“ an der Börse verhökert? Die SS-Runen am Hut zielen wohl auf die Menschenfeindlichkeit und Brutalität des angeklagten kolonialen Systems, als Charakteristikum für Juden können sie wohl kaum gedeutet werden. Das Interpretationsproblem verlagert sich also eher ins Auge des westlichen, genauer deutschen Betrachters, als dass es eine eindeutige Aussage über „das Judentum“ wäre. Dies würde die Diagnose des israelischen Soziologen Moshe Zuckermann bestätigen, der in der Aufregung um die documenta eher ein deutsches Problem sieht und feststellt, dass dieses Thema in Israel selbst kaum Beachtung findet.

Die weniger besprochene dritte Darstellung assoziiert ein Motiv aus Picassos Zyklus „Guernica“ mit Bildern aus dem zerstörten Gaza oder mit friedlich frühstückenden (palästinensischen?) Landarbeiter*innen, während im Hintergrund Bewaffnete aufmarschieren. Diese Bilder werden in der Debatte um die Kunstausstellung nur wenig thematisiert, wohl auch, weil sie sich nur mit noch größerer Schwierigkeit als antisemitisch definieren lassen.

Fazit

Hinter der hitzigen Debatte über antisemitische Inhalte der Bilder und der Frage, ob solche Bilder noch vom Prinzip der Kunstfreiheit gedeckt werden oder ob hier klar Schranken gesetzt werden müssen, verbirgt sich eine ganz andere Frage, nämlich die nach der Deutung von Geschichte bzw. nach der Definitionsmacht über Geschichtsdarstellung. Diese Frage berührt unmittelbar das der documenta fifteen zugrundegelegte Ziel, die Sicht auf unseren Planeten aus der Perspektive des Südens zu zeigen. Wen wundert die Hitzigkeit der Debatte, wenn im Zentrum dieses Narrativs die Erfahrung von Kolonialismus, Unterdrückung und Ausbeutung steht?

Denn es geht um mehr als reale Erfahrung der Menschen aus dem Süden, die in das Geschichtsbild einfließt. Dahinter steht auch die Frage, wer wann und wie überhaupt Geschichte schreibt/schreiben darf: Die imperiale Weltordnung bedingt ja auch, dass Forschung und Wissensproduktion streng dem hierarchischen Gefüge entsprechen, das die in den Zeiten des Imperialismus gewachsene Weltordnung geschaffen hat: Es sind die Historiker, Anthropologen, Soziologen, Ökonomen etc. des „Westens“, die – inzwischen teilweise auch kritisch – die Gesellschaften des Südens und ihre Transformation beschreiben, Schulbücher des Südens und die Köpfe der Schüler füllen und damit „unsere“ Sicht zur weltweit einzig gültigen machen. Denn: Zur Festigung der bestehenden Herrschaftsstrukturen muss das Wissen geliefert und konsolidiert werden, mit dessen Hilfe die Reproduktion der etablierten (Welt-)Herrschaft abgesichert wird.

Die Debatte um Antisemitismus oder Kunstfreiheit überwölbt daher ein reales Problem, das genau die diesjährige documenta aufzeigen wollte: Die Deutungshoheit über Geschichte und Identität im historisch belasteten Verhältnis zwischen Nord und Süd. Es geht um den Kampf um die Köpfe, die Lufthoheit über die Deutung der Weltsicht. Vordergründig werden aus westlicher Sicht als antisemitisch interpretierbare Darstellungen denunziert. Letztlich aber geht es um die Definitionsmacht dessen, was sagbar und was unsagbar ist und die Frage, wer darüber bestimmt, wie die Welt auszusehen hat bzw. wie sie anzusehen ist.

Nirgendwo wird das in dieser Debatte herrschende Ungleichgewicht – man könnte auch sagen Nord-Süd-Gefälle – deutlicher als bei einem vergleichenden Blick auf die sogenannten Mohamed-Karikaturen: Deren Veröffentlichung, die Darstellung des Propheten des Islam als Terroristen, der in seinem Turban eine Bombe transportiert, wird in der öffentlichen Meinung und in der Rechtsprechung als von der Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt bezeichnet. Diese parteiliche Sicht auf „uns“ und „die Anderen“ scheint auch der Bundespräsident zu teilen, der eigens nach Kassel reiste, um zu erklären: Kritik an Israel sei erlaubt, „doch wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritten“. Wo auf diesen Bildern das Judentum oder der Staat Israel infrage gestellt werden, lässt sich aus den Bildern nicht erklären. Es wird das Geheimnis des obersten Repräsentanten unseres Staates bleiben, uns eines Tages zu erklären, wo er die Infragestellung des Staates Israel auf diesen Bildern entdeckt hat.

Autoritativ sorgen die Herrschenden dafür, dass ihre Sicht der Welt auch bei den Beherrschten gültig zu sein hat. Beispielhaft sei hier nur verwiesen auf die heftige Debatte, die seit der Präsidentschaft Emmanuel Macrons in Frankreich und Algerien über die „Erinnerungskultur“ an den Algerienkrieg geführt wird. Darum ist die Debatte um den realen oder behaupteten Antisemitismus auf den inkriminierten Bildern vordergründig. Politisches Ziel ist es, wie auch immer stärker in der Debatte artikuliert, diese Ausstellung schlechthin zu verhindern. Und wenn das diesmal nicht gelingt, so soll doch in Zukunft durch die Einschaltung neuer Entscheidungsstrukturen, durch Vergabe oder Nicht-Vergabe von Mitteln etc. dafür gesorgt werden, dass die Welt im richtigen Bild erscheint: Nicht die Stimme des Südens, der Entrechteten, der „Verdammten dieser Erde“ (Frantz Fanon) soll gehört und verstanden werden, sondern die Definitionsmacht der Herrschenden wird durchgesetzt.

Die Welt-Kunstschau wird umfunktioniert, um die weltweit gültige Sicht „unserer“ humanistisch verkleideten neokolonialen Ordnung zu stabilisieren. Dies gelingt aber nur, wenn sie in den Köpfen der Beherrschten selbst verankert wird. Um dies zu erreichen, scheint die alte Figur wieder auf, die schon immer Kolonialismus und Imperialismus verkleidete als „zivilisatorische Mission“ bzw. als „des weißen Mannes Bürde“: Nur die widerspruchslose Übernahme „unserer“ überlegenen und ewig gültigen Werte vermag es, Fortschritt und Humanität zu sichern. Wirklich glaubwürdig wird dies aber erst, wenn der Süden in diesen Chor einstimmt und für die Segnungen durch die Herrschaft des weißen Mannes dankt. Und schon sind wir wieder mitten auf der documenta fifteen, die so nie wieder stattfinden soll.

Titelbild: screenshot documenta

Lesen Sie zu diesem Artikel auch (noch einmal) den Artikel von Rainer Werning „Documenta 15: Enttarnter Antisemitismus oder verkannter Antikommunismus?“.

Ich bin sprachlos — 3. Juli 2022
Kritik an Israel ist nicht gleich antisemitisch — 25. Juni 2022

Kritik an Israel ist nicht gleich antisemitisch

Zunächst ein Differenzierungsversuch des Begriffs „Antisemitismus“. Der Mangel an Differenziertheit bei diesem Thema ist im Begriff schon angelegt. Der Vorwurf, etwas sei antisemitisch, wird oft im Zusammenhang mit einer Kritik der Politik Israels verwendet.

Ein kleiner Ausflug zu Schillers Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen. Diese „Briefe“ sind auf dem Hintergrund der Erfahrung des Bürgerkriegs bzw. der Bürgerkriege entstanden. Diesen hat unter anderem Kassel und Bad Karlshafen die Anwesenheit der Hugenotten zu verdanken.

Schiller trifft in den Briefen die Unterscheidung zwischen Person und Zustand. Die Person als ganzer Mensch und der Zustand als eine Beschaffenheit der Person. Wer am Abend betrunken ist, kann am nächsten Tag wieder nüchtern sein.

Oder anders gesagt: Der Mensch durchläuft Entwicklunszustände, er kann zum Beispiel qua Einsicht sein falsches Verhalten ändern.

Mit dem, was ich hier nur angedeutet habe, will ich darauf hinweisen, dass man öfter sagen müsste: „Anti-eine-bestimmte-Verhaltensweise-eines-Semiten“. Im Begriff des Antisemitismus steckt zu sehr die Totale. Nicht in jeder Krikik eines Semiten steckt die Absicht, ihn gänzlich zu vernichten. Das haben die Nazis getan, die Absicht hatte und hat die Künstlergruppe Tarin Padi nicht. Man muss nur in ihrem Statement auf der documenta-Seite nachlesen, welche Repressalien 1998 in Indonesien noch zugange waren. Das Bild ist darauf eine Reaktion, es gibt an den besagten Stellen wider, wie „Zustände“ israelischer Menschen empfunden wurden (Mossa z.B. und der Herr mit den Locken). Nicht selten macht sich Woody Allen, ein Jude, über orthodoxe Juden in seinen Filmen lustig. Hinzuweisen ist auch auf die Symolik des Schweins. Diese wird von George Orwell in seinem Buch „Animal Farm“ verwendet und steht dort für diktatorische Gewaltausübung. Ich habe ein Cover auf meinem Account veröffentlicht.

Auch das folgende Zitat von Orwell: >>The most effective way to destroy people is to deny and obliterate their own understanding of their history.<<

Dass Künstler ihre Empfindungen gegenüber Vertretern oder Repräsentanten Israels in zwei Karikaturen artikulieren, darf nicht sein, proviert einen Shit-Storm, der so heftig ist und so pharisäerhaft, dass alles Menschliche dabei verloren geht.

Zu erinnern ist an den Juden Erich Fried, an sein Gedicht „Höre, Israel“. Zionisten nannten Fried einen sich selbst hassenden Juden.

Höre, Israel

Erich Fried

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Aufnahme 2011

Als wir verfolgt wurden,

war ich einer von euch.

Wie kann ich das bleiben,

wenn ihr Verfolger werdet?

Eure Sehnsucht war,

wie die anderen Völker zu werden

die euch mordeten.

Nun seid ihr geworden wie sie.

Ihr habt überlebt

die zu euch grausam waren.

Lebt ihre Grausamkeit

in euch jetzt weiter?

Den Geschlagenen habt ihr befohlen:

„Zieht eure Schuhe aus“.

Wie den Sündenbock habt ihr sie

in die Wüste getrieben

in die große Moschee des Todes

deren Sandalen Sand sind

doch sie nahmen die Sünde nicht an

die ihr ihnen auflegen wolltet.

Der Eindruck der nackten Füße

im Wüstensand

überdauert die Spuren

eurer Bomben und Panzer.

deutschelyrik.de

Höre, Israel – Deutsche Lyrik

Das Orwell-Schwein — 24. Juni 2022

Das Orwell-Schwein

Der Antisemitismus-Vorwurf der documenta gegenüber geht einzig und allein davon aus, dass die indonesische Künstlergruppe Tarin Padi sich mit ihren vermeintlichen antisemi-Karikaturen am Stürmer orientiert hätte beziehungsweise den Nazi-Bildern glichen. Es könnte aber auch sein, dass sie sich bei der Zeichnung des Mossad-Soldaten an Orwells Animall Farm orientiert haben. Der Oberdiktator in der Animal Farm ist ein Eber und dem zufolge sind seine Soldaten Beschützer brutaler Macht.