Endlich mal LITERATUR auf den Nachdenkseiten

Der Jazz trieb uns den Marschtritt aus dem Leib – Krieg und Nachkrieg im Werk von Dieter Wellershoff

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Anlässlich des 70. Jahrestages des Zweiten Weltkriegsendes, der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft am 8. Mai 2015 werden wir wieder viele Beispiele einer salbungsvollen, abgehobenen Erinnerungsrhetorik erleben, wie sie bereits anlässlich des Gedenkens an das Entfachen des Ersten Weltkrieges und des Kriegsbeginns am 1. September 1939 zu vernehmen waren; gerade von denen, die heute geschichtsvergessen von einer neuen Verantwortung Deutschlands in der Welt fabulieren und dabei auch militärische Optionen nicht ausschließen. Es mutet seltsam an, mit welcher Selbstverständlichkeit in der Öffentlichkeit schon wieder Kriegsszenarien durchgespielt und damit die Errungenschaften der Entspannungspolitik mit dem Osten desavouiert werden.
In dieser Situation kann es hilfreich sein, die deutsche Nachkriegsliteratur noch einmal in Erinnerung zu rufen, spiegelt sie doch wie kein anderes Medium das nationale Debakel und die desaströse geistig-moralische Befindlichkeit der Bevölkerung in der „Stunde Null“ wider. Trümmer- und Kahlschlagsliteratur hat sie sich selbst genannt, womit sie zugleich auf die zerstörten deutschen Städte reflektierte wie auf das Erfordernis, mit literarischen Traditionen zu brechen und aus dem Nichts etwas Neues zu schaffen. Der Schriftsteller Dieter Wellershoff (Jahrgang 1925) hat als junger Mann diesen Krieg erlebt und überlebt, und es brauchte eine längere Zeit, bis er seine Erlebnisse verarbeiten konnte. Er war nicht einer der ersten, der darüber schrieb – dafür war er 1945 auch zu jung; aber kaum ein anderer unter den deutschen Literaten hat dann so viel für die Aufarbeitung dieser Erfahrungen und für die Aufklärung über das nationalsozialistische Regime geleistet wie er. Von Petra Frerichs

Dieter Wellershoff zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg; gleichwohl reiht er sich selbst nicht in die „Nachkriegsliteratur“ ein, wofür er folgende Erklärung abgibt:

Als ich … zu schreiben begann, war die Kriegsliteratur von älteren Autoren – Böll, Bender, Richter, Andersch und Plivier – … bereits geschrieben, und es war nicht mehr möglich, noch ein eigenes Kriegsbuch nachzureichen, obwohl die Erfahrungen meiner Altersgenossen, also der Jahrgänge, die im Nazireich aufgewachsen waren und mit 17 bis 19 Jahren in dessen militärischen Zusammenbruch gerieten, ganz eigene Aspekte haben. Doch im Fahrplan der Nachkriegsliteraturgeschichte war der Zug abgefahren, als meine Generation auf den Bahnsteig kam. So blieb uns nichts anderes übrig, als die Erfahrungen in sich aufzuheben und vielleicht sogar zu vergessen. („Der Flug der Taube“, Werkausgabe [WA] 3, 655)

Sein „Kriegsbuch“ wird Wellershoff erst fünfzig Jahre nach Kriegsende schreiben: „Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges“ erscheint 1985. Doch bereits seit Ende der 1970er Jahre meldete er sich immer wieder zu Wort, wenn es um diesen Krieg ging und die bitteren Lehren, die er aus ihm gezogen hatte. In den Autobiographischen Schriften (WA 3) ist der große, mehrteilige Essay mit dem Titel „Die Arbeit des Lebens“ enthalten, der allein zwei Abhandlungen über seine Kriegs- und Nachkriegserfahrungen aufbewahrt: „Deutschland – ein Schwebezustand“ (1978/79) liest sich wie ein politisches und zeitgeschichtliches Vermächtnis, das er den nachfolgenden Generationen hinterlässt; bezeichnenderweise hat er diese Schrift seinen drei Kindern gewidmet. Und in „Wohnungen, Umgebungen“ setzt sich Wellershoff auch mit der deutschen Nachkriegsliteratur, insbesondere Wolfgang Borchert, auseinander: wie er sie 1947 wahrnahm und schon bald sich davon distanzierte. Im Rahmen von Vorträgen, Gesprächen und Essays aus aktuellem Anlass (wie etwa zu den runden Jahrestagen des Kriegsendes oder auch zu der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, für die dem Kurator Hannes Heer vom Hamburger Institut für Sozialforschung die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen wurde und Wellershoff die Laudatio hielt) zeigt sich Wellershoff immer wieder als ein profunder Zeitzeuge und Chronist, dessen Erfahrungen, Einschätzungen und Urteilskraft nachgefragt werden. [1] Damit hat Wellershoff eine Sonderstellung unter den deutschen Schriftstellern der Nachkriegsepoche inne: Kaum ein anderer hat sich diesem Thema so lange und durchgängig gewidmet wie er. Und kaum ein anderer hat das Miterlebt-Haben des Krieges zum Ausgangspunkt der politisch-historischen Analyse und Reflexion gemacht.

Wellershoff hatte nichts zu verschweigen oder zu verdrängen – wie etwa der vor wenigen Tagen verstorbene Günter Grass, der erst nach Jahrzehnten seine Mitgliedschaft in der Waffen SS eingeräumt hatte; auch dazu hat Wellershoff Stellung genommen. Seine Kritik an Grass kulminiert in der Aussage, dessen Hauptproblem sei weniger „das Verschwiegene“ als „das dauernde Verschweigen selbst“, und insofern sei der „Fall Grass“ durchaus ein Exempel für die „Energie der Verdrängung und ihre verborgene Motivation“ (WA 3, 515f.; s.a. „Bildbereinigung“, WA 8, 909ff.).
Wellershoffs relativ spätes Schreiben über seine Kriegserfahrungen hatte mit seinem jungen Lebensalter in den ersten Nachkriegsjahren, also seiner Generationszugehörigkeit, wie auch damit zu tun, dass es in einem „zweiten Anlauf“ des Schreibens über den Krieg eines öffentlichen Interesses bedurfte, um wahrgenommen zu werden.

Aus dem Gespräch mit Stephen Lebert und Norbert Thomma (2003) erfährt man noch einen anderen interessanten Aspekt über das späte Schreiben, der eher ästhetische Fragen berührt:

Sie haben Ihre Erinnerungen an den Krieg erst nach 50 Jahren aufgeschrieben. Wollten Sie nicht früher, konnten Sie nicht?
„Beides. Ich bin aber froh, daß ich gleich nach dem Krieg nicht in der Lage war, ein Buch über den Krieg zu schreiben.“

Warum?
„Weil damals ein starker Konformitätsdruck herrschte. Man mußte moralisierend schreiben. Mit gestellten, moralisierungsfähigen, exemplarischen Situationen. Als ich 50 Jahre nach dem Krieg mein Buch ‚Der Ernstfall‘ schrieb, konnte ich ein phänomenologisches Buch schreiben, ohne inszenierte Situationen, ohne Retuschen.“ (855)

Es mussten bei Dieter Wellershoff also mehrere Faktoren zusammenkommen, um über seine Kriegserfahrungen und -erinnerungen zu schreiben: Die Existenzweise als freier Schriftsteller, die er erst relativ spät realisieren konnte; der persönliche Schreibimpuls [2] und die Gelegenheit, d.h. das Schreiben „mit Aussicht auf Veröffentlichung“ vor dem Hintergrund öffentlichen Interesses. Aus der Distanz zu schreiben brachte dann aber auch den Vorteil mit sich, die Form, in der er seine Erinnerungen festhalten wollte, frei wählen zu können. [3]

Wellershoffs kritisches Verhältnis zur Nachkriegsliteratur lässt sich in der Werkausgabe am Beispiel von Wolfgang Borcherts Stück „Draußen vor der Tür“ hinreichend nachvollziehen. So berichtet er von einem „Erweckungserlebnis“, als er zusammen mit Kommilitonen des Bautrupps (die zerstörte Universität in Bonn musste erst wieder aufgebaut werden) am 13. Februar 1947 – für ihn das „Initiationsdatum der deutschen Nachkriegsliteratur“ – im Rundfunk dieses Stück hörte.

Das Stück … sprach auf eine bisher ungehörte, leidenschaftliche Weise von den Verheerungen des Krieges, von der Verlorenheit der Überlebenden und von heimatloser Heimkehr. Es stellte den Alptraum eines Heimkehrers dar, der seinen Erinnerungen nicht entkommt und überall vor verschlossenen Türen steht, und der zum Schluß, als er erwacht, die ins Leere verhallende Frage schreit, wozu er denn leben soll?

Ich weiß noch, was ich empfunden habe: Es war eine Mischung aus erstauntem, befreitem Aufhorchen und leiser Beschämung. Dies war der erste Vertreter der Kriegsgeneration, der unüberhörbar von seiner Erfahrung sprach, und das machte mir auf einmal deutlich, daß, verglichen mit dieser Stimme, alle anderen, auch ich, sprachlos dahinlebten. Jahrelang hatten wir auf den Ausdruck unserer Erfahrung verzichtet. Aus dieser Gewohnheit war schon eine Lähmung geworden. Man konnte die Stummheit vielleicht als praktische Lebensbewältigung zu rechtfertigen versuchen, aber sie war auch blind und angepaßt. Borchert rüttelte mich daraus auf. Nicht so sehr durch das, was er sagte. Das glaubte ich nur oberflächlich. In Wahrheit entsprach die todessüchtige Verzweiflung der Heimkehrerfigur … nicht meinem eigenen Lebensgefühl. Doch der Impuls, mit dem Borchert sprach, elektrisierte mich. Ich wollte auch wieder schreiben.“ („Die Arbeit des Lebens“, WA 3, 195f.)

Borcherts Stück und die Lektüre seiner Kurzgeschichten motivierten den jungen Wellershoff zunächst zum Nacheifern. Doch nach eigenen Schreibversuchen hatte er erkannt, dass es das Falsche war. Mein Vorbild erschien mir auf einmal als sentimentale Erbauungsliteratur am Rand des Kitsches. („Der Flug der Taube“, WA 3, 647) Und in einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstages spricht Wellershoff von Pathetisierung im Hinblick auf Borchert und generell das moralisierende Schreiben in der Nachkriegsliteratur, von der er sich kritisch absetzte. Nicht aber, ohne für die „durchgehende Schwäche“ der Nachkriegsliteratur eine objektivierende Erklärung zu haben; so heißt es im Essay „Erinnerungsarbeit“, wo Wellershoff sich u.a. mit Maxim Billers Aufsatz „Unschuld mit Grünspan“ auseinandersetzt:

Alle diese Romane, Erzählungen und Stücke wurden geschrieben innerhalb eines von der historischen Situation vorgegebenen Distanzierungsprogramms, das unter dem Eindruck der Kriegsverbrechen und der Verheerungen des Krieges entstanden war und als ein kollektiver Konsens die Themen und Perspektiven der nun entstehenden Nachkriegsliteratur bestimmte. (WA 8, 766)

Diesem Distanzierungsprozess war es Wellershoff zufolge geschuldet, dass übertriebenes Pathos und angestrengtes, didaktisch wirkendes Bemühen der Autoren, ihre Erfahrungen ins Exemplarische und Symbolhafte zu überhöhen (ebd., 767), in die Texte einfloss, die Biller als verfälschende Literarisierungen des Krieges, sentimentale Verlogenheit und Verzerrung der Wahrheit kritisiert.

Was Wellershoff in den frühen Bonner Studienjahren hingegen interessierte und anzog, war etwas völlig anderes, und das brachte ihn auch gleich in einen Gegensatz zu weiten Teilen der Nachkriegsliteraten: Heidegger und Sartre, die mit ihren philosophischen Kerngedanken die existentielle Lage vieler Kriegsheimkehrer beschrieben hatten, indem sie das eigene Seinkönnen vor dem Hintergrund des Nichts, der Zufälligkeit und des Todes thematisieren; Freuds Psychoanalyse, die ihm eine neue Sicht des Lebens und des Menschen erschließt; Sartres Roman „Der Ekel“ lenkt den Blick auf krisenhafte Prozesse oder Momente chaotischer Orientierungsverluste als Gegenstand literarischer Verarbeitung; Hamsun, Faulkner, Claude Simon oder der Nouveau Roman aus Frankreich bilden die Grundlage für eigene ästhetische Entwürfe.

Erfahrungserweiterungen und Innovationen waren für mich immer Ereignisse von Krisen, in denen die Denkgewohnheiten erschüttert oder zerstört wurden, und die Darstellung solcher Vorgänge waren in meinen Augen die Höhepunkte der Literatur.

Vorlieben wie diese bescherten Wellershoff immer wieder kontroverse Diskussionen mit Vertretern der literarischen und literaturwissenschaftlichen Profession (u.a. mit Max Bense), die ihn dazu veranlassten, seine Positionen auszuarbeiten und zu schärfen. Die daraus entstandenen Essays über Literatur und das Schreiben bezeichnet er als seinen persönlichen Anteil an einem allgemeinen Dilemma der deutschen Nachkriegsliteratur, die … nicht mehr auf unbefragten Traditionen und Selbstverständlichkeiten ruhte, sondern ständig unter Legitimationszwängen litt. (WA 3, 647ff.)

Wiederholt bezeichnet Wellershoff die Bonner Jahre als seine „Stunde Null“, sehr wohl wissend, dass es sie historisch nicht gegeben hatte. Doch hinsichtlich der Bildungsvoraussetzungen, mit denen ich im Frühjahr 1947 zu studieren begann, muß ich diesen Begriff für mich in Anspruch nehmen. (ebd.) Während gemeinhin die „Stunde Null“ als Synonym für den Neubeginn steht, aber untrennbar auch für den Schlußstrich, das Vergessenwollen, das Verdrängen und die Leugnung von (Mit-) Schuld, also eine Formel für tabula rasa, so keinesfalls bei Wellershoff. Wenn er von der „Stunde Null“ spricht, dann bezeichnet er eine motivierende, befreiende Ausgangssituation, in der man nichts Wesentliches mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen hatte (WA 8, 501). Erlebt und aus der Distanz reflektiert hat er die frühen Jahre als Befreiung von Ohnmacht und Fremdbestimmung, und er sieht es als

bleibendes existentielles Privileg an, den totalen Zusammenbruch eines Machtstaates und eines kollektiven Wahns hautnah … erlebt zu haben. Eine Befreiung, die die Erinnerung an eine einzigartige Menschenvernichtungsindustrie mit ihrer vielfältig verästelten Volksgemeinschaft aufbewahrt, abgestuft in die Planer und Befehlsgeber, die ausführenden Täter und Mittäter, die Nutznießer, die schweigenden Mitwisser und die unzähligen Verdränger, die das eine oder andere gehört und gesehen hatten und sich gehütet haben, Fragen zu stellen (ebd. 491).

Die massenpsychologische Situation dieser Zeit beschreibt Wellershoff als eine diffuse, in der sich Ressentiment und Unbelehrbarkeit mischten mit dem Gefühl von Lähmung; dumpfer Fatalismus gesellte sich zum Wunsch, alles hinter sich zu lassen und sich schnell zu arrangieren. Der Wiederaufbau ging einher mit Verdrängung, und die traditionellen Pathosbegriffe wie Heimat, Gemeinschaft oder Vaterland wurden tabuisiert. Das sogenannte Wirtschaftswunder wurde erlebt als Belohnung für Fleiß und demokratisches Wohlverhalten, wie ein erworbenes Recht auf Wohlstand – sinnfällig im neuen Massenritual der jährlichen Auslandsreise. (ebd. 510f.)

Wenn Wellershoff über die Stunde Null als seine zweite Geburt im studentisch-intellektuellen Milieu seiner Bonner Jahre reflektiert, bringt er immer wieder die Existenzphilosophie als das passende Gedankengebäude für diese historische Situation ins Spiel. Denn sie nimmt das Nichts zum Ausgangspunkt, und dieses Nichts war erfahrbar in den ersten Nachkriegsjahren. Auch ihr Freiheitsbegriff entsprach dieser Situation, wenn es emphatisch hieß, daß der Mensch dank seiner Freiheit sich seine eigene Notwendigkeit erschaffen müsse. Nach der Fremdbestimmung durch den totalitären Staat und das Militär wurden kritisches Denken und ein selbstbestimmtes Leben die für mich maßgebenden Werte. (WA 8, 1035f.)

Man war nicht geborgen in einer vernünftigen, wohlgeordneten Welt, nicht bei den allgemeinen Ideen, nicht im behaglichen bürgerlichen Besitz, sondern in der Freiheit, die aus der Berührung mit dem Tod entsprang. Das war die passende Philosophie für die Stunde Null, wie das Kriegsende von vielen genannt wurde. Obwohl es eine Stunde Null in der Geschichte niemals geben kann. Aber das wußte man nicht. Man wollte einen Anfang haben, ganz blank und noch unbeschrieben von neuen Täuschungen. Der Existentialismus war eine heroisierende, individualistische Variante eines Nullpunkt-Denkens und ein intellektuelles Nachgruseln nach dem kollektiven Totentanz.

Und Wellershoff fährt mit der Beschreibung des neuen Lebensgefühls fort, das aus der Fülle des kulturellen Angebots zu schöpfen begann:

Keineswegs war die Stimmung depressiv, sondern trotz Hunger und Armut getragen von aufgestauter, nun endlich befreiter Lebenslust. Man konnte schlafen gehen ohne Angst und konnte sagen, was man dachte, und so konnte man auch zu denken beginnen. Es war eine Zeit täglicher Entdeckungen. Wir hatten in einem geistigen Vacuum, einer kulturellen Sperrzone gelebt, deren streng bewachte Grenzen endlich gefallen waren. Nun kam auf einmal alles auf uns zu: die moderne Literatur, die Kunst, die Philosophie, der internationale Film, das Theater und vor allem, als eine vitale Stimulierung, die uns eine neue Art äußerer und innerer Bewegung lehrte, der Jazz. Es war eine neue Zivilisation mit neuen Umgangsformen und Lebensreizen.

Die Bedeutung des Jazz, der begeistert aufgenommen wurde, weil er am besten unsere Freude ausdrückte, daß der Krieg vorbei war und wir lebten, hatte auch eine motorische wie mentale Dimension: diese Musik trieb uns den Marschtritt aus dem Leib.

Wellershoff zählt sich zur skeptischen Generation, deren geistige Ausrichtung er wie folgt beschreibt:

‚Ohne mich‘ lautete die Formel der Überlebenden, die damals in Deutschland die Uniform auszogen, um nie wieder eine anzuziehen, auch keine innere Uniform mehr, keine kollektiv verordnete Weltanschauung, keine Ideologie. Man hat sie später die ‚skeptische Generation‘ genannt. Dennoch haben viele dieser Skeptiker noch einen letzten nationalen Traum gehegt: die Hoffnung auf ein neutralisiertes Deutschland, das – offen für die Welt – sich auf seine besten kulturellen Traditionen besinnen würde; auf seine Musik, seine Philosophie, seine Dichtung, auf all das, was für sie das wahre Deutschland bedeutete, das in den Jahren der Barbarei sein Gesicht verloren hatte und nun im Windschatten der Geschichte durch freiwilligen Machtverzicht wiedererstehen sollte als ein Land der Humanität, des Friedens, der sublimen Innerlichkeit, in dem das alte bürgerliche Kulturideal der ‚Schönen Seele‘ nun endlich kollektiv erblühen konnte.
Stattdessen brach der Kalte Krieg zwischen den Siegermächten aus. Restdeutschland wurde geteilt und je nach Einflußbereich politisch, militärisch, wirtschaftlich und ideologisch in die gegnerischen Machtblöcke integriert, und zwar hier wie dort mit besonderen Beweis- und Gehorsamspflichten, sozusagen als künftige Musterprovinzen der feindlichen Großreiche. (alle letzten Zitate aus: „Die Arbeit des Lebens“, WA 3, 102ff.)

Aber auch aus dieser Ernüchterung heraus bewahrt Wellershoff die Erinnerung an das politische Bewusstsein der kritischen Intellektuellen aus jenen Jahren auf, nämlich Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, von denen eine auf ein neutrales Deutschland abzielte. Wie gezeigt, hatte sich dieser Gedanke durch die Blockbildung faktisch zerschlagen. Welche Erfahrungen allerdings für immer prägend sein werden, hat der Autor bei verschiedenen Gelegenheiten hervorgehoben: Die Erfahrung des Krieges ist ein determinierender Hintergrund seines Lebens geblieben; sein (Über-) Leben begreift er als Zufall und Geschenk; die Auseinandersetzung mit Informationen, Dokumenten, mit der Wahrheit des Grauens der NS-Herrschaft sieht er als persönliche Verpflichtung an; den Krieg der Alliierten als hoch gerechtfertigt; die Verbrechen in den Vernichtungslagern als historisch singulär; die Niederlage selbst hat Erkenntnischancen geboten, auch die für die falsche Sache gekämpft, die eigene Täuschbarkeit erfahren zu haben und einem Irrtum erlegen zu sein, was ihn immunisiert hat gegen jegliche Ideologie und alles Kollektive; die Ablehnung von Anpassung zugunsten des ausgehaltenen Widerspruchs und der entwickelten Differenz als Wertorientierung im Rahmen einer demokratisch und rechtsstaatlich verfassten Gesellschaft, zu der auch der Mut zur Wahrheit, zu abweichender Meinung, Kritik, Entschlossenheit, Entscheidungsfähigkeit, Selbstbestimmung gehören; und schließlich darf Wellershoff zufolge die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht zur Erinnerungsrhetorik verkommen.

Wie man dieser entgeht, zeigt abschließend ein längeres Zitat, in welchem Wellershoff auf eindrückliche wie eindeutige Weise zur Frage der Schuld Stellung nimmt:

Zum Massentrauma der völligen Niederlage kam bald danach das Entsetzen und die Beschämung über die Leichengruben der Vernichtungslager. Nun gab es keinen Einspruch mehr gegen die Annullierung der Nation, kein Recht mehr, auf das man sich noch berufen konnte. Alle, fast alle Deutschen hatten auf Seite der Mörder gekämpft, und so hatte sich die ganze Nation mit unerträglicher Schuld beladen. Nur wenn sie sich auflöste in 70 Millionen Individuen, konnten die meisten wohl nachweisen, daß sie nicht unmittelbar an den Verbrechen beteiligt waren. Alle Deutschen waren schuldig. Aber was hieß das schon, Deutscher zu sein? Man war Herr Müller oder Schulze, ein kleiner Mitläufer vielleicht, ein einfacher Soldat, möglicherweise verwundet, Invalide, vertrieben oder ausgebombt, also auch ein Opfer.
Das war ein billiger Ausweg aus der Verstrickung in die Gesamtschuld. … Konnte man … die Verantwortung all dieser vielen ohnmächtigen Einzelnen hinaufaddieren bis zum großen schuldigen Kollektivsubjekt Nation? Die Nation war eine unanschauliche, unerlebbare Abstraktion geworden. Man sah sie nicht mehr, sie trat nicht mehr in Erscheinung, weder durch Symbole noch durch Repräsentanten, weder bei festlichen Gelegenheiten noch bei der Sinngebungsarbeit von Artikelschreibern und Rednern. Die starren Gestalten auf der Anklagebank des Nürnberger Prozesses, die als graues Gruppenbild durch die Zeitungen gingen, waren schon ferngerückt, entmachtete, puppenhaft abgelebte Akteure eines Films, der glücklicherweise nicht mehr gespielt wurde und an den man sich mit Schrecken erinnerte, um sich sogleich entschieden der Gegenwart zuzuwenden. Die Gegenwart, die für alle Deutschen mit der Not begann, irgendwo ein paar Kartoffeln und ein paar Briketts zu erwischen und das undichte Dach zu flicken, doch eben auch mit dem Glück dieses begrenzten, bloß praktischen Lebens, an dem man zukünftig, unverführbar durch Ideen und Parolen, festzuhalten gedachte. Mit diesem Rückzug ins Private begann die gegenwärtige Geschichte. („Deutschland – ein Schwebezustand“ 1978/79, in: WA 3, 96f.)

Neben der inhaltlichen Klarheit und Gedankenschärfe des kritischen Intellektuellen aus der skeptischen Generation, stellt dieser Text auch eine rhetorisch-stilistische Meisterleistung dar. Von Dieter Wellershoff kann man auch 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs und der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft lernen, dass und wie man sich an diese Tragödie deutscher Geschichte erinnern sollte.


[«1]Titel wie „Die Besiegten. Kriegsende und Nachkriegszeit in Deutschland. Zum 50 Jahrestag der deutschen Kapitulation“ (1995); „Das Kainsmal des Krieges. Laudation für Hannes Heer“ (1997); „Erinnerungsarbeit. Im Vorfeld der Geschichtsschreibung“ (1998); „Die Kriegserfahrung. Gespräch mit Stephen Lebert und Norbert Thomma“ (2003); „Was war, was ist. Erinnerungen an den 2. Weltkrieg. Vortrag bei der Jahresversammlung der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ (2005); „DieNachkriegszeit – Anpassung oder Lernprozeß“ (2006); „Die Stunde Null als Zweite Geburt. Eine mentalitätsgeschichtliche Anmerkung zu Hans-Ulrich Wehlers >Deutsche Gesellschaftsgeschichte< (2008); „Der Zweite Weltkrieg als persönliche Erfahrung. Rückblicke und Antworten auf Fragen von Natalija Wasiljewa“ (2011); und schließlich „Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges“ (1995), Wellershoffs umfassende Studie, angelegt als persönlicher Erlebnisbericht und zugleich als kriegsgeschichtliches wie militärstrategisches Sachbuch (alle Titel sind in WA 8 enthalten) sowie die 3 CDs umfassende Audio-Kassette „Schau dir das an, das ist der Krieg. Dieter Wellershoff erzählt sein Leben als Soldat“ (2010), bezeugen dieses kontinuierliche Engagement des Autors in Sachen Kriegserfahrung bis ins hohe Alter (so wurde er auch anlässlich der Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Unsere Mütter, unsere Väter“ als Zeitzeuge im Rahmen eines Interviews 2013 für die FAZ.net befragt).

[«2]Diesen Impuls verspürte er nach einem Kuraufenthalt 1994 in Bad Reichenhall, genau dem Ort, wo er 50 Jahre zuvor als Soldat eine schwere Verwundung auskuriert hatte.

[«3]Bezeichnenderweise hat Wellershoff seine Kriegserfahrungen nicht literarisiert, sondern dies in Form von Essays, autobiographischen Schriften, Vorträgen, Erlebnisberichten und Sachbuch-Abhandlungen getan. Seine frühen Hörspiele aus den 1950er Jahren – für das Hörspiel „Minotaurus“ hatte er den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ erhalten – haben andere Sujets als die üblichen Nachkriegsthemen wie Heimkehrer, Hunger und Wohnungsnot. Sein Interesse an Hörspielen ist eher formaler Natur; er sieht in ihnen ein literarisches Probier- und Experimentierfeld.

 

TV-Tipp Satire Deutscher Bundestag

Tugenden wie Eitelkeit, Intrigantentum, Oberflächlichkeit, Gerissenheit, Feigheit, Inkompetenz, Mediengeilheit und Größenwahn kulminieren in der fiktiven Person des Hajo “Eichwald, MdB”, dem Stromberg des deutschen Bundestages. Unter diesem Titel startet heute, 16.04.2015 um 22:45 Uhr auf ZDF neo eine vierteilige Satire-Serie, die den Alltag des Bochumer SPD-Abgeordneten Eichwald im Berliner “Raumschiff” begleitet. Eichmann äh ……wald ist ein lebender Anachronismus der 80er Jahre, ein politisches Fossil, das mit “Neuland” große Schwierigkieiten hat.

Für das ZDF ein gewagter Sprung in Sachen Humor, denn in der Dramaturgie schimmert eine gewisse, unbeabsichtigte Selbstironie des Senders durch.

Am 29.05.2015 läuft der Film auch im ZDF-Hauptprogramm.

In der Mediathek von ZDF neo können alle vier Teile schon heute angeschaut werden.
http://www.zdf.de/eichwald-mdb/eichwald-mdb-37551852.html

Die Heuchler

Triumph der Bigotterie (2): “Nationale Betroffenheit”

Die widerliche, menschenfeindliche Bande zieht ihren verabscheuungswürdigen Heuchelkurs unbeirrt durch (hier geht’s zum ersten Teil). Was interessieren Merkel, Gabriel & Co. tote “Neger”, wenn es stattdessen auch medienwirksam Deutsche zu “betrauern” gibt?

Ein Gastbeitrag von Altautonomer.

Wenn die politische Elite der “Weltmeister der Herzen” eines perfekt beherrscht, dann ist es die öffentliche Trauer-“Arbeit”, das Zelebrieren von angeblicher Betroffenheit. Für die “größte Trauerfeier Deutschlands” (Vorsicht: Link geht zur BLÖD-“Zeitung”) im Kölner Dom werden neben Ana Pastor Julián (Spaniens Verkehrsministerin) und Laurent Fabius (Frankreichs Außenminister) die üblichen Repräsentanten des geheuchelten Mitleids aus Deutschland dabei sein: Bundespräsident Joachim Gauck, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Kanzlerin Angela Merkel, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sowie Hessens Ministerpräsident Volker Buffier.

Niemand denkt daran, diese Trauerzeremonie abzusagen, sie zu verschieben oder eine weitere für die neuen Opfer zu planen. Denn am vergangenen Wochenende sind vor der Küste Libyens 400 Flüchtlinge ertrunken, weil ihr überladenes Boot kenterte. Darunter auch eine schwangere Frau, während eine weitere Frau noch auf dem Rettungsschiff der italienischen Kriegsmarine ein Baby zur Welt brachte. Für diese Toten aus armen Ländern bricht kein Politiker seine Urlaubsreise ab, es fliegen auch weder Merkel noch Steinmeier nach Lampedusa, um mit einem italienischem Hubschrauber über die Stelle im Mittelmeer zu fliegen, an der das Boot gekentert ist. Es macht sich auch keine Armee von Journalisten auf nach Libyen, um dort in penetranter Art und Weise die Hinterbliebenen der Opfer, so sie dort anzutreffen wären, zu filmen oder zu interviewen.

Pech eben, dass unter den Opfern keine Deutschen waren.

Obwohl in diesem Jahr bereits rund 900 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer, dem größten Friedhof Europas, ertrunken sind (2014 waren es über 3.000), beschränkt sich die Reaktion der Bundesrepublik auf das Statement von Regierungssprecher Steffen Seibert, der nicht müde wird, im Auftrag seiner Chefin bei Unterschlagung der Verantwortung von “Frontex” zu wiederholen, dass die Länder, aus denen die Flüchtlinge aufbrechen, “die Schlepperaktivitäten besser bekämpfen” müssten. Der Kanzlerin, dem Außenminister, dem Bundesgauckler und dem sozialdemokratischen Erzengel Gabriel (“Dick und Doof in einer Person”) sind diese Toten nicht einmal eine Pressekonferenz oder irgendeine sonstige Bemerkung wert.

Das Sterben vor den Stränden der südeuropäischen Urlaubsparadiese geht unterdessen weiter. Diejenigen, die die rettenden Küsten Europas lebend erreichen, werden dagegen von den Medien zur “Asylantenschwemme” und Bedrohung für die Einwanderungsländer gebrandmarkt. Nicht wenige davon werden in Deutschland direkt in Abschiebehaft genommen und dürfen sich dort gleich wie zu Hause fühlen.

Quelle:

http://narrenschiffsbruecke.blogspot.de/2015/04/triumph-der-bigotterie-2-nationale.html

ALK auf den Nachdenkseiten

Natürlich Alkoholismus als Thema:

Rezension: „Alk“ Das klarste Buch über die trüben Aussichten der deutschen Sucht Nr. Eins: Alkoholismus

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„Das wärmste Jäckchen ist das Konjäckchen“, so spricht der erfahrene Volksmund gern in unseren zunehmend zugigen Zeiten. Gemeint damit ist die zunächst verführerisch wohltuende Wirkung von Alkohol jeglicher Art auf die menschliche Seele. Die Sorgen von Männern und Frauen um ihre Zukunft sind groß, die unsichere Perspektive, wie alles weiter gehen soll im Beruf, in der Familie, mit der Welt insgesamt – sie zerren beträchtlich an den Nerven. Wohin aber mit diesen quälenden Gedanken, mit der Angst im Bauch, mit dem Gefühl eigener Unzulänglichkeit? Eine Besprechung des Buches „Alk. Fast ein medizinisches Sachbuch“ von Simon Borowiak von Marianne Bäumler

Überforderung, wohin das Auge blickt, allerdings möglichst vertuscht, um bloß nicht blöd aufzufallen in der perfekten Hochglanzidylle unserer medialen Umfelder. Allüberall wird gestrahlt, was das Zeug hält, der Tempowahn hält uns in Atem, macht müde und unfroh. Sich möglichst nichts anmerken lassen, mit dieser latenten Resignation, bloß kein Gesichtsverlust, nach dem Motto: „der – oder zunehmend auch – die – ist nicht mehr belastbar.“ Was läge da näher als der Getränkediscount um die Ecke? „Ein Schlückchen in Ehren…“ Der Stoff ist billig, bezahlbar auch für die Armen und teuer, edler für die Reichen, in jedem Fall als Muntermacher oder Entspannungstrunk gesellschaftlich in allen Kreisen anerkannt. Denn die Frage lautet angesichts einer überwältigenden Statistik vom Pro-Kopf – Verbrauch und hohen medizinischen Folgekosten nicht: Wer verhält sich so asozial und trinkt laufend Alkohol, sondern vielleicht eher, wer trinkt (noch) nicht.

Über alle unschönen Aspekte, über die weit verbreitete Lust an der legalen Betäubung, über die verheerenden Folgen, die dieser ätzende Stoff im Lauf der Zeit auf unsere inneren Organe ergießt, hat Simon Borowiak mit „ALK“ ein dennoch sehr lesenswertes, weil bis in die Körperchemie hinein informatives und dabei unglaublich unterhaltsames Buch geschrieben, das vor allem eines auszeichnet: es ist nie predigthaft, obwohl es dem Autor, der selbst eine Entzugstherapie mit Erfolg hinter sich bringen konnte, gar nicht anders als todernst zumute war.

Selten habe ich bei der Lektüre über Sucht so viel gelacht. Mit diesem genialen Buch kriegt das ganze Thema legale Droge Alkohol trotz alledem so seine Beckett’ sche Tragikomik zurück, gerade wie Simon Borowiak all die phantasievollen Ausflüchte, die Lebenslügen, die panische Egozentrik von Alkoholabhängigen schildert, indem er deren Neigung, sich den eigenen Niedergang noch bohèmehaft schön zu trinken, in aller kuriosen Tragik auf den existenziellen Punkt schlimmsten Schadens bringt – echt sensationell. Damit kann er in der Tat etliche Abhängige erreichen, denn er nimmt sie ernst, ihre Beschämung und ihr Leiden, und: er belehrt sie überhaupt nicht.

Die Einstiegsdrogen „bei alkoholisch durchtrainierten Kulturen wie der unsrigen“ sind Bier und Sekt. „Wenn Frau Kröger um 10 Uhr 30 mit den Worten ‚auf meine baldige Beförderung!’ im Großraumbüro eine Sektflasche entkorkt, ist das relativ unauffällig. Die Kollegen gratulieren, würgen erst ihren Sozialneid und dann den Sekt runter, und mit einem Pegel von 0,3 bis 0,8 sieht die Beförderung der dummen Kuh Kröger schon rosiger aus. Würde Frau Kröger um 10 Uhr 30 mit den Worten ‚auf meine baldige Beförderung!’ eine Flasche Doppelkorn aufschrauben, man würde sie relativ schief ansehen.“

Simon Borowiak schildert kenntnisreich manche Trickserei, wie die steigernde Alkohol-Abhängigkeit eine Weile vor den Angehörigen und in der Arbeitsstelle sich verheimlichen lässt, aber er zeigt auch: es gibt nichts zu beschönigen an der alltäglichen Zerstörungsmacht von Alkohol, und es ist im Grunde eine Schande, dass unser Markt – Staat mit all der offiziell erlaubten Reklame sich zynisch an diesem Big Deal in Form von Steuern cool beteiligt. Insofern handelt es sich um beim „Alk“ um die „Angebotsdroge“ schlechthin.

Der schöne menschliche Körper – sinnvoll in seinem Aufbau, die Milliarden Zellen unserer Organe, der Haut, des schöpferischen Gehirns – all diese Potenzen gehen kaputt, erst allmählich, schließlich rasant. Die unheilvollen Trinkgewohnheiten von Familienvätern hat oft fürchterliche Gewalt zur Folge. Von dieser Bedrohtheit, von dieser Maßlosigkeit wissen etliche Kinder ein trauriges Lied zu singen. Und da hören dann die sarkastischen Formulierungen des Autors Borowiak auch wieder auf. Er zeigt, dass es konkrete Hilfe gibt, stationär „Entgiftungen“ möglich sind, die immer einher gehen sollten mit fundierter Psychotherapie, um sich endlich auch den verschütteten Ursachen zu widmen, damit ein Weiterleben ohne diese Volksdroge Nummer Eins möglich ist, er empfiehlt schwere Wege auch mit ambulanter Beratung und Selbsthilfegruppen, die konkrete Chancen bieten, die Sucht als solche zu erkennen, und aus ihr sich zu befreien.

Simon Borowiak:
Alk. Fast ein medizinisches Sachbuch.

Heyne Verlag, 2014 Taschenbuch, 192 Seiten € 8,99

Knaller des Monats?

http://www.n-tv.de/wirtschaft/Der-Euro-muss-gerettet-werden-article14875266.html

Ich hatte zunächst den Link von publicviewer unbesehen übernommen. Jetzt habe ich den Artikel gelesen. Und die Erwähnung eines Kulturetats stieß  ir doch übel. sehr übel auf:

Es geht um die sanierungsbedürftige Eurozeichenskulptur in Frankfurt am Main:

>>Insgesamt 60.000 Euro werden für die Sanierung und Modernisierung des angeknacksten Eurozeichens benötigt. Geld, das die Eigentümer vom Frankfurter Kulturkomitee nicht aufbringen können. Ein verlotterter Euro vor dem Gebäude der europäischen Bankenaufsicht ist natürlich nicht die beste Werbung für die Währung und die Eurozone.<<

Wenn diese Skulptur vor dem Gebäude der Europäischen Zentralbank aufgestellt werden soll, müsste sie eigentlich als Kunst am Bau durchgehen, also aus dem Etat der EZB bezahlt werden. Mir ist nicht bekannt, dass zum Beispiel Stadtverwaltungen Konzernen die Kunst am Bau der Konzerne finanzieren; wieso soll dann das Zeichen des Kapitals, das Symbol der GELDMACHER, von einem Kulturkomitee finaziert werden (nicht das Zeichen selbst, sondern seine Restaurierung und seine Umstellung).

2013_EZB

Foto: J. Patrick Fischer (Übernahme von wikimedia)

Hermann Schweppenhäuser verstarb am 8. April 2015

Günter Grass starb wie Hermann Schweppenhäuser im Alter von 87 Jahren. Noch im Tod machen die Medien Unterschiede, das heißt, beachtet wird, wer ihrer Meinung nach bedeutend war. Bei gooogle weist ein Link auf ZEIT ONLINE:

Günter Grass: “Sein Tod ist ein schwerer Verlust”

Als mein Hund 2001 starb, als meine Katze 2013 starb, war das ein schwerer Verlust für mich. Weder hat damals ein Bundespräsident noch ein Szenekünstler wie Klaus Staeck kondoliert.

Doch zurück zu meinem Ausgangspunkt: Hermann Schweppenhäuser ist tot. Da ihn nicht jeder kennt, will ich ihn kurz vorstellen:

schweppenhaeuser

Ich habe im Wintersemester 1971 ein Referat über Sprache bei Adorno verfasst. Daraus entwickelte sich das Bedürfnis, mit einem Vertreter der Kritischen Theorie Kontakt aufzunehmen. Hermann Schweppenhäuser lehrte in der Nähe von Hamburg, er lehrte in Lüneburg Philosophie. Ich schrieb ihm einen Brief, erhielt aber keine Antwort. Etwa ein halbes Jahr später rief ich seine Privatnummer in Lüneburg an. Seine Frau war am Telefon, ich erklärte ihr, worum es ging, sie sagte, ihr Mann arbeite im Garten, und sie holte ihn ans Telefon.

So entstand ein Kontakt, der viele Jahre andauerte. Ich fuhr zu seinen Vorlesungen und Seminaren nach Lüneburg. Eindrücklich war besonders das Seminar über Hegels Phänomenologie des Geistes. Bezeichnend für Schweppi, wie ihn seine Studenten nannten, war seine Körpersprache, sein Gestikulieren beim Sprechen. Ich fotografierte ihn einmal die ganze Stunde über, ihm waren aber die Fotos, die ich ihm überreichte peinlich. Ich glaube, er zeigte sie wohl keinem in seiner Familie.

Gelegentlich besuchte ich ihn zu Hause, als er noch nicht in Deutsch-Evern wohnte. Danziger Goldwasser erinnere ich noch, das er mir anbot. Als Student, der seiner selbst noch sehr unsicher war, wurde man von ihm bestätigt, vornehmlich mit den Worten: “Hervorragend”, “ausgezeichnet”. Doch an einem der Nachmittage, an dem ich bei ihm war, rief ein Handwerker an. Und Hermann Schweppenhäuser sagte zu dem Mann am Telefon: “Hervorragend”, ausgezeichnet”. Für mich beinhaltete das damals eine Entwertung der Lobpreisung der geistigen Fähigkeiten meiner Person.

Nichtsdestotrotz – Franz-Josef Worstbrock, Mediävist an der Uni Hamburg, hatte mich 1973 für ein Begabtenstipendium vorgeschlagen – war Professor Schweppenhäuser mit von der Partie, das heißt, er verfasste ebenfalls ein Gutachten für mich, das mich allerdings ein wenig irritierte, da er im Gutachten jenen Typus von Sprache verwendete, den Adorno in seinem Essay über den Jargon der Eigentlichkeit kritisierte. Schweppenhäuser schrieb, dass ich von Adorno ergriffen sei, eine Formulierung, die aus heutiger Sicht wohl stimmte, mir aber damals peinlich war.

Drei kleine Ereignisse möchte ich noch erwähnen: Ich war befreundet (Ende der 60er und in den 70ern) mit der Familie von Dr. Gustav Wiedemann. Er war Rechtsanwalt und Geschäftsführer des norddeutschen Bühnenvereins und Sprecher der Hamburger Privattheater. Ich schlug ihm anlässlich einer mehrtätigen Theaterveranstaltung Hermann Schweppenhäuser als Referenten vor, was er auch akzeptierte, und so kam es zu einem sehr anregenden Vortrag in der Musikakademie in der Milchstraße in Pöseldorf. Grundgedanke in dem Vortrag war, dass Schauspieler in früheren Jahrhunderten überwiegend zum fahrenden Volk gehörten und dass sie infolge ihrer Nichtseßhaftigkeit von den Einheimischen argwöhnisch beäugt wurden und als nicht seriös galten.

Hermann Schweppenhäuser erzählte mir, dass seine Tochter, die in Dänemark lebte, Bücher von Adorno, die in fremde Sprachen übersetzt waren, sammelte. 1975 hatte ich Gelegenheit, einen Tag von Österreich aus nach Jugoslawien zu fahren, und dort entdeckte ich eine Ausgabe der Dialektik der Aufklärung in serbokroatischer Sprache. Ich kaufte das Buch und nahm es später mit nach Lüneburg. Enttäuscht war ich darüber, dass Hermann Schweppenhäuser sich dafür nicht bedankte.

Die letzte Episode spielte sich in seinem in einem Waldstück stehenden neuen Haus in Deutsch-Evern ab: Ich hielt mich in den Semesterferien oft bei Freunden im Haus auf, das direkt unterhalb eines Waldes stand. Entsprechend oft gab es Ameisen im Haus, die dort nicht willkommen waren, zumal die Ameisen in großer Anzahl aus Ritzen in der Küche quollen. Man war dort gleichsam genötigt, die Tiere zu entfernen.

Und bei Schweppenhäuser liefen in der Küche plötzlich 5 Ameisen über die Arbeitsplatte. Ich wollte sie erschlagen, aber er fiel mir in den Arm und hinderte mich an meinen mörderischen Absichten.

Noch heute muss ich an ihn denken, wenn ich Tierchen in der Wohnung sehe und sage einen Vers von Villon vor mich hin: Es ist kein Tier zu klein, das nicht könnte dein Bruder sein.

In der Zeitung las ich nun gestern, er habe sich aufgrund seiner altersbedingten Hinfälligkeit in ein Altenheim in Würzburg begeben, um in der Nähe der Familie seines Sohnes zu sein. Was mich berührt, dass dieser sehr wissende, kluge, umfangreich gebildete Mann “plötzlich” so hilflos war. Im Alter werden wir wieder zum Kind. Nicht im Sinne einer Infantilisierung, sondern im Hinblick auf die Abhängigkeit von Hilfe. Zuletzt habe ich ihn auf der Beerdigung von Ulrich Sonnemann im April 1993 gesehen. Vor 22 Jahren.

Mit Hermann Schweppenhäuser ist eine ganze Bibliothek gestorben.

 

BILD

Seht euch diese Seite an. Ist das Kai Diekmann? Ist er zu den Taliban übergelaufen?

http://meedia.de/2014/06/10/studien-trilogie-otto-brenner-stiftung-erkennt-bild-zeitung-den-journalismus-ab/

Gestern war übrigens ANTI-BILD-TAG

Rede von

Dr. Sabine Schiffer
vor dem Axel-Springer Haus Berlin

“BILD? Nein Danke!
Wir sind bescheidener geworden: In den 1960er Jahren lautete die Forderung noch: „Enteignet Springer!“
Heute geben wir uns mit „Boykottiert BILD!“ zufrieden.
Das soll den Springer-Meinungskonzern aber nicht beruhigen.
Denn Signal- und Symbolfunktion dieses BILDboykotts sind nicht zu unterschätzen. Es ist nicht der erste und es wird auch nicht der letzte sein.
Und das Signal trifft den Gesamtkonzern, der sich mit einer angeblichen Qualitätszeitung „Die Welt“ den Anstrich seriöser Berichterstattung zu geben sucht. Derlei Medienprodukte des Axel-Springer-Konzerns wurden lange von BILD mitfinanziert.
Die mündigen Bürger wehren sich. Um sich zu wehren, sind auch wir hier zusammen gekommen.
Es sind die Verkäufer, die die von den Springer-Medien immer wieder verteidigte Marktmacht ins Blickfeld rücken.
Und in unserer Demokratie wird die Mitbestimmung zunehmend auf Einkaufsentscheidungen reduziert.
Der Kunde ist König, also machen wir Gebrauch davon!
Die BILD ist kein Aboblatt und somit ist der Kioskverkauf relevant. Wenn auch der Meinungskonzern schon lange auf den Online-Bereich setzt, das starke Signal ist angekommen. > So wird anscheinend Druck auf den Vertrieb ausgeübt, bei BILDboykotteuren auch keine anderen Zeitungen mehr an die Kioske zu liefern.
Wenn sich die anderen Medien das gefallen lassen, sind sie Teil des Problems.
Wir brauchen eine Demokratisierung der Medien und Medien in Bürgerhand!
Paul Sethe stellte richtig fest: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“
Und Springers BILD ist eines der Flaggschiffe, die für die Verbreitung von Rassismus und Menschenverachtung sorgen – in Wort und Bild.
Anders als „menschenverachtend“ kann man den Umgang mit dem Absturz der Germanwings-Maschine nicht nennen.
Das wollen wir nicht und wir fordern Meinungs- und Pressefreiheit auch für uns Kritiker dieser Zuspitzungen!
Vom „Türken-Terror“ der 1970er Jahre über die „Flüchtlingsströme“ Anfang der 1990er Jahre bis hin zu den „Pleite-Griechen“ von heute ist sich das Boulevard-Blatt treu geblieben.
Von der Hetze auch gegen Muslime und HartzIV-Empfänger sind es nur noch ein paar weitere Schlagzeilen bis zu brennenden Wohnhäusern und Flüchtlingsunterkünften.
Menschenverachtende und zu Hass und Gewalt aufstachelnde Formulierungen – wie zuletzt gegen Griechenland – fallen aber nicht unter Meinungsfreiheit, sondern entsprechen eher der Volksverhetzung.
Wir brauchen echte Meinungs- und Pressefreiheit!
Und dazu gehört mindestens, auch den Kritikern dieser Hetze und vielen anderen, die nicht zu Wort kommen im elitären Mediendiskurs, eine Stimme zu geben.
„Eure Hetze kotzt uns an!“
… hieß eine Kampagne gegen antimuslimischen Rassismus – ich glaube, es ist Zeit, diese auf jede Form von Hetze auszudehnen.
Wir brauchen Medien, die die Gesellschaft voran bringen – und zwar die ganze Gesellschaft.
Wir brauchen keine Prolophobie, die im Sinne der Herrschenden die Gesellschaft spaltet und das Teile und Herrsche festschreibt.
Darum sind wir heute hier und darum machen wir von unserer Freiheit Gebrauch, eine menschenfreundliche Meinung zu haben und für diese einzutreten.
Und darum beginnen wir hier mit: BILD? Nein Danke!”

BILD hofgeismar a

Sascha Lobo über Tröglitz im Netz

klausbaum:

Ein Kommentar von Hartmut Finkeldey zu Sascha Lobos Artikel über Tröglitz

Ursprünglich veröffentlicht auf Kritik und Kunst:

Zur gleichen Zeit wird auf den einschlägigen Facebook-Seiten wie Pegida oder anderen rechten Gruppierungen der Brandanschlag in Tröglitz kommentiert. Ein nicht enden wollendes Endsatz-Festival. “Scheiß Asylbetrüger” und “Dreckspack” sind bloß die Beleidigungen, die ungelöscht stehen bleiben. Bedauern, dass zum Zeitpunkt des Feuers noch keine Flüchtlinge im Heim waren, 120 Likes. Dieser Hass, dieser unfassbare Hass.

Und mehr ist dazu auch nicht zu sagen. ich weiß nicht, was an diesem Haß so atraktiv ist, dass das vermöffte Kleinbürgergesindel sich ihm immer wieder hingibt. Aber ich muss ihn zur Kenntnis nehmen. Die meinen das genau so, wie sie es sagen. Lobo irrt nur in einem: Aufmerksamen Beobachtern war dieser Haß auch in Offline-Zeiten immer ein Begriff.

BBC, deutschsprachiger Dienst, 27. September 1942

Deutsche Hörer!

Man wüßte gern, wie ihr im stillen von der Aufführung derer denkt, die in der Welt für euch handeln, die Juden-Greuel in Europa zum Beispiel – wie euch…

Original ansehen noch 125 Wörter

Gegensätzliche Meldungen

Das heißt Meldungen mit gegensätzlicher Tendenz:

Gestern und heute fand ich  je eine Meldung vom focus auf facebook. Beider Tenor war, es kommen immer mehr Rumänen und Bulgaren nach Deutschland, um hier Sozialhilfe (Hartz IV) zu beziehen.

Heute lese ich bei anderen Medien, es werden Rumänen nach Deutschland gelockt, um sie hier als billige Arbeitskräfte zu verheizen beziehungsweise auszubeuten.

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/leiharbeitsfirmen-beuten-junge-wanderarbeiter-aus-13524429.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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