Notizen aus der Unterwelt.

Der kritische Blog von Klaus Baum – jetzt mobile-friendly

Sterben für ein iPhone — 20. Juni 2021

Sterben für ein iPhone


Kant hat für mich eine hilfreiche moralische Orientierung geliefert. Und zwar – ich versuche es sinngemäß wiederzugeben – und zwar mit der Formulierung, dass der Mensch kein Mittel ist, sondern ein Zweck in sich selbst. Das heißt, daß da, wo er nur als Mittel benutzt wird, eine Entmenschlichung geschieht. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Ich bin kein Prophet, aber ich befürchte, wir befinden uns erst am Anfang der Barbarei.

Übernahme von den Nachdenkseiten.

Während sich die westliche Presse an schauerlichen Geschichten von den Uigurenlagern in der chinesischen Provinz Xinjiang abarbeitet – und damit das Feindbild China pflegt –, richtet Pulitzerpreisträger Chris Hedges seinen Blick auf ein Phänomen, das sich auch, aber nicht nur in China vollzieht, abermillionenfach und tagtäglich: Die Ausbeutung von Arbeitern. Hedges sagt: Das Leiden der Arbeiterklasse in und außerhalb der Vereinigten Staaten wird von unseren Massenmedien ignoriert. Und doch handelt es sich dabei um eines der wichtigsten Menschenrechtsthemen unserer Zeit.
Übersetzung: Susanne Hofmann.

Sterben für ein iPhone
von Chris Hedges

Die Arbeiterklasse wird zunehmend entrechtet, daran gehindert, Gewerkschaften zu gründen, sie erhält Hungerlöhne, muss Lohndiebstahl erleiden, wird ständig überwacht und wegen Lappalien gekündigt, gefährlichen Kanzerogenen ausgesetzt, zu Überstunden gezwungen, bestraft und im Stich gelassen, wenn sie alt und krank ist. Arbeiter sind hier und im Ausland ersetzbare Rädchen für oligarchische Unternehmer geworden, die sich in obszönem persönlichen Reichtum suhlen und die schlimmsten Exzesse der Räuberbarone in den Schatten stellen. 

In mondänen liberalen Kreisen gibt es, so Noam Chomsky, würdige und unwürdige Opfer. Nancy Pelosi hat die Staatschefs der Welt dazu aufgerufen, die Olympischen Winterspiele, die im Februar in Bejing stattfinden sollen, nicht zu besuchen. Als Grund führt sie einen „Genozid“ an, den die chinesische Regierung an der uigurischen Minderheit verübe. Der New-York-Times-Kolumnist Nick Kristof betete eine Liste von Menschenrechtsverletzungen unter der Aufsicht des chinesischen Staatschefs Xi Jinping herunter. Er schrieb: „[Xi] höhlt die Freiheit von Hong Kong aus, bringt Anwälte und Journalisten ins Gefängnis, nimmt kanadische Geiseln, bedroht Taiwan und, was besonders schlimm ist, wacht über Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Region von Xinjiang im äußersten Westen, der Heimat etlicher muslimischer Minderheiten.“ 

Nicht ein Wort über die Millionen von Arbeitern in China, die kaum besser als Leibeigene behandelt werden. Sie leben getrennt von ihren Familien inklusive ihrer Kinder, untergebracht in überfüllten Firmenschlafsälen, wofür ihnen von ihrem Gehalt die Miete abgezogen wird, neben Fabriken, die rund um die Uhr produzieren, häufig Waren für US-Konzerne. Die Arbeiter werden misshandelt, ausgebeutet und krankgemacht, weil sie Chemikalien und Giften wie Aluminiumstaub ausgesetzt sind.

Das Leiden der Arbeiterklasse in und außerhalb der Vereinigten Staaten wird von unseren Medien, die sich im Besitz von Konzernen befinden, genauso ignoriert wie das Leiden der Palästinenser. Und doch handelt es sich dabei um eines der wichtigsten Menschenrechtsthemen unserer Zeit. Denn Arbeiter können, sobald sie ermächtigt werden, andere Menschenrechtsverletzungen abwehren. Wenn Arbeiter sich nicht organisieren, hier und in Ländern wie China, und Grundrechte erlangen sowie Löhne, die ihre Lebenshaltungskosten decken, wird eine globale Knechtschaft zementiert werden, die Arbeiter in den grauenvollen Verhältnissen gefangen hält, die Friedrich Engels 1845 in seinem Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschrieb oder Émile Zola 1885 in seinem Meisterwerk „Germinal“. 

Solange China Sklavenlöhne bezahlen kann, ist es unmöglich, die Löhne anderswo zu erhöhen. Jedes Handelsabkommen muss das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren, beinhalten, sonst sind alle Versprechen von Joe Biden, die amerikanische Mittelklasse wiederaufzubauen, eine Lüge. 

Zwischen 2001 und 2011 sind 2,7 Millionen Jobs in der Produktion an China verlorengegangen. Keiner davon kommt zurück, wenn Arbeiter in China und anderen Ländern, die zulassen, dass Unternehmen die Arbeiterschaft ausbeuten und grundlegende Umweltauflagen und arbeitsrechtliche Bestimmungen umgehen, in Unternehmensknechtschaft gefangen sind. 

Und während wir China für seine Arbeitspolitik schelten, haben die Vereinigten Staaten ihre eigene Gewerkschaftsbewegung zerschlagen, haben ihren Unternehmen gestattet, ihre Produktion nach Übersee zu verlagern, um von den Produktionsmodellen dort zu profitieren, haben Löhne gedrückt, arbeitnehmerfeindliche Gesetze gegen das Recht auf Arbeit verabschiedet und Regelungen zerstört, die einst Arbeiter schützten. Der Kampf gegen die Arbeiter ist kein chinesisches Phänomen. Es ist ein globales. Und US-Unternehmen wirken daran mit. Apple hat 46 Prozent seiner Zulieferer in China. Walmart hat 80 Prozent seiner Zulieferer in China. Amazon hat 63 Prozent seiner Zulieferer in China. 

Die größten US-Unternehmen sind vollwertige Partner in der Ausbeutung chinesischer Arbeitskräfte und darin, die amerikanische Arbeiterklasse im Stich gelassen und verarmt zu haben. US-Firmen und chinesische Produzenten haben dafür gesorgt, dass Millionen von chinesischen Arbeitern mitten in einer globalen Pandemie in Fabriken gestopft wurden. Ihre Gesundheit spielt keine Rolle. Die Profite von Apple haben sich im vergangenen Quartal auf 23,6 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt. Seine Erlöse wuchsen um 54 Prozent auf 89,6 Milliarden US-Dollar an, das heißt, dass Apple im Schnitt täglich Waren für mehr als eine Milliarde US-Dollar verkauft hat. Es wird sich für die Arbeiter hier oder in China nichts ändern, solange diese Unternehmen nicht zur Verantwortung gezogen werden. Ökonomische Gerechtigkeit ist global oder sie existiert nicht. 

Die Arbeiter in chinesischen Industriezentren – eigenständige Firmen-Städte mit bis zu einer halben Million Menschen – treiben die riesigen Profite von zwei der mächtigsten Unternehmen der Welt in die Höhe: Foxconn, dem weltweit größten Anbieter von Elektronikfertigungsdienstleistungen, und Apple mit einem Marktwert von zwei Billionen US-Dollar. Der größte Kunde von Foxconn ist Apple, die Firma produziert aber auch für Alphabet (ehemals Google), Amazon – welches mehr als 400 Handelsmarken besitzt – Blackberry, Cisco, Dell, Fujitsu, GE, HP, IBM, Intel, LG, Microsoft, Nintendo, Panasonic, Philips, Samsung, Sony und Toshiba, ebenso wie führende chinesische Firmen, darunter Lenovo, Huawei, ZTE und Xiaomi. Foxconn baut iPhones, iPads, iPods, Macs, Fernseher, X-Boxes, PlayStations, Wii Us, Kindles, Drucker und zahlreiche andere digitale Geräte zusammen. 

Jenny Chan, Mark Selden und Pun Ngai haben zehn Jahre lang Undercover an den größten Produktionsstätten von Foxconn in den chinesischen Städten Shenzhen, Shanghai, Kunshan, Hangzhou, Nanjing, Tianjin, Langfang, Taiyuan und Wuhan für ihr Buch „Dying for an iPhone: Apple, Foxconn, and The Lives of China’s Workers“ recherchiert. Was sie darin beschreiben, ist eine Orwellsche Dystopie, eine, in der globale Unternehmen die Techniken für eine entmachtete Belegschaft perfektioniert haben. Diese gigantischen Arbeiterstädte sind im Grunde Straf-Arbeitskolonien. Ja, man kann sie verlassen, aber wer den Zorn der Chefs erregt, insbesondere, indem man seine Meinung äußert oder versucht, sich zu organisieren, wird in Chinas Archipel der Industriezentren für den Rest seines Lebens auf die schwarze Liste gesetzt, an den Rand der Gesellschaft oder oft sogar ins Gefängnis gedrängt. 

Die Arbeiter leben unter ständiger Überwachung. Sie werden von Sicherheitseinheiten des Unternehmens kontrolliert. Sie schlafen in getrennten Schlafsälen für Männer und Frauen mit acht oder mehr Personen in einem Raum. Die mehrstöckigen Schlafsäle haben Gitter an den Fenstern und Netze darunter, um der Serie von Arbeitersuiziden Einhalt zu gebieten, welche diese Fabrikstädte vor ein paar Jahren traf. 

„Der Arbeitsplatz und der Wohnbereich sind komprimiert, um die Rund-um-die-Uhr-Hochgeschwindigkeitsproduktion zu unterstützen“, schreiben die Autoren. „Der Schlafsaal fasst eine gewaltige Anzahl von Arbeitsmigranten, die dort ohne Fürsorge und Liebe einer Familie untergebracht sind. Ob alleinstehend oder verheiratet, der Arbeiter bekommt ein Ein-Personen-Stockbett zugewiesen. Die „Privatsphäre“ besteht nur aus dem eigenen Bett hinter einem selbstgemachten Vorhang mit spärlichem gemeinsamen Wohnraum.“ 

Die Arbeiter, die rund zwei US-Dollar die Stunde und im Schnitt 390 US-Dollar im Monat verdienen, erhalten ihren Lohn auf Lohn-Debitkarten, mittels derer nur in firmeneigenen Geschäften eingekauft werden kann. Die Bankkarte erlaubt einem Arbeiter, Geld an Automaten auf Foxconn-Anlagen einzuzahlen, abzuheben und zu überweisen. 

Manager und Vorarbeiter untersagen Gespräche im Montagebereich, in dem in Zehn- oder Zwölf-Stunden-Schichten im 24-Stunden-Betrieb gearbeitet wird. Arbeiter werden gerügt, wenn sie am Fließband „zu langsam“ arbeiten. Sie werden bestraft, wenn sie fehlerhafte Produkte herstellen. Wenn sie eine Ordnungswidrigkeit begangen haben, werden Arbeiter oft gezwungen, nach Schichtende zu bleiben. Der Arbeiter, der Regeln verletzt hat, muss sich vor seine Kollegen hinstellen und eine Erklärung mit Selbstkritik verlesen. Arbeiter, die in ihrer Beurteilung ein „D“ für „unbefriedigende Leistung“ stehen haben, werden gefeuert. Die Arbeiter haben alle zwei Wochen einen freien Tag oder zwei Ruhetage im Monat. Sie können flexibel in Tag- und Nachtschichten eingesetzt werden. 

Die Autoren beschreiben die tägliche Routine eines Arbeiters, der um sieben Uhr früh mit Hunderttausenden anderen Foxconn-Angestellten die Fabrik betritt. Jede Person, die übrigens keine Elektrogeräte in das Fabrikgebäude mitnehmen darf, wird mittels eines Gesichtserkennungssystems gecheckt, um ihre Identität zu bestätigen. 

Über eine Stunde lang strömen Menschen hinein und hinaus. Arbeiter kommen aus der Nachtschicht, überqueren die Fußgängerbrücke und ergießen sich in die Shopping-Malls und Straßenmärkte, die rund um die Fabrik entstanden sind. Tagschicht-Arbeiter überqueren dieselbe Brücke in Gegenrichtung zur Arbeit. Von dem Moment, in dem sie durch das Fabriktor treten, werden die Arbeiter von einem Sicherheitssystem erfasst, das stärker in die Privatsphäre eingreift als jedes andere in benachbarten kleineren Elektronikfabriken. „Foxconn hat seinen eigenen Sicherheitsdienst, so wie ein Staat eine Armee hat. Die Arbeiter gehen durch mehrere elektronische Pforten und Spezial-Sicherheitszonen, ehe sie zu ihren Werkhallen gelangen, wo sie mit der Arbeit beginnen.

Sind sie drinnen angelangt, so schreiben die Autoren, müssen sie ein bekanntes Ritual über sich ergehen lassen:

Zu Schichtbeginn rufen die Manager aus: “Wie geht es euch?”, die Arbeiter müssen antworten, indem sie gemeinsam rufen: „Gut! Sehr gut! Sehr, sehr gut!“ Dieser Drill fördert angeblich die Disziplin der Arbeiter. Ein laserlötender Arbeiter berichtete: „Vor der Schicht schrillt drei Mal eine Trillerpfeife. Beim ersten Pfiff müssen wir aufstehen und unsere Stühle ordentlich hinstellen. Beim zweiten Pfiff bereiten wir uns auf die Arbeit vor und legen Arbeitshandschuhe und dergleichen an. Beim dritten Pfiff setzen wir uns hin und arbeiten los.“ Während der Arbeitszeit ist „nicht reden, nicht lachen, nicht essen, nicht schlafen“ die wichtigste Regel in der Fabrik. Jedes Verhalten, das die Disziplin stört, wird bestraft. „Wer für mehr als zehn Minuten zur Toilette geht, handelt sich eine mündliche Verwarnung ein, wer während der Arbeit schwätzt, eine schriftliche Verwarnung“, erklärte ein Vorarbeiter. 

Die Arbeit ist anstrengend, stressig und monoton. Ein iPhone besteht aus mehr als hundert Einzelteilen. „Jeder Arbeiter“, schreiben die Autoren, „ist auf eine Aufgabe spezialisiert und wiederholt dieselben Bewegungen in Hochgeschwindigkeit – jede Stunde, tagtäglich, zehn oder mehr Stunden lang an vielen Arbeitstagen und das monatelang.“ 

Eine Frau, die im Buch interviewt wird, beschrieb ihr Leben am Fließband so:

„Ich bin ein Rädchen an einem Arbeitsplatz, an dem Teile visuell kontrolliert werden. Wenn der Lötofen nebenan Smartphone-Motherboards liefert, strecken sich meine beiden Hände aus, um das Motherboard zu nehmen, dann beginnt mein Kopf von links nach rechts zu wandern, meine Augen bewegen sich von der linken Seite des Motherboards auf die rechte Seite und stieren dann von oben nach unten, ohne Unterbrechung, und wenn etwas nicht stimmt, rufe ich, und ein anderer menschlicher Teil, der mir ähnlich ist, kommt angerannt, fragt nach der Ursache des Fehlers und bessert ihn aus. Ich wiederhole die gleiche Aufgabe tausende Male am Tag. Mein Gehirn rostet.“

Die Arbeit birgt auch Gefahren. Die Poliermaschine stößt beim Abschleifen der Gehäuse Aluminiumstaub aus. Dieser Staub gelangt in die Augen und löst Reizungen und winzige Tränen aus. Die Arbeiter leiden unter Atemwegsproblemen, Halsschmerzen und chronischem Husten. „Mikroskopisch feiner Aluminiumstaub bedeckt die Gesichter und Kleidung der Arbeiter“, schreiben die Autoren. „Ein Arbeiter beschreibt die Situation so: ‚Ich atme bei Foxconn wie ein Staubsauger Aluminiumstaub ein. Da die Fenster der Werkhalle fest geschlossen waren, hatten die Arbeiter das Gefühl zu ersticken.‘“

[…] Arbeiter müssen pro Schicht eintausend iPhone-Touchscreens reinigen. Jahrelang kam dabei die Chemikalie n-Hexan zum Einsatz, die schneller als Industriealkohol verdampft. Wer n-Hexan über eine längere Zeit ausgesetzt ist, erleidet Schäden an peripheren Nerven, was zu schmerzhaften Muskelkrämpfen, Kopfschmerzen, unkontrollierbarem Zittern, getrübter Sicht und Schwierigkeiten beim Laufen führt. Es sollte nur in gut belüfteten Räumen eingesetzt werden und die Arbeiter müssen Atemschutzgeräte tragen. Tausende von Foxconn-Arbeitern haben n-Hexan jedoch in abgedichteten Räumen ohne Ventilatoren angewandt und erkrankten. Das hat schließlich zum Verbot des Stoffes geführt. 

Diese ausgedehnten Industrieanlagen entsorgen auch riesige Mengen an Schwermetallen und Schmutzwasser in Flüsse und ins Grundwasser. Die an die Werke angrenzenden Flüsse sind schwarz vor Abwasser und voller Plastikmüll. Die Arbeiter klagen darüber, dass das Trinkwasser verfärbt ist und stinkt.

Die USA haben sich in den 1990er Jahren ihrer Arbeiter im Zuge der De-Industrialisierung entledigt. China tat es ihnen gleich, indem man den Sozialismus zugunsten eines staatlich kontrollierten Kapitalismus aufgelöst hat. Die Arbeitsplätze im staatlichen und kollektiven Sektor in China gingen von 76 Prozent im Jahr 1995 auf 27 Prozent im Jahr 2005 zurück. Abermillionen von entlassenen Arbeitern mussten um Jobs bei Unternehmen wie Foxconn kämpfen. Doch selbst diese Jobs sind jetzt bedroht, teilweise aufgrund der Automatisierung, die dazu führt, dass Arbeiter an den Fließbändern von Robotern ersetzt werden, die spritzen, schweißen, pressen, polieren, Qualitätskontrollen durchführen und Leiterplatten zusammensetzen können. Foxconn hat mehr als 40.000 Industrieroboter in seinen Fabriken installiert, dazu kommen hunderttausende weitere automatisierte Maschinen.

Doch während des vergangenen Jahrzehnts, schreiben die Autoren, „bestand die größte Veränderung bei Foxconn nicht darin, dass man Arbeiter gegen Roboter ausgetauscht hat, sondern dass man Vollzeitangestellte durch eine wachsende Anzahl von studentischen Praktikanten und Leiharbeitern ersetzt hat.“

Diese Arbeitskräfte, die Teil der „Gig-Economy” sind, die man in den USA kennt, genießen noch weniger Arbeitsplatzsicherheit als Vollzeitkräfte. Bis zu 150.000 Berufsschüler im High-School-Alter sind in Foxconn-Werken beschäftigt. Sie erhalten den Mindestlohn, haben aber keinen Anspruch auf den Qualifizierungszuschuss in Höhe von 400 Yuan pro Monat, selbst wenn sie die Probezeit bestehen. Foxconn ist auch nicht verpflichtet, sie bei der Sozialversicherung anzumelden.

Die Chefs dieser Konzerngiganten imitieren oft das Verhalten von Despoten und üben nicht nur die totale Kontrolle über jeden Aspekt des Lebens ihrer Arbeiter aus, sondern verbreiten auch volkstümelnde Weisheiten an die Massen. Sie werden von kriecherischen Medien oft wie Gurus behandelt. Man bittet sie, zu einer Reihe von sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Themen Stellung zu nehmen – wie es Bill Gates, Warren Buffet, Elon Musk und Jeff Bezos tun. Ihr immenses Vermögen verleiht ihnen in unserer Mammon-anbetenden Gesellschaft den Status von Weisen.

Terry Gou, der Gründer und Chef von Foxconn, hat neben seinen Porträts eine Liste von Slogans und Aphorismen aufgehängt. Sie zieren die Wände seiner Fabriken. Arbeiter müssen Passagen aus „Gous Zitaten“ abschreiben. Während Mao Zedong zu Klassenkampf und Rebellion aufrief, fordert Gou Konformität und blinden Gehorsam. „Wachstum, dein Name ist Leiden“, lautet einer seiner Aussprüche. Der Reporter des Wall Street Journal, Jason Dean, charakterisierte Gao 2007 in einem Interview mit Gou als „Warlord“ und stellte fest, dass „er ein Perlenarmband trägt, das er in einem Tempel erhielt, der Dschingis Khan gewidmet war, dem mongolischen Eroberer aus dem 13. Jahrhundert, den er als seinen persönlichen Helden bezeichnet.“

„Eine raue Umgebung ist gut“, heißt es in einem von Gous Zitaten. 

„Erreiche Ziele oder die Sonne geht nicht mehr auf. 

Schätze Effizienz in jeder Minute, jeder Sekunde. 

Ausführung vereint Geschwindigkeit, Genauigkeit und Präzision.“

Seine mehr als eine Million Mitarbeiter müssen, wie es auch bei Amazon und anderen großen Konzernen der Fall ist, verpflichtend an Unternehmensversammlungen teilnehmen, in denen sie lernen, sich an die Unternehmensregeln zu halten, den Interessen des Unternehmens treu zu dienen und, wie die Autoren anmerken, nach dem „individualistischen Erfolgsmodell“ zu streben. Wer sich an die Regeln hält, sagt man den Arbeitern, werde belohnt. Wer dies nicht tut, wird bestraft oder verbannt.

Arbeiter in diesen globalen Ausbeuterbetrieben organisieren sich im Untergrund und protestieren. Im Jahr 1993, dem ersten Jahr, für das offizielle Daten vorliegen, gab es in China 8.700 Vorfälle von Arbeitsunruhen und bis zu 32.000 im Jahr 1999, schreiben die Autoren. „Die Zahl stieg zwischen 2000 und 2003 weiter um mehr als 20 Prozent pro Jahr. Im Jahr 2005 verzeichnete die offizielle Aufzeichnung 87.000 Fälle und stieg 2008 während der weltweiten Rezession auf 127.000 – das war das letzte Mal, dass das chinesische Ministerium für öffentliche Sicherheit Zahlen veröffentlichte.“ 

In Hubeis East Lake High-Tech Development Zone, bekannt als Optics Valley, drohten am 3. Januar 2012 150 Foxconn-Arbeiter, vom Dach der Fabrik zu springen und Massenselbstmord zu begehen, wenn die Manager sich weigerten, ihren Forderungen nachzukommen. Dazu gehörten Proteste gegen Zwangsverlegungen in die Städte anderer Fabriken und ein Streit um Lohn.

Streiks, Proteste und Arbeitsniederlegungen, die jetzt stattfinden, sind Staatsgeheimnisse, aber die Statistiken der Vergangenheit scheinen darauf hinzuweisen, dass sie zunehmen. Streiks werden in der Regel schnell und brutal von den Sicherheitsdiensten der Unternehmen und von der Polizei abgebrochen, Streikführer entlassen und oft inhaftiert.

Wir werden uns nicht durch den perversen Individualismus retten, den uns unsere Konzernherren und gefälligen Massenmedien verkaufen, der unser Vorankommen auf Kosten anderer fördert. Wir werden uns retten, indem wir solidarisch mit Arbeitern innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten zusammenarbeiten. Diese kollektive Macht ist unsere einzige Hoffnung. Amazon-Beschäftigte der Hulu-Garment-Fabrik in Phnom Penh, Kambodscha, und der Global-Garments-Fabrik in Chittagong, Bangladesch, führten kürzlich einen weltweiten Aktionstag an, um Amazon dazu zu bringen, allen Arbeitern, gleich wo sie leben, faire Löhne zu zahlen. Daran müssen wir uns orientieren. Andernfalls werden die Arbeiter in einem Land gegen die Arbeiter in einem anderen Land ausgespielt. Karl Marx und Friedrich Engels hatten recht. Arbeiter aller Länder, vereinigt euch. Du hast nichts zu verlieren außer deine Ketten.

es könnte sein … — 3. Juni 2021

es könnte sein …

… dass ich wieder online bin. was bisher geschah: Ich fühlte mich genötigt, meine Wohnung fluchtartig zu verlassen, denn meine Wand-an-Wand-Nachbarin übte sich im Denunzieren und meldete Lärm aus meiner Wohnung, wobei bis heute ungeklärt blieb, was sie unter Lärm versteht. Mein Vermieter ist eine Genossenschaft, und diese glaubte den Beschwerden der Nachbarin, so dass ich eine Abmahnung erhielt, von der ich mich unter Druck gesetzt fühlte. Ich musste nachts auf die Toilette und hatte auf dem Rückweg zum Bett eine Panikattacke, dergestalt, dass ich Angst hatte, irgendwo dranzustoßen und Lärm zu machen. Ich kam ins Schwitzen und sah mich schon ehrlos auf der Straße landen. Die Tage danach lief ich mit blauen Lippen herum, denn mein Herz arbeitet zwar immer noch links, aber nur noch mit 25%.

Am selben Tag noch konnte ich meine Wohnung verlassen und bei Freunden eine Unterkunft finden. Vier Wochen später rief mich meine Genossenschaft an, es läge wieder ein Lärmprotokoll vor. Ich rief erleichtert in den „Hörer“, wunderbar, ich war gar nicht zuhause, ich kann gar nicht gelärmt haben.

Und in meiner derzeitigen Unterkunft hatte ich zwar ein klappriges Notebook, aber weder einen passenden Tisch noch eine ausreichende Beleuchtung – und abgewetzte schwarze Tasten, so dass die Buchstaben kaum noch zu erkennen waren. Hinzu kommt, ich musste das Notebook auf den Knien balancieren und es mit einer Hand festhalten. Das Tippen wurde dadurch extrem mühsam.

Seit heute sind die Probleme behoben, es gibt eine neue Arbeitsecke mit Platte und Stuhl, die Tastatur ist weiß, die Buchstaben schwarz. Jedenfalls kann ich in gewohnter Weise wieder Texte kreieren. Es ist doch noch Hoffnung in der Welt.

jagd auf bourne — 4. Mai 2021

jagd auf bourne

Öffentlich

Ich hatte hier in meinem letzten post als beispiel für ein objekt der wahrnehmung – zunächst generell – die skulptur gewählt und ich möchte hinzufügen, dass je komplexer die skulptur ist, die wahrnehmungen von ihr um so stärker voneinander abweichen werden. ich möchte erneut auf die videos der 53 schauspieler zu sprechen kommen. ich habe einst in den 70ern an der uni hamburg bei karl-robert mandelkow an einem seminar über goethes wahlverwandschaften teilgenommen. gegenstand dieser veranstaltung war auch die rezeption von goethes roman. er fiel durch, die pietisten waren entsetzt, denn goethe beschreibt eine beischlafszene, in der die partner an die personen denken, die sie wirklich lieben. eduard stellt sich vor, er schlafe mit ottilie, und charlotte, sie schlafe mit dem leutnant. es gab seitens der frommen einen „shitstorm“ gegenüber goethe. überdauert hat die zeiten die qualität und nicht der ideologisch vebohrte spießer. ich unterstelle den schauspielern, dass sie corona für sehr gefährlich halten und dass dagegen etwas getan werden muss; zur kritik stand nicht dies, sondern die herumstümperei der regierung in kombination mit ihrer überheblichkeit. die videos haben bei mir eine erleichterung bewirkt, ein aufatmen. wie darauf reagiert wurde, hat mir die kehle zugeschnürt. das problem sind nicht die videos, sondern die intoleranz der tonangebenden, ihr wille, nichts anderes zuzulassen. nur den eigenen auschnitt wahrgenommener realität zu dulden.

Spahn differenziert — 29. April 2021

Spahn differenziert

In einem Gespräch zwischen Royden Rabinowitsch und Jan Hoet wurde gesagt, dass die angemessene Wahrnehmung einer Skulptur zumindest das Um-Sie-Herum-Gehen erfordere. Wenn möglich, wäre zusätzlich noch die Frosch- und die Vogelperspektive zu empfehlen.Ich will hier aber nicht über Skulpturen sprechen, sondern über eine Bemerkung von Jens Spahn über die 53 Künstlerbeiträge, bei denen es sich um Kritik an den Corona-Maßnahmen handelt. Sie waren für mich ein Gesamtwerk, das aus verschiedenen Aspekten sich zusammensetzte. Jetzt kommt nun ein Minister daher und wirft einzelnen Statements Einseitigkeit vor. Kant soll gesagt haben, dass Einzelwahrnehmungen, die ja im Raum und in der Zeit nacheinander erfolgen, synthetisiert werden müssen, um ein „Ganzes“ zu ergeben. Den Schritt zur Synthese schafft Spahn nicht mehr, aber anstatt um das Kunstwerk herumzugehen, um die Einzeleindrücke dann zu verbinden, verharrt er auf einem point of view, und wirft Einzelbeiträgen vor, sie seien zu einseitig. Bin ich zu klein und hab dazu noch einen steifen Hals, kann es passieren, dass ich von einer Figur auf einem Sockel nur die Füße sehe, so dass ich ausrufe, wenn das ein Denker sein soll, dann hat der Künstler zu kurz gegriffen.

böhmermann vs dichtmacher — 28. April 2021
Der Antifaschist und die Verleumdung — 25. April 2021

Der Antifaschist und die Verleumdung

Ein Beitrag von Lady Galanga

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Die Verleumdung, sie ist ein Lüftchen,
Kaum vernehmbar, in dem Entstehen,
Still und leise ist sein Wehen:
Horch, nun fängt es an zu säuseln –
Immer näher, immer näher kommt es her. –
Sachte, sachte! – Nah zur Erde!
Kriechend, schleichend! – Dumpfes Rauschen!
Wie sie horchen, wie sie horchen!
Wie sie lauschen, wie sie lauschen!
Und das zischelnde Geflüster,
Dehnt sich feindlich, dehnt sich feindlich aus und düster,
Und die Klugen und die Tröpfe
Und die tausend hohlen Köpfe
Macht sein Sausen voll und schwer! –
Und von Zungen geht’s zu Zungen –
Das Gerede schwellt die Lungen –
Das Gemurmel wird Geheule –
Wälzt sich hin mit Hast und Eile;
Und der Lästerzungenspitzen
Zischen drein mit Feuerblitzen,
Und es schwärzt sich Nacht und Schrecken
Schaurig immer mehr und mehr.
Endlich bricht es los das Wetter,
Unter grässlichem Geschmetter!
Durch der Lüfte Regionen
Tobt’s wie Brüllen der Kanonen,
Und der Erde Stoss und Zittern
Widerhallt in den Gewittern,
In der Blitze Höllenschlund! –
Und der Arme muss verzagen,
Den Verleumdung hat geschlagen. –
Schuldlos geht er dann, verachtet,
Als ein Ehrenmann zugrund.

Cesare Sterbini

(1784 – 1831), italienischer Opernlibrettist

Lothar Schirmacher

Geboren 1916 in Tilsit, Ostpreußen, als viertes Kind und einziger Sohn von Rudolf Schirmacher und Grete Schirmacher, geborene Bellmann. Rudolf Schirmacher war nach der Soldatenzeit ein kleiner Eisenbahner bei der Deutschen Reichsbahn. Mit Familie musste er 1921 nach Kassel umziehen – die Reichsbahnbehörde versetzte ihn dorthin. So wuchsen Lothar Schirmacher und seine Schwestern in Kassel auf. Einschneidendes Erlebnis für das Leben der Kinder wurde der Übertritt der Eltern zu den Zeugen Jehovas – danach gab es keine Weihnachts- und Geburtstagsfeier mehr, die Kinder wurden bald zum „Missionieren“ an Wohnungstüren gezwungen. Aus dieser frühen Zeit stammte die vehemente Empfindlichkeit Lothar Schirmachers gegenüber Dogmatismus, „alleinige Wahrheit gepachtet haben“ und organisierter Religion – er sah sich lebenslang als freidenkender Pazifist, Sozialist, Christ ohne Glaubensbindungen.

Wegen finanzieller Armut der Eltern musste er mit 14 Jahren von der Oberrealschule in eine Lehrstelle wechseln. Er lernte Schriftsetzer bei einem freundlichen, väterlichen Meister – Karl Eckerlin, der ihn politisch-gewerkschaftlich – sozialistisch beeinflusste. Sie blieben bis zum Tod Karl Eckerlins 1962 in tiefer Freundschaft verbunden, arbeiteten in den 50er Jahren zusammen im hessischen Landes- und Kasseler Stadtverband der IdK (Internationale der Kriegsdienstgegner).

Nach vier Lehrjahren ist er Schriftsetzer – doch sein Betrieb übernimmt ihn nicht, sondern entlässt ihn, weil er sich geweigert hatte, den „deutschen Gruß“ („Heil Hitler“ mit erhobenem Arm) anzuwenden. Er wird zum Arbeitsdienst eingezogen, dann umgeschult zum Maschinenarbeiter bei Henschel. Dort verhaftet man ihn von der Werkbank weg, weil er christliche Flugblätter gegen das Regime verteilt hatte, die vor Hitlers Kriegsabsichten warnten und die Misshandlung verhafteter Menschen geißelten.

Sein Leben lang sollte er dann erzählen, dass diese Verhaftung ihn daran gehindert hatte, in einem schon angekündigten Konzert Bratsche zu spielen.

Die Kasseler Gestapo foltert ihn schwer – er soll weitere Namen von Flugblattverteilern und Hitlergegnern verraten. Schwere Prügel zerstören einen großen Teil seiner Zähne.

Die Erinnerung an das Foltertrauma wird angesprochen in seinem „Novemberrequiem“, das die unterschiedliche Gedenkpraxis in Bundesdeutschland der 50er Jahre beklagt.

Er wird nach längerer Untersuchungshaft vor dem Freisler-Gericht verurteilt wegen „Hochverrats“ – da noch minderjährig zu Freiheitsstrafe – und wandert bis 1939 durch mehrere Kasseler und andere Gefängnisse und Lager, lernt viel von christlichen, sozialistischen, adventistischen, kommunistischen und gewerkschaftlichen Mithäftlingen, bringt sich im Gefängnis Französisch bei, bis er 1939 in Berlin entlassen wird . Ihm wurde verboten, nach Kassel und ins Elternhaus zurückzukehren. Zudem hatte er sich regelmäßig bei der Polizei zu melden. Sein Vater wird 1936 verhaftet, von den gesundheitlichen Folgen aus vier Jahren Haft im KZ Buchenwald erholt Rudolf Schirmacher sich nie wieder., stirbt 1955. Auch die Mutter Grete, ebenfalls Lothars Schwestern erhalten Gefängnishaft.

Seine Eltern enterben ihn in den 50er Jahren, da er als Erwachsener nicht bereit war, die ihm als Kind aufgezwungene Zeugen Jehovas – Mitgliedschaft aufrechtzuerhalten.

In seinen Berliner Jahren schließt sich Lothar – obwohl er zu den „unter Beobachtung“ stehenden „politisch Unzuverlässigen“ gezählt wird – den im Untergrund arbeitenden Menschenrettungsnetzen an, die jüdischen Menschen zur Flucht in die Schweiz verhelfen, und manchmal auch zu einem Leben im Untergrund mit Hilfe falscher Papiere. Mehrmals stellt er, wie andere auch, Untergetauchten seine Wohnung als Zwischenstation zur Verfügung, man sorgt – unter Kooperation eingeweihter Ärzte – für ärztliche Behandlung, sogar Operationen mit gefälschten „arischen“ Papiere, für Medikamente, und vieles mehr.

Tragisch: Lothars liebster Berliner Freund, ein Jude, schafft es mit Hilfe dieser Hilfenetzwerke, den Krieg in Berlin versteckt zu überleben. In den allerletzten Kriegstagen zum frische Luft Schnappen aus der Gartenlaube getreten, die sein letztes Versteck war, wird er von einem der letzten alliierten Tiefflieger aufs Korn genommen und erschossen.

Zur Wehrmacht eingezogen erlebte Lothar Schirmacher mehrere Front- und Lazarettstationen – als er erfährt, dass er nach Montecassino abkommandiert werden soll, sorgt er dafür, dass er – zu dem Zeitpunkt stationiert in Dänemark – „aus gesundheitlichen Gründen“ aus dem Dienst entlassen werden muss. Es war bekannt, erzählte er später, dass kein bei den Nazis als Regimekritiker registrierter Soldat aus Montecassino heimkehrte – man schickte sie dort absichtlich in „Selbstmord-Spähtrupps“.

Bei Kriegsende wird er – da als Verfolgter nachweislich nicht Nazi gewesen – von den Besatzungsbehörden zum kommissarischen Bürgermeister von Berlin-Mahlsdorf eingesetzt. Er engagiert sich für die hungernde Bevölkerung, leert heimlich nachts mit Freunden Lagerhallen, in denen die Nazis Lebensmittel gehortet hatten, sie beladen Pferdewagen und verteilen die Vorräte an hungernde Familien ohne Lebensmittel-Bezugsscheine. Die sowjetische Verwaltung stellt ihn dafür vor Gericht, er kommt jedoch glimpflich davon.

Nicht glimpflich erging es ihm durch die Begegnung mit einem Jeep voller betrunkener amerikanischer Soldaten – der Verkehrsunfall, den sie verursachten, zertrümmerte sein Bein, machte ihn monatelang bettlägerig mit Gips und mehreren Operationen und zum lebenslang Behinderten mit einem stark verkürzten Bein, chronischen Schmerzen, Bedarf orthopädischer Schuhe. Als Schriftsetzer zu arbeiten war danach nicht mehr möglich (außer ab und zu mal ein Flugblatgt setzen), denn damals mussten Schriftsetzer ihre Tätigkeit stehend verrichten. Seine weiteren beruflichen Wege zu erzählen würde hier zu weit abschweifen.

Die Nachkriegsjahre waren für ihn und meine Mutter (Berlinerin, ihr erster Mann im Krieg gefallen, sie heirateten 1948, lebten seit 1951 in Kassel) voller Hoffunung, dass nun „die Menschheit etwas gelernt hat“, dass alles nur noch besser werden könne, dass man auf eine gute Zukunft zugehe.

Die 50er Jahre sehen ihn politisch vielfältig engagiert: Gegen Wiederaufrüstung, in einer Gruppe „Christen gegen Atomgefahren“, in der SPD, aus der er später austritt, um mit anderen die „Vereinigung Unabhängiger Sozialisten und Sozialdemokraten°(VUS) zu gründen (vorübergehend arbeitet er für diese Organisation hauptamtlich als Sekretär), Kampage „Kampf dem Atomtod“, bei der IdK (Deutscher Zweig der War Resisters International). Er hält Vorträge (die er entwirft unjd seine Frau formuliert und tippt 😉 ), berät junge Männer zur Kriegsdienstverweigerung, (häufig füllten lebhafte Diskussionsrunden und dichter Zigarettenqualm unser Wohnzimmer), malt Plakatebilder und produziert Fotoausstellungen zu Atomgefahren, zu Hiroshima und Nagasaki – Materialien, mit denen er mit Freunden „Atommahnwachen“ gestaltet, stellt sich Diskussionen auf der Straße, schreibt Leserbriefe, Flugblätter, politische Poesien, stellt sich als Beistand zur Verfügung, um junge Männer zu den Prüfungsausschusssitzungen zu begleiten, wo über ihre Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer entschieden wurde. Das war in den 50er/60er Jahren ein Spießrutenlaufen, von Hetze und Diffamierungen umwogt, „nützliche Idioten Moskaus“, „Kommunisten“, Vaterlandsverräter“….

Nebenher bildet er autodidaktisch seine Stimme aus, zu einem Bassbariton höchster Qualität – aufgrund seiner Gehbehinderung darf er jedoch nur im Chor des Kasseler Staatstheaters singen, seine Stimme könne sich zwar mit den Großen messen, beschied man ihn dort und an anderen Opernhäusern, doch ein Gehbehinderter als Solist auf der Bühne sei nun mal nicht möglich….

Lothar Schirmacher und seine Frau Marie Elisabeth geb.Köhn, die gemeinsam mit ihm aktiv in der Friedensbewegung und in der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ war , organisierten die – je nach politischer Sichtweise berühmte bzw. berüchtigte – Veranstaltung am 25.Januar 1959 in der Kasseler Stadthalle, auf der Kirchenpräsident Pastor Martin Niemöller jene „skandalöse“ Rede hielt, die zu einer Anzeige Franz Josef Strauß‘ gegen Niemöller führte. Niemöller nannte die Schulung junger Soldaten in der wiederbewaffneten Bundesrepublik , angesichts des Tötungspotentials der modernen Kriegswaffen, „Ausbildung zum Massenmord“.

Lothar Schirmacher und Freunde engagierten sich auch im „Ost-West-Dialog“ – hielten Kontakte mit „drüben“, ermöglichten Diskussionen zwischen jungen Leuten aus Ost und West – argwöhnischst beobachtet von Staatschützern beider Seiten.

Damit trieb er ohne es zu wissen nach und nach auf die Rufmord-Katastrophe zu, die ihn Anfang der 60er Jahre dann ereilte.

Er begann, sich kritisch zu äußern zu Unterwanderungsversuchen – während seiner Zeit als Kandidat der Deutschen Friedensunion, während Friedensgruppentreffen mit Ostdeutschen in den Jahren vorher, bei verschiedenen Gelegenheiten hatte er den Eindruck, dass Menschen beeinflusst und beauftragt wurden und nicht mehr eigenständige Haltungen zu äußern schienen. Es gab Anwerbeversuche ihm gegenüber, die er scharf zurückwies. Er wollte im Kalten Krieg seine eigene Haltung, stellte sich gegen antikommunistische Hetze und Diffamierung jeder Kritik in Westdeutschland als „moskauhörig“ ebenso wie gegen Wiederaufrüstung und starre Parteilinie in der DDR.

Nach dem Mauerbau und der Grenzschließung äußerte er Ost- „Friedenskontakten“ gegenüber seine grenzenlose Empörung über den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze. „Ihr verhängt über junge Leute und halbe Kinder die Todesstrafe, wenn Ihr es nicht schafft, sie von Eurem Sozialismus zu überzeugen…Jeder an der Grenze erschossene junge Mensch wiegt Tausend Eurer Kindergärten und sonstigen guten sozialen Leistungen auf! Wenn Ihr es nicht schafft, sie für Euch zu begeistern, ist das Eure und nicht ihre Verantwortung – statt das zu kapieren, bringt Ihr sie um, wenn sie weg wollen.“ Das bedeutete sein politisches Todesurteil: kurz darauf verbreitete die Stasi über ihn quer durch die damaligen Organisationen, in denen er aktiv gewesen war, er sei ein von der CIA und dem englischen Geheimdienst beauftragter Agent.

Und es wurde von vielen geglaubt, er wurde gemieden, Freunde zogen sich zurück, Informationen wurden nicht mehr geschickt, Einladungen zu Treffen, Versammlumgen, Vorträgen, auch private Kontakte hörten auf. Sein alter Meister Karl Eckerlin gehörte zu den wenigen, die treu zu ihm hielten.

Er hat das nie wieder verwunden. Das konnte nicht heilen. Auf dem Hintergrund seiner hier grob skizzierten Geschichte war dies eine so ungeheure Ehrverletzung und die Beeinflussbarkeit von für Freunde gehaltenen Mitaktiven eine so große Kränkung, dass er sich davon nicht erholen konnte.

Er war dann in manchen anderen Bereichen privaterer Art sehr aktiv – baute ein Haus mit uns, sang weiter viel, nahm Lieder und Arien auf (meine Schwester Tanja rettete ein bisschen davon vo n wiederaufgefundenem Tonband und digitalisierte es), sang in einem Chor, veranstaltete einige Liederabende, schrieb sogar einen frechen Karneval-Song, und Ähnliches, stellte noch mal ein Projekt auf die Beine (Versuch einer Gaststätte, dann ein kleines Altersheim zusammen mit seiner Frau), engagierte sich auch erneut mit uns jungen Leuten im kleineren Kreis in einer Kasseler Friedens-Apo-Gruppe vor 1968, in der Klaus Baum und ich dabei waren, doch verschmerzte er die Verleumdung und folgende Verfemung nie. Das mag mit beigetragen haben zu seinem allzu frühen Tod.

Anfang der 00-Jahre traf ich ergraute Menschen aus Kassel auf einem Seminar, frühere Friedensfreunde meines Vaters. Ich kam auf diese Sache zu sprechen – sie hatten zu denen gehört, die das Gerücht geglaubt hatten. Ich empörte mich: So ganz ohne Überprüfung habt Ihr das einfach geglaubt? „Ja, wir dachten damals, so etwas kann doch nicht vollkommen ohne Grund aufgekommen sein…“

Als eine der wichtigsten Lehren, die Lothar Schirmacher aus seinen Erfahrungen zog, bezeichnete er immer wieder, dass das Schlimmste „die alleinige Wahrheit gepachtet haben“ sei. Er habe das nun überall sehen können, die Dummen gebe es in jedem weltanschaulichen Lager, Zeugen Jehovas, Katholiken, Kommunisten, Stalinisten, Nazis sowieso – alle hätten sie für sich den Anspruch auf die alleinige Wahrheit. Davor müsse ich mich mein Leben lang hüten – das verursache alles Elend.

Unter den geretteten Aufnahmen mit seiner großartigen Stimme gibt es die „Verleumdungsarie“.

Die hat er mit ungeheurer Leidenschaft gesungen – direkt aus dem Innersten seiner großen Verletzung.

Da es im Augenblick technisch nicht möglich ist, Lothar Schirmachers gerettete Aufnahme der Verleumdungsarie hier einzustellen , verlinken wir zu einer Aufnahme, deren Stimmqualität der seinen nahekommt.