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Aufruf von Mairead Maguire, Friedensnobelpreisträgerin — 15. Mai 2019

Aufruf von Mairead Maguire, Friedensnobelpreisträgerin

15. Mai 2019. Ein Artikel-Übernahme von: Redaktion Nachdenkseiten

Nach der Verhaftung von Julian Assange schrieb die irische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire den folgenden Appell an die britische Regierung. Freundlicherweise erlaubte sie uns Diesen zu übersetzen und sie freut sich, dass die NachDenkSeiten ihre Worte nun weiter verbreiten. Übersetzt und eingeleitet von Moritz Müller.

Im August 1976 gründeten Mairead Maguire (geb. Corrigan), Betty Williams und Ciaran McKeown die konfessionsübergreifende Friedensbewegung Peace People, die sich für eine friedliche Lösung des Nordirland Konfliktes einsetzt. Der aktuelle Auslöser inmitten der ausufernden Gewalt in Nordirland war der Tod von Mairead Maguires drei Nichten und Neffen, die einer Auseinandersetzung zwischen der IRA und der britischen Armee zum Opfer fielen. Heute würden man dies Kollateralschaden nennen, und hier merkt man dass sich hinter jedem sogenannten Kollateralschaden ein Tragödie verbirgt, und das ist es wohl auch was Mairead Maguire an Julian Assange und Wikileaks schätzt, nämlich dass diese verborgenen Tragödien ans Tageslicht gebracht werden.

1977 erhielten Betty Williams und Mairead Maguire gemeinsam den Friedensnobelpreis für ihre Friedensbemühungen in Nordirland.

Was wir in unserer seit über 70 Jahren nicht von Krieg heimgesuchten westlichen Welt oft nicht richtig bemerken, ist dass eine Situation wie in Syrien oder im Jemen auch sehr schnell über uns hereinbrechen könnte, wenn wir nicht versuchen im Dialog auch mit möglichen Gegnern zu bleiben. In Nordirland liegen diese traumatischen Erinnerungen noch nicht so lange zurück.

Am 16. April nahm Mairead Maguire den Whistleblower Preis der Vereinigten Europäischen Linken für Julian Assange entgegen, da dieser nicht zur Preisverleihung erscheinen konnte.

Hier nun der Text von Mairead Maguire:

12. Apr 2019

Mairead Maguire hat das britische Innenministerium um die Erlaubnis gebeten, ihren Freund Julian Assange, den sie in diesem Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert hat, besuchen zu können.

„Ich möchte Julian besuchen, um zu sehen, wie er medizinisch versorgt wird, und um ihm mitzuteilen, dass es viele Menschen auf der ganzen Welt gibt, die ihn bewundern und für seinen Mut dankbar sind, zu versuchen Kriege zu stoppen und das Leiden anderer zu beenden.

Der Donnerstag, den 11. April, wird als dunkler Tag für die Menschenrechte in die Geschichte eingehen, als Julian Assange, ein tapferer und guter Mann, von der britischen Metropolitan Police verhaftet, gewaltsam und ohne Vorwarnung in einer Art und Weise, die einem Kriegsverbrecher entspricht, aus der ecuadorianischen Botschaft gezerrt und in einen Polizeiwagen verfrachtet wurde. Es ist eine traurige Zeit, in der die britische Regierung auf Geheiß der Regierung der Vereinigten Staaten Julian Assange, als Herausgeber von Wikileaks ein Symbol für Redefreiheit, verhaftet hat, und die Führer der Welt und die Mainstreammedien schweigen zu der Tatsache, dass er ein unschuldiger Mann ist, bis seine Schuld bewiesen ist, und die UN-Arbeitsgruppe für willkürliche Inhaftierung ihn als unschuldig bezeichnet.

Die Entscheidung des ecuadorianischen Präsidenten Lenin Moreno, der unter dem finanziellen Druck der USA dem Gründer von Wikileaks Asyl entzogen hat, ist ein weiteres Beispiel für das globale Währungsmonopol der Vereinigten Staaten, das andere Länder dazu drängt, nach ihrer Pfeife zu tanzen oder sich den finanziellen und möglicherweise gewalttätigen Folgen des Ungehorsams gegenüber der angeblichen Welt-Supermacht, die leider ihren moralischen Kompass verloren hat, zu stellen.

Julian Assange hatte vor sieben Jahren in der ecuadorianischen Botschaft Asyl beantragt, gerade weil er vorausgesehen hatte, dass die USA seine Auslieferung verlangen würden, um ihn einer Großen Jury (großes Geschworenengericht, welches nicht-öffentlich tagt Anm. MNM) gegenüber zu stellen, weil er Massenmorde aufgedeckt hatte, die nicht von ihm, sondern von US-amerikanischen und NATO-Kräften begangen und vor der Öffentlichkeit verborgen wurden.

Leider glaube ich, dass Julian Assange kein faires Verfahren zuteil werden wird. Wie wir in den letzten sieben Jahren immer wieder gesehen haben, haben die europäischen Länder und viele andere nicht den politischen Willen oder die Schlagkraft, sich für das einzusetzen, was sie (möglicherweise Anm. MNM) für richtig halten, und geben schließlich dem Willen der Vereinigten Staaten nach. Wir haben gesehen, wie Chelsea Manning erneut ins Gefängnis und in Einzelhaft gebracht wurde. Also seien wir nicht naiv: So könnte die Zukunft für Julian Assange aussehen.

Ich habe Julian zweimal in der ecuadorianischen Botschaft besucht und war sehr beeindruckt von diesem mutigen und hoch intelligenten Mann. Der erste Besuch war nach meiner Rückkehr aus Kabul, wo junge afghanische Teenager darauf bestanden, einen Brief zu schreiben, mit der Bitte ihn an Julian Assange zu überbringen. Und um ihm zu danken, dass er mit Wikileaks die Wahrheit über den Krieg in Afghanistan veröffentlicht hat, und versucht hat zu verhindern, dass ihre Heimat weiterhin von Flugzeugen und Drohnen bombardiert wird. Diese Jungen wussten alle zu berichten, von Brüdern oder Freunden, die von Drohnen getötet wurden, während sie im Winter in den Bergen Holz sammelten.

Ich habe Julian Assange am 8. Januar 2019 für den Friedensnobelpreis nominiert. Ich gab eine Pressemitteilung heraus, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit auf diese Nominierung zu lenken, die von den westlichen Medien aber weitgehend ignoriert zu werden scheint. Durch Julians mutige Aktivitäten und die Aktivitäten anderer konnten wir die Gräuel des Krieges sehr gut erkennen. Die Veröffentlichung der Akten brachte die Gräueltaten, die unsere Regierungen begangen haben, über die Medien zu uns nach Hause. Es ist mein fester Glaube, dass dies das wahre Wesen eines Aktivisten ist, und ich schäme mich, in einer Zeit zu leben, in der Menschen wie Julian Assange, Edward Snowden, Chelsea Manning und jeder, der bereit ist, unsere Augen für die Gräueltaten des Krieges zu öffnen, wahrscheinlich von Regierungen wie ein Tier gejagt, bestraft und zum Schweigen gebracht wird. Deshalb glaube ich, dass die britische Regierung gegen die Auslieferung von Assange sein sollte, da sie einen gefährlichen Präzedenzfall für Journalisten, Informanten und andere Quellen der Wahrheit schafft, auf die die USA in Zukunft vielleicht Druck ausüben wollen. Dieser Mann zahlt einen hohen Preis, für den Versuch Kriege zu beenden und für Frieden und Gewaltlosigkeit zu sein, und daran sollten wir uns alle erinnern.“

Ergänzung: In den letzten Tagen wurde bekannt, dass in Schweden die nicht verjährten Vorwürfe gegen Julian Assange, wegen minderschwerer Vergewaltigung erneut geprüft werden. Diesem guten Bericht dazu im SPIEGEL gibt es im Moment eigentlich nicht hinzuzufügen außer unserem Blick auf die rechtlichen Hintergründe, vom letzten Freitag.

Chelsea Manning ist mittlerweile aus der Beugehaft entlassen worden, aber sie muss sich am Donnerstag erneut einer Grand Jury stellen. Hier eine Erklärung, die sie nach ihrer Entlassung gab.

Brecht-Zitat — 13. Mai 2019

Brecht-Zitat

Warum ich in meinem letzten Beitrag hier Brecht zitiert habe? Weil ich meine, eine Selbstgerechtigkeit zu spüren, in der Art, wie wir in der Regel andere kritisieren. Ich nehme mich nicht aus, obwohl ich sledgehammer im Gegensatz zu Ulli und dem Altautonomen keine Rechtslastigkeit vorgeworfen haben. Zunächst muss ich gestehen, ich habe keine Ahnung, was die Antifa sein soll, und ich weiß auch nicht, wo ich sie treffen kann. Ist es eine Gruppe? Hat sie einen Versammlungsraum? Ein Hinterzimmer? Trifft sie sich regelmäßig? Tritt sie irgendwo geschlossen als Phalanx auf?

Sollten mit Antifa allerdings Menschen gemeint sein, die gegen den Faschismus sind, dann kenne ich einige, also Menschen, mit denen ich infolge meiner Erkrankung überhaupt noch zu tun habe. Einen echten Faschisten, genauer gesagt, einen Altnazi, habe ich nur einmal getroffen, er war mein Nachbar in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. Er war Öko-Gärtner geworden und hatte den Versuch unternommen, seinen Freunden Hans Jonas und dessen Buch Prinzip Verantwortung nahe zu bringen. Der Tenor war: Das Denken von Jonas sei wichtig, obwohl dieser ein Jude ist.

Warum das Brecht-Zitat? Ich hatte sledge nach einem Beispiel gefragt, nach einer konkreten Modifikation seiner Behauptung, es gäbe vielfach wieder den Faschismus. Er antwortete mit einem Hinweis auf die Antifa. Das veranlasste den Altautonomen, in sledge einen Rechten zu sehen.
Nun, die Antifa, die ich als Kollektiv nicht kenne, ist nicht sankrosankt, und ich sage das, weil ich der Meinung bin, kein Mensch ist frei von Falschem, Fehlern, Bösem. Oder, um es neutestamentarisch zu sagen, keiner ist ohne „Sünde“. Und wer das Gute will, bringt doch nur das Böse zustande (Paulus, Römer 7,15ff). Säkular gesagt: Das Gegenteil von Gut ist gut gemeint.
In den Brecht-Versen versteckt sich Adornos „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. Das sollte einen bescheiden machen und behutsam im Umgang mit anderen.

PS.: Unterwegs im Social-Media-Netz fällt mir auf, dass dort viel Selbstgerechtigkeit zugange ist, dass dort ein moralischer Rigorismus wütet. Wer nur den kleinsten Fleck auf seiner Weste hat, wird abgewertet und oft genug total abgelehnt. Auch das ist potentieller Faschismus. Wer Mundgeruch hat, wird erschossen. Als mein Hauswirt, der unter mir wohnte, sich in den 80er Jahren von meinem Schreibmaschinen-Geklapper gestört fühlte, hat er mir nicht gekündigt, sondern eine dicke Filzmatte geschenkt. Wir sollten mehr Zahncreme und -bürsten verschenken.

Brecht: An die Nachgeboren — 12. Mai 2019
Um Kommentare wird gebeten — 10. Mai 2019

Um Kommentare wird gebeten

Sledgehammer schreibt:

„Seit geraumer Zeit verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen, die den Nationalsozialismus nicht selbst durchlebt haben, diesen – in mehr oder weniger harmlosen Variationen – als Straßentheater, Bühnen- oder Fernsehinszenierung, bei NGO-Aktivitäten oder als Kommentator in der Blogosphäre, in einem Gefühl von Rechtschaffenheit und im Einklang mit den Zeitströmungen nachzuahmen gewillt sind.

Möglicherweise ist dieses Empfinden zu stark formuliert.

Doch, egal ob harmloser Vergleich, irrige Behauptung oder Meinung; beinahe alles wird auf den Prüfstand gezerrt, zerfleddert, auf korrekte Gesinnung abgeklopft und mit einem Urteil des Zeitgeists versehen.
Mir sind das Pathos und die akzentuierte Wohlanständigkeit mancher Zeitgenossen oftmals geradezu ein Tort.“