Notizen aus der Unterwelt.

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Isaak Lewitan — 27. Oktober 2021
Kritik an Israel ist nicht gleich antisemitisch — 25. Juni 2022

Kritik an Israel ist nicht gleich antisemitisch

Zunächst ein Differenzierungsversuch des Begriffs „Antisemitismus“. Der Mangel an Differenziertheit bei diesem Thema ist im Begriff schon angelegt. Der Vorwurf, etwas sei antisemitisch, wird oft im Zusammenhang mit einer Kritik der Politik Israels verwendet.

Ein kleiner Ausflug zu Schillers Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen. Diese „Briefe“ sind auf dem Hintergrund der Erfahrung des Bürgerkriegs bzw. der Bürgerkriege entstanden. Diesen hat unter anderem Kassel und Bad Karlshafen die Anwesenheit der Hugenotten zu verdanken.

Schiller trifft in den Briefen die Unterscheidung zwischen Person und Zustand. Die Person als ganzer Mensch und der Zustand als eine Beschaffenheit der Person. Wer am Abend betrunken ist, kann am nächsten Tag wieder nüchtern sein.

Oder anders gesagt: Der Mensch durchläuft Entwicklunszustände, er kann zum Beispiel qua Einsicht sein falsches Verhalten ändern.

Mit dem, was ich hier nur angedeutet habe, will ich darauf hinweisen, dass man öfter sagen müsste: „Anti-eine-bestimmte-Verhaltensweise-eines-Semiten“. Im Begriff des Antisemitismus steckt zu sehr die Totale. Nicht in jeder Krikik eines Semiten steckt die Absicht, ihn gänzlich zu vernichten. Das haben die Nazis getan, die Absicht hatte und hat die Künstlergruppe Tarin Padi nicht. Man muss nur in ihrem Statement auf der documenta-Seite nachlesen, welche Repressalien 1998 in Indonesien noch zugange waren. Das Bild ist darauf eine Reaktion, es gibt an den besagten Stellen wider, wie „Zustände“ israelischer Menschen empfunden wurden (Mossa z.B. und der Herr mit den Locken). Nicht selten macht sich Woody Allen, ein Jude, über orthodoxe Juden in seinen Filmen lustig. Hinzuweisen ist auch auf die Symolik des Schweins. Diese wird von George Orwell in seinem Buch „Animal Farm“ verwendet und steht dort für diktatorische Gewaltausübung. Ich habe ein Cover auf meinem Account veröffentlicht.

Auch das folgende Zitat von Orwell: >>The most effective way to destroy people is to deny and obliterate their own understanding of their history.<<

Dass Künstler ihre Empfindungen gegenüber Vertretern oder Repräsentanten Israels in zwei Karikaturen artikulieren, darf nicht sein, proviert einen Shit-Storm, der so heftig ist und so pharisäerhaft, dass alles Menschliche dabei verloren geht.

Zu erinnern ist an den Juden Erich Fried, an sein Gedicht „Höre, Israel“. Zionisten nannten Fried einen sich selbst hassenden Juden.

Höre, Israel

Erich Fried

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Aufnahme 2011

Als wir verfolgt wurden,

war ich einer von euch.

Wie kann ich das bleiben,

wenn ihr Verfolger werdet?

Eure Sehnsucht war,

wie die anderen Völker zu werden

die euch mordeten.

Nun seid ihr geworden wie sie.

Ihr habt überlebt

die zu euch grausam waren.

Lebt ihre Grausamkeit

in euch jetzt weiter?

Den Geschlagenen habt ihr befohlen:

„Zieht eure Schuhe aus“.

Wie den Sündenbock habt ihr sie

in die Wüste getrieben

in die große Moschee des Todes

deren Sandalen Sand sind

doch sie nahmen die Sünde nicht an

die ihr ihnen auflegen wolltet.

Der Eindruck der nackten Füße

im Wüstensand

überdauert die Spuren

eurer Bomben und Panzer.

deutschelyrik.de

Höre, Israel – Deutsche Lyrik

Das Orwell-Schwein — 24. Juni 2022

Das Orwell-Schwein

Der Antisemitismus-Vorwurf der documenta gegenüber geht einzig und allein davon aus, dass die indonesische Künstlergruppe Tarin Padi sich mit ihren vermeintlichen antisemi-Karikaturen am Stürmer orientiert hätte beziehungsweise den Nazi-Bildern glichen. Es könnte aber auch sein, dass sie sich bei der Zeichnung des Mossad-Soldaten an Orwells Animall Farm orientiert haben. Der Oberdiktator in der Animal Farm ist ein Eber und dem zufolge sind seine Soldaten Beschützer brutaler Macht.

Kriegssoli —

Kriegssoli

von Sledgehammer

„Kriegssoli“ – schlechthin „Preteaching“

Zunächst wird eine bestimmte Idee in den Raum gestellt, die anfänglich meist Dementis oder heftige Ablehnung hervorruft; doch sie ist hiermit in der Welt.
Ist das Aufbegehren zu stark, wird die Idee zunächst hintangestellt, um bei passender Gelegenheit erneut aufs Tapet gebracht zu werden, bis sich der Gedanke in ein gesellschaftliches, zumeist hinnehmendes Wollen und ein paralleles, politisches Handeln übersetzt.

documenta 15 — 22. Juni 2022

documenta 15

der antisemitismus-vorwurf

im land der eiferer und geiferer: wie bekannt sein dürfte, gab es unter merkel mal eine zeit, in der jeder deutsche auf dem balkon oder falls keiner vorhanden aus dem fenster rufen musste: >>die DDR war ein unrechtsstaat<<.

derzeit ist die documenta 15 an der reihe. sie ist antisemitisch, und das erregt die gemüter aufs äußerste. der einzig menschlich reagierende kritiker ist christoph heubner:

>>Das Internationale Auschwitz Komitee rief zum Dialog mit den Künstlern auf. „Es wird höchste Zeit, im Rahmen dieser Documenta ein Gespräch zu beginnen, die Künstler zu hören, aus welcher Weltsicht diese Bilder so entstanden sind und seitens der Documenta öffentlich zu erklären, warum diese Bilder hier auf Widerstand und Ablehnung stoßen“, erklärte Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, am Dienstag.<<
Man muss mit den Künstlern reden, um zu erfahren, aus welchen Gründen es zu einer solchen Sicht von israelischen Menschen gekommen ist.

https://www.monopol-magazin.de/documenta-fifteen-hoffnung-auf-dialog-nach-antisemitismus-eklat

Hier ist der Link zur Erklärung der Künstlergruppe „Tarin Padi“, deren Bild man mittlerweile demontiert hat. Leider, so meine Einschätzung, fehlt die konkrete Erklärung, warum die jüdischen Menschen negativ dargestellt wurden.

Auf eine Paradoxie ist noch hinzuweisen: In Kassel hat man das Banner von Tarin Padi entfernt, die beanstandeten Karikaturen wie den Mossadsoldaten aber nun im Netz weltweit verbreitet-Absurder geht es kaum noch!

hier kommt die konkretisierung, die aufklärung:

feynsinn — 20. Juni 2022
Nix zur documenta 15 — 18. Juni 2022

Nix zur documenta 15

Da ich zur Zeit noch bettlägerig bin, werde ich vorerst zur documenta 15 nichts sagen können. Es gibt allerdings eine Erinnerung an eine Begebenheit innerhalb der DOCUMENTA IX. Wir fingen zu Fünft am 1. Juli 1991 dort an zu arbeiten und wurden in das Handling von Computern eingeführt, die damals noch auf der Basis von MS-DOS arbeiteten. Die Einführung, den Unterricht, gab drei Tage lang Roland Nachtigäller. Computer waren für mich völlig neu, und so staunte ich über das umfangreiche Wissen, über die Fülle von MS-DOS-Befehlen, die Nachtigäller beherrschte. Ich teilte ihm meine Bewunderung mit – und er war beleidigt.

Später erfuhr ich, er hätte gern meine Stelle als Leiter des Führungsdienstes gehabt. Vermutlich fühlte er sich durch mein Lob herabgesetzt. Nachtigäller arbeitete, als die Presseabteilung besetzt wurde, ebenda. Offizielle Pressesprecherin war Claudia Herstatt.

Zur Pressekonferenz kurz vor der Eröffnung haben wir bis in die Nacht hinein Pressetexte zusammengestellt. Von mir war auch einer dabei. Ich hatte mich über die Ziele des Führungsdienstes geäußert und unter anderem erwähnt, dass Adornos Forderung, Auschwitz dürfe sich nicht wiederholen, für mich unvergessen sei. Die Pressemappen wurden so an die Journalisten verteilt. Am Tag nach der Pressekonferenz war mein Text aus der Mappe verschwunden. Falls dieser von Nachtigäller entfernt worden sein sollte, so war das kein antisemitischer Akt. Nachtigäller wollte mich nur ein bißchen mobben. Aber ich mutmaße das nur, beweisen kann ich es nicht.