Baums Notizen aus der Unterwelt.

Der kritische Blog von Klaus Baum – jetzt mobile-friendly

Entqualifizierung beginnt schon in der Schule — 29. August 2016

Entqualifizierung beginnt schon in der Schule

aus der Reihe „Hartmut empfiehlt“:

Montag 29.8.2016. Eifel. Nun – seit einer Woche ist wieder Schulanfang. Zeit, über einen Fehler zu reden. Meinen Fehler. Den größten Fehler meines Lebens. Jene Entscheidung, mit der ich alles verraten habe, wofür ich damals als Jugendlicher stand. Auch heute noch ist es mir extrem peinlich, darüber zu reden, aber wenn ich mir anmaße, über Schule zu reden, muss ich zuvor ein Geständnis machen: ich habe eine Ausbildung als Gymnasiallehrer. Da stellt sich natürlich gleich die Frage: warum? Wegen den Ferien? Der Verbeamtung? Dem lockeren Job? Nun – nein. Ich wollte nie Lehrer werden. Im zarten Alter von 15 Jahren hatte ich beschlossen, Philosophie zu studieren – das war mein Lebensziel. Egal, was danach kam – und wenn es eine lebenslange Existenz als Obdachloser bedeuten sollte (so idealisiert kann man ja in solchem Alter schon mal sein) – das Ringen um Weisheit und Wahrheit faszinierte mich, das kreative Spielen mit Perspektiven, die Analysen, die über den Tellerrand der sonstigen Fachwissenschaften weit hinausgingen: Philosophie war nach der Lektüre einiger Schriften von Platon meine Leidenschaft geworden, während um mich herum alles nach Banker- und Politikerkarrieren schrie. Ja – so war meine alte Schule, ein Kollegschulversuch, den ich mir mit 14 Jahren selbst ausgesucht hatte, zum Erschrecken meiner Eltern fuhr ich allein in die ferne Stadt, um dort mein Glück zu machen und ein Angebot anzunehmen, das mir so kein Gymnasium bieten konnte: zwei Abschlüsse zum Preis von einem – wer kann da schon widerstehen.

Die Entscheidung führte nicht zu einem Leben ohne Probleme: ich war 14, als die Schule begann, und damit der jüngste Schüler meiner Klasse, der älteste, der an diesem Schulversuch teilnahm, war 28. Eine kunterbunte Mischung, in der ich schneller wachsen musste als in „normalen“ Schulen. Der Unterricht wurde dank Lehrermangel von Universitätsprofessoren ergänzt (was ein Segen war, wie man im folgenden sehen wird – unter „Lehrern“ hätte ich als Arbeiterkind kaum Abitur machen können), zusätzlich mussten wir uns wirtschaftliche Kompetenzen antrainieren: Stenografie, Schreibmaschine, Buchführung – die unbeliebtesten Fächer aller Zeiten. Unser Wirtschaftsunterricht war … außergewöhnlich, aber so sehr anerkannt, dass wir Bewerbungen von Gymnasiasten dazu bekamen, die mit uns den Unterricht teilten. Ich war also auch recht jung, als ich Abitur machte, was ein Wunder war, verbrachte ich doch den Großteil meiner Lebenszeit mit Bürgerinitiativen, Aufmärschen gegen Nazis, Demonstrationen gegen Krieg, Atomstrom, Atomraketen, als verdeckter Schreiber für eine Stadtzeitung (verdeckt weil … ich den Verantwortlichen zu humanistisch eingestellt war und angesichts der Terroristenjagd für Respekt vor dem Menschen in den Gejagten warb), zusätzlich experimentierten wir mit neuen Lebens- und Gesellschaftsformen in Selbsterfahrungsgruppen: es war eine wilde, zeitintensive, aufregende Zeit, die viel Hoffnung auf Zukunft machte – doch dann kam der Moment, wo ich … immer noch viel zu jung … zum Arbeitsamt gerufen wurde, dessen Mitarbeiter für mich als jungen Mann viel zu raffiniert waren.

Weiter hier:

Wie der Staat Kinder zerstört …… über moderne Selektionsrampen ….

 

https://www.nachrichtenspiegel.de/2016/08/29/

 

Exzellente Entqualifizierung: Das neue akademische Prekariat — 25. August 2016

Exzellente Entqualifizierung: Das neue akademische Prekariat

Der folgende Erfahrungsbericht entspricht in vielen Punkten meiner eigenen Biografie, die mich vom Elektriker über den Industriekaufmann zum 2. Bildungsweg führte, der schließlich in einem Studium der Geisteswissenschaften (einschließlich der Theologie) terminierte, ein Studium, das ich in allen Fächern mit 1,0 absolvierte (einschließlich der Promotion). Den Erweb des Abiturs finanzierte in den sechziger Jahren noch die SPD-Regierung Hessens und in den Siebzigern
der Bund über die Studienstiftung des deutschen Volkes. Schon vor der Einführung von Hartz IV gab es Versuche seitens des Arbeitsamtes, mir meine Qualifikation abzuerkennen. Besiegelt aber wurde die völlige Entwertung dessen, was ich mir erarbeitet hatte, mit In-Kraft-Treten von Hartz IV.
Der folgende, sehr lesenswerte Artikel beschreibt das Elend einer Verwertungslogik, die keine Logik mehr ist.

von Britta Ohm

Der Herr im Jobcenter – mein „Arbeitsvermittler“ – schüttelt mir freundlich-abwartend die Hand. Möglicherweise ist er etwas nervös angesichts meines Doktortitels, den er auch sofort pflichtschuldig ausspricht (woran mir überhaupt nichts liegt). Er weiß, dass er mir außer Zwangsmaßnahmen, Callcenter und Saisonarbeit (Erdbeeren pflücken) nichts zu bieten hat. Wir beide wissen – und wissen, dass der andere es weiß –, dass er von seinen Vorgesetzten darauf angesetzt wurde, die in der „Tagesschau“ verkündete Arbeitsmarktstatistik zu exekutieren, die sich selbst und der Welt vorgaukelt, dass Deutschland Vorreiter in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sei. Deutschland Superland, Land der Ideen und der Forschung, engagiert im „Wettbewerb um die besten Köpfe“, Bildungsrepublik, Wirtschaftsmacht, Exportweltmeister, historisch niedrige Arbeitslosenquote (und Fußball-Macht natürlich auch noch). In der medial geprägten Buzzword-Rhetorik von „Brand Germany“ spiegelt sich die neoliberale Exzellenz-Logik, die alle Relationen aus dem Blick verloren hat, unter anderem die, dass man sich in einer stark gebeutelten europäischen und globalen Umgebung trefflich als Hoffnungs-Leitwolf inszenieren kann, nicht nur in dem, was beharrlich „Flüchtlingskrise“ genannt wird (als wären die Flüchtlinge daran schuld).

Zum ganzen Artikel geht es hier:

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/august/exzellente-entqualifizierung-das-neue-akademische-prekariat

Troptard empfiehlt folgenden Link — 23. August 2016
Das Neueste — 21. August 2016

Das Neueste

Bundesregierung will Bevölkerung zu Hamsterkäufen raten

Zum ersten Mal seit 1989 will die Bundesregierung einem Bericht zufolge dazu raten, Vorräte anzulegen. Die Bevölkerung soll sich bei Angriffen oder Katastrophen selbst mit Essen und Wasser versorgen können.

Mehr hier:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/katastrophenfall-bevoelkerung-soll-vorraete-anlegen-a-1108760.html

IM Hartz-IV-Satz sind Hamsterkäufe nicht enthalten.

Die Sprache der Sieger sind nicht die Tatsachen — 20. August 2016

Die Sprache der Sieger sind nicht die Tatsachen

oder:

Die Sprache der Diktatoren entspricht nicht den Tatsachen, dachte ich gestern, als ich die Zwölf-Uhr-Nachrichten auf Deutschlandfunk hörte.

>>Türkei Führenden HDP-Politikern drohen lange Haftstrafen

Der Co-Vorsitzenden der pro-kurdischen türkischen
Oppositionspartei HDP, Yüksekdag, droht eine Gefängnisstrafe
von 15 Jahren wegen Terrorpropaganda. Das bestätigte ein
Parteisprecher. Grund für die Anklage der Staatsanwaltschaft
ist ein Auftritt der Politikerin bei einer Veranstaltung im
vergangenen Jahr, bei der sie Solidarität mit der syrischen
Kurdenpartei PYD und der Kurdenmiliz YPG im Kampf gegen die
IS-Terrormiliz in Syrien bekundete. Beide Organisationen werden
von der Türkei wie die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK
als terroristisch eingestuft. Für die USA ist die Kurdenmiliz
YPG in Syrien ein wichtiger Partner beim Kampf gegen den
IS-Terror. Erst kürzlich hatte die Istanbuler
Staatsanwaltschaft bis zu fünf Jahre Haft für den HDP-Chef
Demirtas gefordert.<<

Der Beginn der Nachricht

Der Co-Vorsitzenden der pro-kurdischen türkischen
Oppositionspartei HDP, Yüksekdag, droht eine Gefängnisstrafe
von 15 Jahren wegen Terrorpropaganda.

spricht so, als ob es einen Begriff von Terror (oder von was auch immer) unabhängig von einem ideologischen point-of-view gäbe. Wer von den herrschenden Kräften in der Türkei als terroristisch eingestuft wird, ist aber nicht deshalb schon terroristisch. Terror ist ein Kampfbegriff, den ERDOGAN benutzt, um seine Kritiker zu Feinden zu erklären.

Ich finde, hier kommt die Trennung von Nachricht und Kommentar an seine Grenzen.

Aus einem Propaganda-Begriff der türkischen Regierung wird ein Tatsachen-Begriff.

Peter Petereit kommentiert eine Nachricht —

Peter Petereit kommentiert eine Nachricht

Nachricht:
„Bouillon Ab November Übungen für Bundeswehr-Einsatz im Inneren

Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, der CDU-Politiker Bouillon, geht davon aus, dass im November die ersten Übungen für einen Einsatz der Bundeswehr im Inneren stattfinden können.
Er erwarte, dass Verteidigungsministerin von der Leyen und Innenminister de Maizière am 31. August grünes Licht dafür gäben, sagte der saarländische Ressortchef der „Rheinischen Post“ aus Düsseldorf. Niedersachsens Innenminister Pistorius von der SPD plädiert im Falle von Terror und Katastrophen für eine Kooperation zwischen Bundeswehr und Polizei in allen Bundesländern. Auf Basis der geltenden Rechtslage sollte die Zusammenarbeit flächendeckend getestet werden, schrieb Pistorius in einem Brief an Bouillon, aus dem das Redaktionsnetzwerk Deutschland zitiert. Bislang sind derartige Übungen nur in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und im Saarland geplant. Union und SPD hatten sich im Juli im neuen Weißbuch zur Sicherheitspolitik darauf verständigt, dass die Bundeswehr bei größeren Anschlägen auch ohne Änderung des Grundgesetzes eingesetzt werden kann.“

Petereits Kommentar:

„Schnöggersburg“, eine militärische Übungsstadt, Baubeginn 2012 geht in Betrieb. Die Planungen haben mit „Sicherheit“weit vor 2012 begonnen, zu einer Zeit, als das Angstmachwort „Terrorismus“ noch nicht in aller Mund war.
Lt „Wikipedia“ wird das Multimillionenprojekt mit folgender Zielsetzung betrieben:
„Diese Stadtanlage mit zahlreichen Infrastrukturelementen einer modernen Großstadt soll 2017 fertiggestellt sein und bereits ab 2015 für Übungen und Simulationen von Kampfeinsätzen in städtischen Gebieten genutzt werden.[3] Gemäß der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion ist auch die Vorbereitung auf Einsätze der Bundeswehr im Inland „im Rahmen der verfassungsrechtlichen Vorgaben“ vorgesehen.“
Schau mal einer an. Ich denke, wenn eines schönen Tages eine Regierung ihr halbes Volk zu „Terroristen“ erklärt, ergibt das Ganze durchaus Sinn.
Es lohnt sich, unter dem Stichwort „Schnöggersburg“ ein wenig zu „googeln“ So zum Augen öffnen.
Hier wird ein langfristig angedachtes menschenverachtendes Projekt zur Realität. Und, der Michel schluckt’s

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