Kein Vergeben, kein Vergessen! – nachgehakt –

Beitrag: altautonomer

R@iner hat hier vor am 23.04.2015 den Dokumentationsfilm von Gaby Weber eingestellt. Er befasst sich unter anderem mit einer Romanze unter Jugendlichen. Sie, die Tocher von Übrlebenden. Er, der Sohn von Adolf Eichmann.
Zit. Weber: “Es ist ja die perfekte „erwünschte Geschichte“, nach der sich der Deutsche sehnt: nur neun Jahre nach Kriegsende himmeln ihn die jüdischen Mädchen wieder an.”

Auch heute ist die Sehnsucht nach einem Schlussstrich unter dieses Kapitel der deutschen Geschichte, immer wieder befeuert durch geschichtsrevisionistische Fernsehfilme wie “Dresden”, “Die Gustloff”, “Die Flucht”, “Die Krupps” und “Unsere Mütter, unsere Väter” größer denn je. Es besteht die Gefahr, dass der Opferdiskurs auf ein unrühmliches Ende hinausläuft: Die Mehrheit der Deutschen lehnte den Nationalsozialsmus ab und war als Manipulationsmasse dessen Opfer.

Und nun ist es anscheinend an der Zeit, in der sogar Überlebende des Holocaust mit den Tätern öffentlich Nachsicht üben und für deren Straffreiheit plädieren. Die Rede ist von der noch lebenden Zwillingsschmester Eva Mozes Kor, die den bestialischen Experimenten von Josef Mengele ausgeliefert war und die nun im Gerichtssaal den der Beihilfe zum 300.000-fachen Mord angeklagten Täter Gröning öffentlich die Hand zu Versöhnung reichte. Dieses Ereignis wurde medial intensiv ausgeschlachtet. Frau Kor sagte in der letzten Sendung bei Jauch auch, dass die Opfer nicht zu Tätern werden sollten und die Täter auch Opfer seien. Das hat wie zu erwarten zu heller Empörung bei den anderen Nebenklägerinnen geführt.

Aus Sicht der 49 anderen Nebenkläger rehabilitiert die Holocaust-Überlebende Eva Mozes Kor den angeklagten Gröning durch solche Aussagen und ihre Gesten am Rande des Prozesses im Alleingang. Das kritisieren sie in einer gemeinsamen Pressemitteilung, die die beiden Anwälte Thomas Walther und Cornelius Nestler am Montag öffentlich gemacht haben.

Es ist schon erstaunlich, dass Überlebende mit ihren nie enden wollenden Albträumen über das Geschehene überhaupt die Kraft haben, wieder deutschen Boden zu betreten, die Sprache der Schlächter zu hören und sogar noch mit den Tätern direkt konfrontiert zu werden. Insofern ist es mir ein Rätsel, wie Frau Kor diesem Massenmörder vergeben kann, zumal der Angeklagte nur halbherzig bereut und dabei immer wieder in die Sprache des Herrenmenschen zurückfällt, wie die SPIEGEL-Journalistin Gisela Friedrichsen zu berichten weiss.

Es ist nicht anzunehmen, dass sich aus diesem durchaus legitimen Umgang einer einzelnen Überlebenden mit dem Leid ein Trend entwickelt, der darin mündet, dass sich die Juden demnächst bei den Deutschen für Auschwitz entschuldigen.

Mehr dazu einschließlich der Erklärung der Nebenklägerinnen hier:

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/Auschwitz-Prozess-Darf-man-Groening-vergeben,auschwitzprozess110.html

Fundstück von Richard Albrecht

Eine Stellenausschreibung

 Sie zeigt, wie Frau Dipl.-Math. Bärbel Höhn MdB den Rest der Welt verhöhnt: Wer bei ihr Praktikant/in wird, wird umstandslos geDUzt, erhält etwa 1.80 € brutto pro Stunde und darf das Fahrgeld selbst zahlen. Das Dokument wird ungekürzt mit Netzquelle veröffentlicht.

„Praktikum bei Bärbel Höhn -Dauerausschreibung

Du interessierst Dich für Politik, insbesondere für grüne Politik? Du willst den Bundestag
kennenlernen, die Arbeitsweise einer Bundestagsabgeordneten und auch mal hinter die
Kulissen schauen? Dann bewirb Dich für ein Praktikum bei Bärbel Höhn. Wir bieten das
ganze Jahr hindurch die Möglichkeit, den Parlaments-und Fraktionsbetrieb im Bundestag
intensiv kennenzulernen.

Was solltest Du mitbringen?

Wir erwarten ein hohes Maß an Selbstständigkeit, Eigeninitiative, Schnelligkeit, vor allem
Neugierde und den Willen, sich in unser Team schnell einzufügen, da der hektische
Parlamentsbetrieb eine umfassende Betreuung nicht immer bieten kann. Wenn Du
zuverlässig und motiviert bist, gut Dinge organisierst und den grünen Grundsätzen nahe
stehst, dann bewirb Dich jetzt! Die Parteimitgliedschaft bei Bündnis 90/Die Grünen ist keine
Voraussetzung für ein Praktikum.

Was gehört zu deinen Aufgaben, was wird geboten?

Du arbeitest im Bundestagsbüro in Berlin mit, wir bieten Dir abwechslungsreiche Aufgaben in
unserem Team und jede Menge spannender Erfahrungen. Das Praktikum besteht aus 3
Schwerpunkten:

1. Unterstützung von Bärbel Höhn und ihrem Team bei der täglichen Arbeit: Du schaust uns
über die Schulter, packst mit an und nimmst an Gesprächen und Arbeitssitzungen teil. Das
Sortieren des Posteingangs gehört zwar auch dazu, vor allem aber sollst Du bei uns etwas
dazulernen!
2. Kennenlernen des Bundestagsbetriebs: Du sollst zum Abschluss des Praktikums wissen,
wie der Bundestag funktioniert und wie die Grüne Fraktion arbeitet. Dazu kannst Du unter
anderem an den Sitzungen der Arbeitsgruppen und der Fraktion oder an Veranstaltungen
teilnehmen, erhältst Informationsmaterial und die Möglichkeit, Gespräche mit uns und Bärbel
zu führen.
3. Eigenständige, aber betreute Arbeit an Projekten (auch nach eigener Wahl): Je nach
Interesse und Möglichkeiten sollst Du an einem größeren oder mehreren kleinen inhaltlichen
Projekten arbeiten. Beispiele dafür findest Du auf Bärbels Homepage unter der Rubrik
„Praktikantinnen-Beiträge“. Du kannst gerne selber Themen vorschlagen, ansonsten
versuchen wir, für Dich und mit Dir das „Richtige“ zu finden.

Wie sind die Rahmenbedingungen?

Dein Praktikum sollte 2-3 Monate dauern, wird mit 300 Euro brutto / Monat vergütet und Du
hast natürlich Anspruch auf den gesetzlich vorgeschriebenen Urlaub. Fahrtkosten werden
nicht erstattet. Die Arbeitszeit beträgt in der Regel acht Zeitstunden (von 9 bis 17:30 Uhr inkl.
Mittagspause). Wir stellen am Ende des Praktikums ein Zeugnis aus. Es wird ein
Praktikumsvertrag abgeschlossen, der diese Regelungen beinhaltet.

Wie kannst Du Dich bewerben?

Bewerben kannst Du Dich (bitte ausschließlich per E-Mail) bei Anke Marahrens,
baerbel.hoehn@bundestag.de, mit Anschreiben und Lebenslauf. Bitte sag uns in Deinem
Anschreiben, warum Du der oder die Richtige für das Praktikum bist und warum Du Lust
hast, Bärbel bei ihrer politischen Arbeit zu unterstützen.

Wir freuen uns auf deine Bewerbung!”

http://www.baerbel-hoehn.de/fileadmin/media/MdB/baerbelhoehn_de/www_baerbelhoehn_de/dauerausschreibung_praktikum.pdf [280415]

Frühe Erzählung von David Foster Wallace – Was die Depression mit Menschen macht

Ursprünglich veröffentlicht auf Blütensthaub:

Einsam in der Depression: In einer frühen Erzählung behandelt David Foster Wallace jene Krankheit, der er später selbst erlag.

Man kann eben nicht einfach positiver denken. Eine frühe Erzählung von David Foster Wallace handelt von einem Studenten, der an Depressionen leidet. Es ist auch eine Geschichte der Fremdbestimmung.- David Foster Wallace

Original ansehen

Hier 2 Fotos aus Ravensbrück

Mir wird schon vom Anblick dieser Plastikteller und -schüsseln und dem Plastikbesteck schlecht.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article140109991/Irritierende-Zwei-Klassen-Gesellschaft-in-Ravensbrueck.html

Passend hierzu, so Hartmut, diese Geschichte der Brüder Grimm:

Der alte Großvater und der Enkel

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. »Was machst du da?« fragte der Vater. »Ich mache ein Tröglein,« antwortete das Kind, »daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.« Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Noch einmal: HerrenMenschenAllüren

Ein Kommentar von Schandmäulchen

Nochmal langsam, damit ich es auch richtig verstehe: der Veranstalter hat den Überlebenden des Holocaust am Ort des schlimmsten Grauens ihres Lebens Essensmarken ausgehändigt, diese um die 90 Jahre alten Menschen nach ihrem Essen anstehen und dann auf nackten Holzbänken sitzen lassen? Und die “Nachkommen” der NS-Verbrecher saßen auf gepolsterten Stühlen an fürstlich gedeckten Tischen und speisten mit feinem Besteck von Porzellantellern?

Spiegelt diese Situation nicht die Lagersituation von damals wieder? Hier die, die sich selber für den besseren Menschen halten, dort der Untermensch. In allem getrennt – sowohl räumlich als auch in der Behandlung.

Haben die Veranstalter auch nur die geringste Ahnung, was es für die Überlebenden bedeutet, an diesen Ort zurückzukehren, welchen Mut es erfordert und wieviel Schmerz es aufwühlt? Hätten Veranstalter wie geladene Politprominenz nicht ein Mindestmaß an Feingefühl und Anstand an den Tag legen können, ja müssen? Davon war zumindest dieser Teil der Veranstaltung weit entfernt, aber: an ihren Taten sind sie zu erkennen, nicht an ihren wohlfeilen Reden, wenn Kameras und Mikrofone auf sie gerichtet sind.

Es ist erschütternd, daß ein derartig erniedrigendes Verhalten heute in Deutschland noch immer oder schon wieder möglich ist. Aber ich bin wirklich froh, daß es junge Menschen gibt, die einen solchen widerwärtigen, die herrschende Kaste demaskierenden Skandal öffentlich machen und anprangern – die anwesende Politprominenz hat den Eklat ganz offensichtlich nicht einmal erkannt. Sonst hätten die Damen und Herren sich ja mit den Überlebenden an einen Tisch gesetzt.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article140109991/Irritierende-Zwei-Klassen-Gesellschaft-in-Ravensbrueck.html

HerrenMenschenAllüren

oder: Die absolut taktlosen Leistungsträger

In einer Email erhielt ich folgenden Text:

Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Ravensbrück erstickte in Peinlichkeiten

Nach der Gedenkfeier warfen ehrenamtliche Helfer und Betreuer der 89 Überlebenden, die als Gäste geladen waren, der Veranstalterin und den Gästen “erster Klasse” einen unsensiblen bis zynischen Umgang mit den ehemaligen KZ-Insassen vor. Während des gemeinsamen Mittagessen mussten die meisten anwesenden Überlebenden an nicht gedeckten Holztischen sitzen und Suppe aus Plastikgeschirr essen. Die Ehrengäste – darunter die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten, Daniela Schadt , sowie die polnische Präsidentengattin Anna Komorowska – nahmen an zwei gedeckten Tafeln Platz. Sie bekamen Porzellangeschirr und wurden von Kellnern bedient. Die meisten Überlebenden hatten Essensmarken erhalten. Weiter erklärten sie, dass es zwischenzeitlich kein koscheres Essen gegeben habe. Ein jüdischer Ehrenamtlicher – er trug eine Kippa – sei abgewiesen worden, als er die Leiterin der Gedenkstätte darauf hinweisen wollte, dass die Essenssituation beschämend sei. Diese teilte auf Anfrage mit, sie sei zu aggressiv angegangen worden.

(Wie kommt der Jude denn auch dazu, nach 1945 wieder Forderungen zu stellen?)

Berichte in taz und auf SPON:

http://www.taz.de/!158806/

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kz-ravensbrueck-kritik-an-organisatoren-der-gedenkfeier-a-1030583.html

– Ende der Mail –

Gestern hat sich auch DIE ZEIT dieses Vorfalles angenommen:

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-04/ravensbrueck-holocaust-gedenken

Empfehlung vom R@iner

 Desinformation – Ein Lehrstück über die erwünschte Geschichte

Das Dokudrama des NDR “Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod” wurde weltweit ausgezeichnet. Es erzählt die tragische Liebesgeschichte von Romeo und Julia des 20. Jahrhunderts: Romeo ist Klaus Eichmann, Sohn des Nazi-Kriegsverbrechers, den der Mossad 1960 aus Argentinien entführt haben will, und Julia ist Silvia, Tochter von Lothar Hermann, einem Überlebenden der Shoá. Das Dokudrama sei Desinformation, protestiert Hermanns Grossnichte, ein Stück aus der Geheimdienstküche, eine Lügengeschichte des Mossad.
Der Film beschreibt, wie der NDR alle Warnungen ignorierte – er strahlt sein Machwerk bis heute aus. Die Autorin beschreibt, wie im Falle Eichmanns Historiker erst vom Mossad und dann untereinander abgeschrieben haben. Es ist ja die perfekte „erwünschte Geschichte“, nach der sich der Deutsche sehnt: nur neun Jahre nach Kriegsende himmeln ihn die jüdischen Mädchen wieder an. Und auch an die angebliche Entführung Eichmanns mag man gerne glauben: Dank einer mutigen Operation wurde ein Verbrecher der Gerechtigkeit zugeführt. Pech nur, dass diese Geschichte nicht wahr ist.

Quelle: Gaby Weber via YouTube

dazu schreibt uns (den Nachdenkseiten; kb) Gaby Weber:

Ich bitte dich um drei Dinge:

– den Film anzugucken

– den Film, also den Link, an alle möglichen Leute zu verbreiten. Der NDR wird alles unternehmen, ihn totzuschweigen.

– mir beim Spendensammeln zu helfen. Ich habe den Film – 93 Minuten in drei Sprachen – ohne Finanzierung hergestellt und habe Schulden. Das geht über Paypal:

gaby.weber@gmx.net

 

Bemäntelungen

Ein gar treffliches Zitat, beigesteuert von Sledgehammer

“Im viktorianischen Zeitalter durfte in Gegenwart einer jungen Dame nicht die Hose erwähnt werden. Heutzutage ist es unfein, bestimmte Dinge in Gegenwart der öffentlichen Meinung zu äußern: Der Kapitalismus schmückt sich mit dem Künstlernamen ‘Marktwirtschaft'; der Imperalismus heißt ‘Globalisierung'; die Opfer des Imperalismus nennt man ‘Entwicklungsländer’, was so ist, als ob man Zwerge Kinder nennt; der Opportunismus heißt ‘Realismus'; die Armen nennt man ‘Bedürftige’ oder ‘Minderbemittelte’ auch ‘wirtschaftlich schwach gestellte Personen'; der Ausschluss armer Kinder aus dem Bildungssystem wird ‘Schulflucht’ genannt; das Recht der Arbeitgeber, die Arbeiter ohne Entschädigung auf die Strasse zu setzen, heißt ‘Flexibilisierung des Arbeitsmarktes'; die offizielle Sprache anerkennt die Rechte der Frauen als ‘Minderheitenrechte'; anstelle von Militärdiktatur wird ‘Prozess’ gesagt; die Folter nennt man ‘illegale Pressionen’ oder auch ‘physische oder psychologische Druckausübung'; und wenn Diebe aus guter Familie stammen, sind sie keine Diebe sondern allenfalls ‘Kleptomanen’.

Auszug aus “Die Füße nach oben” von Eduardo Galeano

Verfickt ungeschickt.

Die Schizophrenie des Handelsblattes

Während des momentanen Bahnstreiks wird bekannt, dass die Bahnvorstände sich ihre Prämien von zirka 3,5 Millionen auf zirka 7 Millionen erhöhen. Normalerweise würde man das in der jetzigen Situation als ungeschickt beziehungsweise als taktisch unklug bezeichnen. Doch das ist es nicht für Herrenmenschen. Sie benehmen sich in jeder Situation wie der letzte moralische Dreck: Mit 7 Millionen auf dem Konto glänzt man trotzdem überall.

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/trotz-schlechtem-jahr-bahn-vorstaende-verdoppeln-ihre-erfolgspraemien/11524652.html

Unter dem kurzen Artikel, der im Stile einer neutralen Nachricht daherkommt, findet sich folgender Link zu einem Artikel, der schon in der Überschrift eine moralische Bewertung enthält:

Achtung: Man muss eine kleine Weile warten, dann kommt ein gefilmter Kommentar, vorher erst noch Video-Werbung.

Die Nahles und der Armutsbericht

Was machen Politiker_innen, um sich eines ungeliebten Problems zu entledigen? Sie ändern die Definitionskriterien und machen somit das Problem diskursiv unsichtbar. Genau das scheint die Idee von Bundessozialministerin Andrea Nahles zu sein, mit der sie die Armutsdebatte angeblich ‚versachlichen‘ will.

Mehr hier:

http://www.fr-online.de/gastbeitraege/gastbeitrag–armut-wird-wegdefiniert,29976308,30467680.html

Schöne, neue Welt

Ich habe den folgenden Aufsatz aus folgendem Grund von den Nachdenkseiten übernommen.  Im “Vorwort” von Wolfgang Lieb heißt es:

>>Durch Sendungen wie “Newtopia” wird subtil neoliberale Ideologie als normal und richtig vermittelt<<.

Ich erinnere mich an eine Vorabendserie, die in einer Bergregion spielte. Es handelte sich um eine Art Heimatfilm, eine Geschichte mit einem Doktor.

Ein Junge übt das Reiten, und als plötzlich ein Hubschrauber über ihm auftaucht, scheut das Pferd und wirft den Jungen ab. Der Junge bricht sich das Bein, dieses wird eingegipst. Als der Junge sagt, er bräuchte wohl jetzt nicht zur Schule zu gehen, sagt ihm einer der Erwachsenen, das komme gar nicht in Frage, denn es sei jetzt modern, dass man trotz Krankheit weiterhin zur Arbeit gehe. Keiner bliebe heutzutage mehr wegen einer Erkrankung zu Hause.

Dies ist viele Jahre her, aber da wurde mir klar, dass neoliberale Ideologie nicht nur in Talkshows oder Kommentaren, sondern auch schon in “Spielfilmen”, respektive Serien verbreitet wird.

Hier die Übernahme von den Nachdenkseiten. Die Überschrift könnte von Walter Benjamin stammen, der einst in seinen geschichtsphilosophischen Thesen sagte:

Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe.

20. April 2015 um 9:53 Uhr

“Newtopia” auf Sat.1: Die neoliberale Normalität ist der Skandal

Verantwortlich: Wolfgang Lieb
Die Sat.1-Sendung “Newtopia” will neue Maßstäbe setzen: Fünfzehn Menschen zusammengeworfen, (fast) im Nirgendwo, ohne Regeln, ohne Hierarchien. Die Zuschauer sollen das Entstehen geradezu einer “neuen Gesellschaft” beobachten können. Ein Eingreifen von außen werde es nicht geben. Vor etwa einer Woche aber wurde durch ein peinliches Versehen bekannt, dass die Produktionsfirma und der Sender dieses Versprechen nicht einhalten. Viele Zuschauer und Medien sprechen von einem Skandal – von “Faketopia”. Der eigentliche Skandal aber ist ein anderer: Durch Sendungen wie “Newtopia” wird subtil neoliberale Ideologie als normal und richtig vermittelt, wie Patrick Schreiner[*] im Folgenden beschreibt.

Eine Gruppe von 15 verschiedenen Menschen, alle mit unterschiedlichen Vorstellungen von der idealen Gesellschaft, lassen ihr jetziges Leben hinter sich. Ein Jahr lang bauen diese mutigen Pioniere eine völlig neue Existenz auf, an einem Ort, an dem es noch keine Regeln, keine Gesetze und keine Machtverhältnisse gibt.

Was Sat.1 auf der Webseite zur Sendung mit den voranstehenden, schwülstigen Worten beschreibt, ist im Grunde recht simpel: 15 Kandidatinnen und Kandidaten, als “Pioniere” bezeichnet, wurden im Februar in eine einsame brandenburgische Scheune verfrachtet. Sie bleiben dort ein Jahr (wenn das “Experiment” nicht vorher abgebrochen werden sollte). Sie dürfen zwar zeitlich beschränkt Besuch empfangen, das Gelände aber nicht verlassen. Als “Startkapital” bekommen sie neben 5000 Euro etwas Ackerland, einen See mit Fischen, zwei Kühe sowie 15 Hühner. Außerdem verfügen sie über ein Handy mit einem einmaligen Startkapital von 25 Euro. Die “Pioniere” sollen fortan ihr Auskommen selbst erwirtschaften. Dabei werden sie von einer Vielzahl Kameras beobachtet. Die Bilder werden sowohl ins Internet übertragen als auch in Form einer regelmäßigen Zusammenfassung auf Sat.1 ausgestrahlt.

Nachdem die Sendung am 23. Februar unter halbwegs regem Publikumsinteresse gestartet war, gingen die Einschaltquoten seither rasch und stetig bergab. Dies dürfte wohl der Grund dafür gewesen sein, dass die Produktionsfirma Talpa Germany gegenüber vier “Pionieren” in einem abgeschirmten Technikraum mehr Spannung einforderte und Vorschläge für das weitere Vorgehen der Gruppe machte. Diese sollten unter anderem ihre Kühe verkaufen und mit dem dadurch erlösten Geld ein Restaurant eröffnen. Ob es weitere solcher Einflussnahmen seitens der Produktionsfirma gab, ist unklar, Anlässe für einen solchen Verdacht gibt es aber durchaus (etwa wiederholte Unterbrechungen des Internet-Livestreams).

Dieser Bruch des werbewirksamen Versprechens, ein Eingreifen von außen würde es nicht geben, blieb nicht unentdeckt: Die anderen “Pioniere” hatten das Gespräch im Technikraum belauscht. Sie fühlten sich übergangen und zeigten sich äußerst aufgebracht. Dies bewog wiederum die “Executive Producerin” der Produktionsfirma dazu, in offenbar angetrunkenem Zustand mit einem Kasten Bier das Set aufzusuchen, um die “Pioniere” zu beruhigen. Diese Geschehnisse in der Nacht vom 12. auf den 13. April wurden öffentlich bekannt, weil man vergessen hatte, die Kameras abzuschalten.

Das redaktionelle Eingreifen von außen wurde anschließend weder von der Produktionsfirma noch von Sat.1 bestritten, man entschuldigte sich lediglich für den eigenmächtigen nächtlichen Auftritt der angetrunkenen Mitarbeiterin – und beurlaubte diese. Es ist Stefan Niggemeier sicherlich Recht zu geben, wenn er in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über diesen Vorgang schreibt:

Schön blöd, wer dem Reality-Fernsehen seine Wirklichkeitsbeteuerungen glaubt.

Tatsächlich ist das redaktionelle Eingreifen von außen als Reaktion auf nachlassendes Publikumsinteresse nicht wirklich verwunderlich. Dies gilt auch für die zurückgehenden Einschaltquoten selbst – denn anders, als Sat.1 seine Zuschauer glauben machen möchte, ist das Konzept der Sendung keineswegs neu und keineswegs innovativ. Schon mindestens seit “Big Brother” (also seit dem Jahr 2000) ist es im deutschen Fernsehen gang und gäbe, eine gewisse Anzahl Menschen an einen festen Ort zu verfrachten und rund um die Uhr mit Kameras zu überwachen. Und auch Castingshows wie “Deutschland sucht den Superstar” oder Reality-TV-Sendungen wie “Ich bin ein Star – holt mich hier raus”, “Frauentausch” und “The biggest loser” basieren darauf, dass Menschen über längere Zeiträume beobachtet und gefilmt werden.

Das Problem solcher Sendungen: Das allermeiste von dem, was sie zeigen, ist schlicht gähnend langweilig. Es ist für das Publikum einfach nicht spannend, den Menschen beim Herumdösen, beim Bejammern ihrer immer gleichen Probleme, beim Essen oder beim Erzählen der immer gleichen schlechten Witze zuzusehen. Die Sender greifen deshalb auf verschiedenste Mittel zurück, um dem Ganzen Pepp zu geben: Sie erteilen Handlungsanweisungen von außen, wie dies nun jüngst bei “Newtopia” bekannt wurde. Sie schüren Konflikte zwischen den beteiligten Kandidaten. Sie wählen als Kandidaten eine gewisse Anzahl “schräger Typen” aus. Sie schaffen künstliche Konkurrenzen und Knappheiten (etwa bei Big Brother: “Challenges und Matches”). Sie setzen gezielt Persönlichkeiten (wie Dieter Bohlen) ein, die für deftige Beleidigungen immer gut sind. Sie quälen die Kandidaten körperlich und psychisch (und tarnen dies oft als “Lernprozess”). Sie provozieren sexuelle Gespräche oder – besser – Handlungen. Sie stellen Kandidaten aufgrund tatsächlicher oder angeblicher Defizite bloß. Und: Die Geschichte solcher Sendungen ist immer auch die Geschichte von Regeländerungen, durch die die genannten Mechanismen ausgeweitet und beständig angepasst werden.

Sieht man sich das Konzept von “Newtopia” an, so wird klar: Auch dort sind eine Reihe solcher Mittel eingebaut, die Spannung schaffen sollen. Der wohl wichtigste Mechanismus ist der regemäßige Austausch einzelner “Pioniere”, der nach derzeitigem Stand monatlich erfolgt:

Auf der Webseite der Sendung werden drei Bewerber um die zukünftige Teilnahme an “Newtopia” vorgestellt. Die Zuschauer wählen zwei davon aus.
Jeder der 15 Kandidaten verteilt drei Stimmen nach eigenem Ermessen auf die anderen Kandidaten, die Zuschauer vergeben als “16. Pionier” ebenfalls drei Stimmen. Die drei Kandidaten, die die meisten Stimmen erhalten, sind “nominiert”. Ihnen droht, durch einen der beiden neuen Bewerber ersetzt zu werden.
Die zwei neuen Bewerber leben für vier Tage in der “Newtopia”-Scheune.
Danach bestimmen die Kandidaten, welcher der zwei neuen Bewerber in der Sendung bleiben darf.
Dieser neue Kandidat wiederum wählt unter den drei “nominierten” alten Kandidaten denjenigen aus, der “Newtopia” verlassen muss.
Dies ist das aktuelle Verfahren, wobei zukünftige Änderungen nicht unwahrscheinlich sind. Insbesondere, wenn das Zuschauerinteresse niedrig bleibt, dürften die Produktionsfirma und Sat.1 auch an der Stellschraube “Austausch von Pionieren” drehen. Eines aber wird mit Sicherheit bestehen bleiben: Die grundsätzliche Möglichkeit, Kandidaten rauszuwerfen. Denn nur durch sie kann die Sendung überhaupt so etwas wie Spannung und Veränderung bekommen.

Indem nämlich jeder “Pionier” befürchten muss, beim nächsten Austausch aus der Sendung gewählt zu werden, entsteht persönliche Unsicherheit. Man muss sich ständig bewähren und “Leistung” zeigen (was auch immer “Leistung” in einer solchen Situation sein soll). Zwischen den Kandidaten entsteht damit zugleich Konkurrenz: Sie alle sind gezwungen, stets “besser” bzw. beliebter als mindestens einer der anderen zu sein. In den Worten von Sat.1:

Jeder Einzelne muss daher bis zum Ende sein Bestes geben, um sich seinen Platz zu sichern.

“Sein Bestes geben” kann dabei vieles bedeuten: Die Gunst der Zuschauer erhält ein Kandidat möglicherweise durch gute Witze oder gruppenfreundliches Verhalten, vielleicht aber auch durch Provokationen und heiße Sex-Szenen. Die Gunst einer ausreichenden Zahl seiner “Mit-Pioniere” erhält man möglicherweise durch Initiative und aktives Handeln, vielleicht aber auch durch Opportunismus und Intrigen. Wie auch immer: Die “Pioniere” sind gezwungen, Strategien zu entwickeln, um sich von anderen zu unterscheiden und sich gegen andere durchzusetzen.

Von den Kandidaten wird damit letztlich der für neoliberale Gesellschaften typische Dreischritt “angemessenen” individuellen Verhaltens erwartet: Sie sollen sich erstens permanent selbst thematisieren, also ihre eigene Situation, die eigenen Stärken und Schwächen sowie die an sie gerichteten Anforderungen durchdenken. Sie sollen sich zweitens permanent selbst optimieren, also dieser Situation und diesen Anforderungen bestmöglich gerecht werden, die eigenen Schwächen ausmerzen und Stärken ausbauen. Und sie sollen sich drittens schließlich permanent selbst darstellen, also dafür sorgen, dass andere (Kandidaten und Zuschauer) von alldem auch etwas mitbekommen.

Die Kandidaten leben und zeigen diesen Dreischritt nicht nur in der Sendung, sondern ihnen ist auch schon vor Drehbeginn klar, was von ihnen erwartet wird. Auch aus dieser Perspektive ist “Newtopia” also schlicht eine Fortsetzung oder Kopie des Lebens in einer neoliberalen Gesellschaft. Dies zeigt sich etwa an den Steckbriefen, die Sat.1 zu jedem einzelnen “Pionier” auf der Homepage zur Sendung veröffentlicht. Einige Beispiele:

Gleich mehrfach bekunden Kandidaten, dass Regeln (auch) dazu da seien, gebrochen zu werden – wohl wissend, dass der neoliberale Kapitalismus geradezu verlangt, eigenständig und kreativ alte Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen. Entsprechend verkündet eine weitere Kandidatin, dass sie hoffe, mit Ihrer Kreativität “punkten zu können”.
An Selbstbewusstsein mangelt es den Kandidaten nicht. Einer verkündet: “Ich bin ein Finanzgenie.” Ein anderer: „Ich bin das Atomkraftwerk, das alles am Laufen hält.“ Ein weiterer: “Ich bin ein Sexobjekt, ohne es zu wollen.” Und ein Vierter: “Ich bin meine eigene Droge und süchtig nach mir!!” Das “ideale” neoliberale Individuum ist ein selbstbewusstes Individuum.
Ein Kandidat bekundet seinen Glauben an die unbegrenzten Möglichkeiten in “Newtopia” – was nicht zufällig an den Glauben an die angeblich unbegrenzten Möglichkeiten jedes Menschen im Kapitalismus erinnert: “Es gibt ‘nur’ zwei Dinge, die mir fehlen werden: mein soziales Umfeld und meine Freiheit zu reisen, wann und wohin ich möchte. Alles andere können wir in Newtopia selbst erschaffen!” (Was zugegebenermaßen nicht überrascht, hält der Kandidat doch den Kapitalismus explizit für die ideale Gesellschaftsform.)
In ähnlicher Weise verkündet eine Kandidatin: “Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!” Und eine andere will vermitteln, dass alles möglich sei, “wenn man an sich glaubt und authentisch bleibt.”
Die Biografien mehrerer Kandidaten werden als Biografien von Menschen erzählt, die Hindernisse überwunden und Krisen gemeistert haben. Hier werden Menschen vorgestellt, die aus eigener Kraft wieder nach oben gekommen seien. Es werden “ideale” neoliberale Vorbilder konstruiert. Welche Rolle die solidarische Unterstützung durch Dritte in diesen Biografien gespielt hat, welchen Anteil sozialstaatliche Leistungen dabei hatten – man erfährt es nicht (zwar wird Hartz IV bisweilen erwähnt, aber lediglich als Symbol und Synonym für “ganz unten”).
Von Solidarität hält vermutlich auch jener Kandidat wenig, der ein Friedrich-Nietzsche-Zitat als sein Lebensmotto nennt: “Wir leben in einem System, in dem man entweder Rad sein muss oder unter die Räder gerät.” Ähnlich auch ein weiterer Kandidat: “Lebe dein Leben und scheiß drauf, was die anderen sagen!”
Sendungen wie “Newtopia” führen dem Publikum neoliberale Denkmuster und Verhaltensweisen als normal und angemessen vor. Es sind Denkmuster und Verhaltensweisen, die im Zeitalter des Neoliberalismus von jedem und jeder erwartet werden: Bewähre dich, thematisiere dich, optimiere dich und zeige dies den anderen. Sei von dir überzeugt, diszipliniere dich, nimm die Herausforderungen des Marktes an. Das menschliche Leben wird im Neoliberalismus genauso wie in “Newtopia” zu einer Abfolge von Handlungen, die dem Erhalt und der Verbesserung des eigenen sozialen Status dienen sollen. Die menschliche Biografie wird zu einer Art unternehmerischem Projekt. Und wer bei alldem versagt, gilt als selbst schuld – hätte er sich doch einfach intensiver thematisieren, radikaler optimieren und besser darstellen sollen.

“Newtopia” bildet damit eine Art Mikrokosmos neoliberaler Gesellschaften. Die “Pioniere” können nicht anders als genau so handeln wie oben beschrieben. Damit trifft einmal mehr nicht zu, was Sat.1 behauptet: Weder zeigt “Newtopia” zu irgendeinem Zeitpunkt eine Gesellschaft ohne Regeln, noch sind die Kandidaten in ihrem Handeln frei und unabhängig. Auch können sie in ihrem Miteinander keine eigenständige Moral entwickeln. Selbst, wenn es tatsächlich kein Eingreifen durch die Produktionsfirma gäbe, wären die “Pioniere” nicht autonom.

Dass die Kandidaten ihren Lebensunterhalt sichern müssen, indem sie Waren oder Dienstleistungen produzieren und am kapitalistischen Markt verkaufen, vervollständigt dieses Bild. Sie führen damit nicht nur ein unternehmerisches Leben, sondern sind faktisch selbst Unternehmer. Diese Einbindung in die herrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse zeigt einmal mehr, dass “Newtopia” mit einer Robinsonade rein gar nichts zu tun hat. Erzählt wird stattdessen einmal mehr das altbekannte Märchen vom Erfolg, der jenen winke, die ihn wirklich wollen – und das Märchen vom Aufstieg aus dem Nichts, das der eigenen Anstrengung zu verdanken sei.

“Newtopia” ist bei Weitem nicht die einzige Sendung, die in der beschriebenen oder einer ähnlichen Weise neoliberale Ideologie vermittelt. Ganz im Gegenteil ist insbesondere das Privatfernsehen geradezu übervoll von solchen “Unterhaltungsangeboten”. Doch sollte der aktuelle “Skandal” um die Sendung vielleicht ein guter Anlass sein, sich diesen Umstand einmal mehr bewusst zu machen. Und vielleicht wäre er auch ein guter Anlass, über die Sinnhaftigkeit von Privatfernsehen grundsätzlich nachzudenken. Denn sicher ist: Man kann sich persönlich und individuell diesen Sendungen entziehen, indem man sie schlicht nicht einschaltet. Das Problem ihrer gefährlichen gesellschaftspolitischen Wirksamkeit aber beseitigt man damit nicht.

[«*] Der Autor hat jüngst ein Buch über die subtile Vermittlung neoliberaler Ideologie im alltäglichen Leben veröffentlicht und sich darin unter anderem mit Stars, Sport, Konsum, Ratgeberliteratur und einschlägigen TV-Sendungen befasst: Patrick Schreiner, “Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus“, erschienen im PapyRossa-Verlag.

 

Endlich mal LITERATUR auf den Nachdenkseiten

Der Jazz trieb uns den Marschtritt aus dem Leib – Krieg und Nachkrieg im Werk von Dieter Wellershoff

Verantwortlich:

Anlässlich des 70. Jahrestages des Zweiten Weltkriegsendes, der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft am 8. Mai 2015 werden wir wieder viele Beispiele einer salbungsvollen, abgehobenen Erinnerungsrhetorik erleben, wie sie bereits anlässlich des Gedenkens an das Entfachen des Ersten Weltkrieges und des Kriegsbeginns am 1. September 1939 zu vernehmen waren; gerade von denen, die heute geschichtsvergessen von einer neuen Verantwortung Deutschlands in der Welt fabulieren und dabei auch militärische Optionen nicht ausschließen. Es mutet seltsam an, mit welcher Selbstverständlichkeit in der Öffentlichkeit schon wieder Kriegsszenarien durchgespielt und damit die Errungenschaften der Entspannungspolitik mit dem Osten desavouiert werden.
In dieser Situation kann es hilfreich sein, die deutsche Nachkriegsliteratur noch einmal in Erinnerung zu rufen, spiegelt sie doch wie kein anderes Medium das nationale Debakel und die desaströse geistig-moralische Befindlichkeit der Bevölkerung in der „Stunde Null“ wider. Trümmer- und Kahlschlagsliteratur hat sie sich selbst genannt, womit sie zugleich auf die zerstörten deutschen Städte reflektierte wie auf das Erfordernis, mit literarischen Traditionen zu brechen und aus dem Nichts etwas Neues zu schaffen. Der Schriftsteller Dieter Wellershoff (Jahrgang 1925) hat als junger Mann diesen Krieg erlebt und überlebt, und es brauchte eine längere Zeit, bis er seine Erlebnisse verarbeiten konnte. Er war nicht einer der ersten, der darüber schrieb – dafür war er 1945 auch zu jung; aber kaum ein anderer unter den deutschen Literaten hat dann so viel für die Aufarbeitung dieser Erfahrungen und für die Aufklärung über das nationalsozialistische Regime geleistet wie er. Von Petra Frerichs

Dieter Wellershoff zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg; gleichwohl reiht er sich selbst nicht in die „Nachkriegsliteratur“ ein, wofür er folgende Erklärung abgibt:

Als ich … zu schreiben begann, war die Kriegsliteratur von älteren Autoren – Böll, Bender, Richter, Andersch und Plivier – … bereits geschrieben, und es war nicht mehr möglich, noch ein eigenes Kriegsbuch nachzureichen, obwohl die Erfahrungen meiner Altersgenossen, also der Jahrgänge, die im Nazireich aufgewachsen waren und mit 17 bis 19 Jahren in dessen militärischen Zusammenbruch gerieten, ganz eigene Aspekte haben. Doch im Fahrplan der Nachkriegsliteraturgeschichte war der Zug abgefahren, als meine Generation auf den Bahnsteig kam. So blieb uns nichts anderes übrig, als die Erfahrungen in sich aufzuheben und vielleicht sogar zu vergessen. („Der Flug der Taube“, Werkausgabe [WA] 3, 655)

Sein „Kriegsbuch“ wird Wellershoff erst fünfzig Jahre nach Kriegsende schreiben: „Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges“ erscheint 1985. Doch bereits seit Ende der 1970er Jahre meldete er sich immer wieder zu Wort, wenn es um diesen Krieg ging und die bitteren Lehren, die er aus ihm gezogen hatte. In den Autobiographischen Schriften (WA 3) ist der große, mehrteilige Essay mit dem Titel „Die Arbeit des Lebens“ enthalten, der allein zwei Abhandlungen über seine Kriegs- und Nachkriegserfahrungen aufbewahrt: „Deutschland – ein Schwebezustand“ (1978/79) liest sich wie ein politisches und zeitgeschichtliches Vermächtnis, das er den nachfolgenden Generationen hinterlässt; bezeichnenderweise hat er diese Schrift seinen drei Kindern gewidmet. Und in „Wohnungen, Umgebungen“ setzt sich Wellershoff auch mit der deutschen Nachkriegsliteratur, insbesondere Wolfgang Borchert, auseinander: wie er sie 1947 wahrnahm und schon bald sich davon distanzierte. Im Rahmen von Vorträgen, Gesprächen und Essays aus aktuellem Anlass (wie etwa zu den runden Jahrestagen des Kriegsendes oder auch zu der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, für die dem Kurator Hannes Heer vom Hamburger Institut für Sozialforschung die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen wurde und Wellershoff die Laudatio hielt) zeigt sich Wellershoff immer wieder als ein profunder Zeitzeuge und Chronist, dessen Erfahrungen, Einschätzungen und Urteilskraft nachgefragt werden. [1] Damit hat Wellershoff eine Sonderstellung unter den deutschen Schriftstellern der Nachkriegsepoche inne: Kaum ein anderer hat sich diesem Thema so lange und durchgängig gewidmet wie er. Und kaum ein anderer hat das Miterlebt-Haben des Krieges zum Ausgangspunkt der politisch-historischen Analyse und Reflexion gemacht.

Wellershoff hatte nichts zu verschweigen oder zu verdrängen – wie etwa der vor wenigen Tagen verstorbene Günter Grass, der erst nach Jahrzehnten seine Mitgliedschaft in der Waffen SS eingeräumt hatte; auch dazu hat Wellershoff Stellung genommen. Seine Kritik an Grass kulminiert in der Aussage, dessen Hauptproblem sei weniger „das Verschwiegene“ als „das dauernde Verschweigen selbst“, und insofern sei der „Fall Grass“ durchaus ein Exempel für die „Energie der Verdrängung und ihre verborgene Motivation“ (WA 3, 515f.; s.a. „Bildbereinigung“, WA 8, 909ff.).
Wellershoffs relativ spätes Schreiben über seine Kriegserfahrungen hatte mit seinem jungen Lebensalter in den ersten Nachkriegsjahren, also seiner Generationszugehörigkeit, wie auch damit zu tun, dass es in einem „zweiten Anlauf“ des Schreibens über den Krieg eines öffentlichen Interesses bedurfte, um wahrgenommen zu werden.

Aus dem Gespräch mit Stephen Lebert und Norbert Thomma (2003) erfährt man noch einen anderen interessanten Aspekt über das späte Schreiben, der eher ästhetische Fragen berührt:

Sie haben Ihre Erinnerungen an den Krieg erst nach 50 Jahren aufgeschrieben. Wollten Sie nicht früher, konnten Sie nicht?
„Beides. Ich bin aber froh, daß ich gleich nach dem Krieg nicht in der Lage war, ein Buch über den Krieg zu schreiben.“

Warum?
„Weil damals ein starker Konformitätsdruck herrschte. Man mußte moralisierend schreiben. Mit gestellten, moralisierungsfähigen, exemplarischen Situationen. Als ich 50 Jahre nach dem Krieg mein Buch ‚Der Ernstfall‘ schrieb, konnte ich ein phänomenologisches Buch schreiben, ohne inszenierte Situationen, ohne Retuschen.“ (855)

Es mussten bei Dieter Wellershoff also mehrere Faktoren zusammenkommen, um über seine Kriegserfahrungen und -erinnerungen zu schreiben: Die Existenzweise als freier Schriftsteller, die er erst relativ spät realisieren konnte; der persönliche Schreibimpuls [2] und die Gelegenheit, d.h. das Schreiben „mit Aussicht auf Veröffentlichung“ vor dem Hintergrund öffentlichen Interesses. Aus der Distanz zu schreiben brachte dann aber auch den Vorteil mit sich, die Form, in der er seine Erinnerungen festhalten wollte, frei wählen zu können. [3]

Wellershoffs kritisches Verhältnis zur Nachkriegsliteratur lässt sich in der Werkausgabe am Beispiel von Wolfgang Borcherts Stück „Draußen vor der Tür“ hinreichend nachvollziehen. So berichtet er von einem „Erweckungserlebnis“, als er zusammen mit Kommilitonen des Bautrupps (die zerstörte Universität in Bonn musste erst wieder aufgebaut werden) am 13. Februar 1947 – für ihn das „Initiationsdatum der deutschen Nachkriegsliteratur“ – im Rundfunk dieses Stück hörte.

Das Stück … sprach auf eine bisher ungehörte, leidenschaftliche Weise von den Verheerungen des Krieges, von der Verlorenheit der Überlebenden und von heimatloser Heimkehr. Es stellte den Alptraum eines Heimkehrers dar, der seinen Erinnerungen nicht entkommt und überall vor verschlossenen Türen steht, und der zum Schluß, als er erwacht, die ins Leere verhallende Frage schreit, wozu er denn leben soll?

Ich weiß noch, was ich empfunden habe: Es war eine Mischung aus erstauntem, befreitem Aufhorchen und leiser Beschämung. Dies war der erste Vertreter der Kriegsgeneration, der unüberhörbar von seiner Erfahrung sprach, und das machte mir auf einmal deutlich, daß, verglichen mit dieser Stimme, alle anderen, auch ich, sprachlos dahinlebten. Jahrelang hatten wir auf den Ausdruck unserer Erfahrung verzichtet. Aus dieser Gewohnheit war schon eine Lähmung geworden. Man konnte die Stummheit vielleicht als praktische Lebensbewältigung zu rechtfertigen versuchen, aber sie war auch blind und angepaßt. Borchert rüttelte mich daraus auf. Nicht so sehr durch das, was er sagte. Das glaubte ich nur oberflächlich. In Wahrheit entsprach die todessüchtige Verzweiflung der Heimkehrerfigur … nicht meinem eigenen Lebensgefühl. Doch der Impuls, mit dem Borchert sprach, elektrisierte mich. Ich wollte auch wieder schreiben.“ („Die Arbeit des Lebens“, WA 3, 195f.)

Borcherts Stück und die Lektüre seiner Kurzgeschichten motivierten den jungen Wellershoff zunächst zum Nacheifern. Doch nach eigenen Schreibversuchen hatte er erkannt, dass es das Falsche war. Mein Vorbild erschien mir auf einmal als sentimentale Erbauungsliteratur am Rand des Kitsches. („Der Flug der Taube“, WA 3, 647) Und in einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstages spricht Wellershoff von Pathetisierung im Hinblick auf Borchert und generell das moralisierende Schreiben in der Nachkriegsliteratur, von der er sich kritisch absetzte. Nicht aber, ohne für die „durchgehende Schwäche“ der Nachkriegsliteratur eine objektivierende Erklärung zu haben; so heißt es im Essay „Erinnerungsarbeit“, wo Wellershoff sich u.a. mit Maxim Billers Aufsatz „Unschuld mit Grünspan“ auseinandersetzt:

Alle diese Romane, Erzählungen und Stücke wurden geschrieben innerhalb eines von der historischen Situation vorgegebenen Distanzierungsprogramms, das unter dem Eindruck der Kriegsverbrechen und der Verheerungen des Krieges entstanden war und als ein kollektiver Konsens die Themen und Perspektiven der nun entstehenden Nachkriegsliteratur bestimmte. (WA 8, 766)

Diesem Distanzierungsprozess war es Wellershoff zufolge geschuldet, dass übertriebenes Pathos und angestrengtes, didaktisch wirkendes Bemühen der Autoren, ihre Erfahrungen ins Exemplarische und Symbolhafte zu überhöhen (ebd., 767), in die Texte einfloss, die Biller als verfälschende Literarisierungen des Krieges, sentimentale Verlogenheit und Verzerrung der Wahrheit kritisiert.

Was Wellershoff in den frühen Bonner Studienjahren hingegen interessierte und anzog, war etwas völlig anderes, und das brachte ihn auch gleich in einen Gegensatz zu weiten Teilen der Nachkriegsliteraten: Heidegger und Sartre, die mit ihren philosophischen Kerngedanken die existentielle Lage vieler Kriegsheimkehrer beschrieben hatten, indem sie das eigene Seinkönnen vor dem Hintergrund des Nichts, der Zufälligkeit und des Todes thematisieren; Freuds Psychoanalyse, die ihm eine neue Sicht des Lebens und des Menschen erschließt; Sartres Roman „Der Ekel“ lenkt den Blick auf krisenhafte Prozesse oder Momente chaotischer Orientierungsverluste als Gegenstand literarischer Verarbeitung; Hamsun, Faulkner, Claude Simon oder der Nouveau Roman aus Frankreich bilden die Grundlage für eigene ästhetische Entwürfe.

Erfahrungserweiterungen und Innovationen waren für mich immer Ereignisse von Krisen, in denen die Denkgewohnheiten erschüttert oder zerstört wurden, und die Darstellung solcher Vorgänge waren in meinen Augen die Höhepunkte der Literatur.

Vorlieben wie diese bescherten Wellershoff immer wieder kontroverse Diskussionen mit Vertretern der literarischen und literaturwissenschaftlichen Profession (u.a. mit Max Bense), die ihn dazu veranlassten, seine Positionen auszuarbeiten und zu schärfen. Die daraus entstandenen Essays über Literatur und das Schreiben bezeichnet er als seinen persönlichen Anteil an einem allgemeinen Dilemma der deutschen Nachkriegsliteratur, die … nicht mehr auf unbefragten Traditionen und Selbstverständlichkeiten ruhte, sondern ständig unter Legitimationszwängen litt. (WA 3, 647ff.)

Wiederholt bezeichnet Wellershoff die Bonner Jahre als seine „Stunde Null“, sehr wohl wissend, dass es sie historisch nicht gegeben hatte. Doch hinsichtlich der Bildungsvoraussetzungen, mit denen ich im Frühjahr 1947 zu studieren begann, muß ich diesen Begriff für mich in Anspruch nehmen. (ebd.) Während gemeinhin die „Stunde Null“ als Synonym für den Neubeginn steht, aber untrennbar auch für den Schlußstrich, das Vergessenwollen, das Verdrängen und die Leugnung von (Mit-) Schuld, also eine Formel für tabula rasa, so keinesfalls bei Wellershoff. Wenn er von der „Stunde Null“ spricht, dann bezeichnet er eine motivierende, befreiende Ausgangssituation, in der man nichts Wesentliches mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen hatte (WA 8, 501). Erlebt und aus der Distanz reflektiert hat er die frühen Jahre als Befreiung von Ohnmacht und Fremdbestimmung, und er sieht es als

bleibendes existentielles Privileg an, den totalen Zusammenbruch eines Machtstaates und eines kollektiven Wahns hautnah … erlebt zu haben. Eine Befreiung, die die Erinnerung an eine einzigartige Menschenvernichtungsindustrie mit ihrer vielfältig verästelten Volksgemeinschaft aufbewahrt, abgestuft in die Planer und Befehlsgeber, die ausführenden Täter und Mittäter, die Nutznießer, die schweigenden Mitwisser und die unzähligen Verdränger, die das eine oder andere gehört und gesehen hatten und sich gehütet haben, Fragen zu stellen (ebd. 491).

Die massenpsychologische Situation dieser Zeit beschreibt Wellershoff als eine diffuse, in der sich Ressentiment und Unbelehrbarkeit mischten mit dem Gefühl von Lähmung; dumpfer Fatalismus gesellte sich zum Wunsch, alles hinter sich zu lassen und sich schnell zu arrangieren. Der Wiederaufbau ging einher mit Verdrängung, und die traditionellen Pathosbegriffe wie Heimat, Gemeinschaft oder Vaterland wurden tabuisiert. Das sogenannte Wirtschaftswunder wurde erlebt als Belohnung für Fleiß und demokratisches Wohlverhalten, wie ein erworbenes Recht auf Wohlstand – sinnfällig im neuen Massenritual der jährlichen Auslandsreise. (ebd. 510f.)

Wenn Wellershoff über die Stunde Null als seine zweite Geburt im studentisch-intellektuellen Milieu seiner Bonner Jahre reflektiert, bringt er immer wieder die Existenzphilosophie als das passende Gedankengebäude für diese historische Situation ins Spiel. Denn sie nimmt das Nichts zum Ausgangspunkt, und dieses Nichts war erfahrbar in den ersten Nachkriegsjahren. Auch ihr Freiheitsbegriff entsprach dieser Situation, wenn es emphatisch hieß, daß der Mensch dank seiner Freiheit sich seine eigene Notwendigkeit erschaffen müsse. Nach der Fremdbestimmung durch den totalitären Staat und das Militär wurden kritisches Denken und ein selbstbestimmtes Leben die für mich maßgebenden Werte. (WA 8, 1035f.)

Man war nicht geborgen in einer vernünftigen, wohlgeordneten Welt, nicht bei den allgemeinen Ideen, nicht im behaglichen bürgerlichen Besitz, sondern in der Freiheit, die aus der Berührung mit dem Tod entsprang. Das war die passende Philosophie für die Stunde Null, wie das Kriegsende von vielen genannt wurde. Obwohl es eine Stunde Null in der Geschichte niemals geben kann. Aber das wußte man nicht. Man wollte einen Anfang haben, ganz blank und noch unbeschrieben von neuen Täuschungen. Der Existentialismus war eine heroisierende, individualistische Variante eines Nullpunkt-Denkens und ein intellektuelles Nachgruseln nach dem kollektiven Totentanz.

Und Wellershoff fährt mit der Beschreibung des neuen Lebensgefühls fort, das aus der Fülle des kulturellen Angebots zu schöpfen begann:

Keineswegs war die Stimmung depressiv, sondern trotz Hunger und Armut getragen von aufgestauter, nun endlich befreiter Lebenslust. Man konnte schlafen gehen ohne Angst und konnte sagen, was man dachte, und so konnte man auch zu denken beginnen. Es war eine Zeit täglicher Entdeckungen. Wir hatten in einem geistigen Vacuum, einer kulturellen Sperrzone gelebt, deren streng bewachte Grenzen endlich gefallen waren. Nun kam auf einmal alles auf uns zu: die moderne Literatur, die Kunst, die Philosophie, der internationale Film, das Theater und vor allem, als eine vitale Stimulierung, die uns eine neue Art äußerer und innerer Bewegung lehrte, der Jazz. Es war eine neue Zivilisation mit neuen Umgangsformen und Lebensreizen.

Die Bedeutung des Jazz, der begeistert aufgenommen wurde, weil er am besten unsere Freude ausdrückte, daß der Krieg vorbei war und wir lebten, hatte auch eine motorische wie mentale Dimension: diese Musik trieb uns den Marschtritt aus dem Leib.

Wellershoff zählt sich zur skeptischen Generation, deren geistige Ausrichtung er wie folgt beschreibt:

‚Ohne mich‘ lautete die Formel der Überlebenden, die damals in Deutschland die Uniform auszogen, um nie wieder eine anzuziehen, auch keine innere Uniform mehr, keine kollektiv verordnete Weltanschauung, keine Ideologie. Man hat sie später die ‚skeptische Generation‘ genannt. Dennoch haben viele dieser Skeptiker noch einen letzten nationalen Traum gehegt: die Hoffnung auf ein neutralisiertes Deutschland, das – offen für die Welt – sich auf seine besten kulturellen Traditionen besinnen würde; auf seine Musik, seine Philosophie, seine Dichtung, auf all das, was für sie das wahre Deutschland bedeutete, das in den Jahren der Barbarei sein Gesicht verloren hatte und nun im Windschatten der Geschichte durch freiwilligen Machtverzicht wiedererstehen sollte als ein Land der Humanität, des Friedens, der sublimen Innerlichkeit, in dem das alte bürgerliche Kulturideal der ‚Schönen Seele‘ nun endlich kollektiv erblühen konnte.
Stattdessen brach der Kalte Krieg zwischen den Siegermächten aus. Restdeutschland wurde geteilt und je nach Einflußbereich politisch, militärisch, wirtschaftlich und ideologisch in die gegnerischen Machtblöcke integriert, und zwar hier wie dort mit besonderen Beweis- und Gehorsamspflichten, sozusagen als künftige Musterprovinzen der feindlichen Großreiche. (alle letzten Zitate aus: „Die Arbeit des Lebens“, WA 3, 102ff.)

Aber auch aus dieser Ernüchterung heraus bewahrt Wellershoff die Erinnerung an das politische Bewusstsein der kritischen Intellektuellen aus jenen Jahren auf, nämlich Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, von denen eine auf ein neutrales Deutschland abzielte. Wie gezeigt, hatte sich dieser Gedanke durch die Blockbildung faktisch zerschlagen. Welche Erfahrungen allerdings für immer prägend sein werden, hat der Autor bei verschiedenen Gelegenheiten hervorgehoben: Die Erfahrung des Krieges ist ein determinierender Hintergrund seines Lebens geblieben; sein (Über-) Leben begreift er als Zufall und Geschenk; die Auseinandersetzung mit Informationen, Dokumenten, mit der Wahrheit des Grauens der NS-Herrschaft sieht er als persönliche Verpflichtung an; den Krieg der Alliierten als hoch gerechtfertigt; die Verbrechen in den Vernichtungslagern als historisch singulär; die Niederlage selbst hat Erkenntnischancen geboten, auch die für die falsche Sache gekämpft, die eigene Täuschbarkeit erfahren zu haben und einem Irrtum erlegen zu sein, was ihn immunisiert hat gegen jegliche Ideologie und alles Kollektive; die Ablehnung von Anpassung zugunsten des ausgehaltenen Widerspruchs und der entwickelten Differenz als Wertorientierung im Rahmen einer demokratisch und rechtsstaatlich verfassten Gesellschaft, zu der auch der Mut zur Wahrheit, zu abweichender Meinung, Kritik, Entschlossenheit, Entscheidungsfähigkeit, Selbstbestimmung gehören; und schließlich darf Wellershoff zufolge die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht zur Erinnerungsrhetorik verkommen.

Wie man dieser entgeht, zeigt abschließend ein längeres Zitat, in welchem Wellershoff auf eindrückliche wie eindeutige Weise zur Frage der Schuld Stellung nimmt:

Zum Massentrauma der völligen Niederlage kam bald danach das Entsetzen und die Beschämung über die Leichengruben der Vernichtungslager. Nun gab es keinen Einspruch mehr gegen die Annullierung der Nation, kein Recht mehr, auf das man sich noch berufen konnte. Alle, fast alle Deutschen hatten auf Seite der Mörder gekämpft, und so hatte sich die ganze Nation mit unerträglicher Schuld beladen. Nur wenn sie sich auflöste in 70 Millionen Individuen, konnten die meisten wohl nachweisen, daß sie nicht unmittelbar an den Verbrechen beteiligt waren. Alle Deutschen waren schuldig. Aber was hieß das schon, Deutscher zu sein? Man war Herr Müller oder Schulze, ein kleiner Mitläufer vielleicht, ein einfacher Soldat, möglicherweise verwundet, Invalide, vertrieben oder ausgebombt, also auch ein Opfer.
Das war ein billiger Ausweg aus der Verstrickung in die Gesamtschuld. … Konnte man … die Verantwortung all dieser vielen ohnmächtigen Einzelnen hinaufaddieren bis zum großen schuldigen Kollektivsubjekt Nation? Die Nation war eine unanschauliche, unerlebbare Abstraktion geworden. Man sah sie nicht mehr, sie trat nicht mehr in Erscheinung, weder durch Symbole noch durch Repräsentanten, weder bei festlichen Gelegenheiten noch bei der Sinngebungsarbeit von Artikelschreibern und Rednern. Die starren Gestalten auf der Anklagebank des Nürnberger Prozesses, die als graues Gruppenbild durch die Zeitungen gingen, waren schon ferngerückt, entmachtete, puppenhaft abgelebte Akteure eines Films, der glücklicherweise nicht mehr gespielt wurde und an den man sich mit Schrecken erinnerte, um sich sogleich entschieden der Gegenwart zuzuwenden. Die Gegenwart, die für alle Deutschen mit der Not begann, irgendwo ein paar Kartoffeln und ein paar Briketts zu erwischen und das undichte Dach zu flicken, doch eben auch mit dem Glück dieses begrenzten, bloß praktischen Lebens, an dem man zukünftig, unverführbar durch Ideen und Parolen, festzuhalten gedachte. Mit diesem Rückzug ins Private begann die gegenwärtige Geschichte. („Deutschland – ein Schwebezustand“ 1978/79, in: WA 3, 96f.)

Neben der inhaltlichen Klarheit und Gedankenschärfe des kritischen Intellektuellen aus der skeptischen Generation, stellt dieser Text auch eine rhetorisch-stilistische Meisterleistung dar. Von Dieter Wellershoff kann man auch 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs und der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft lernen, dass und wie man sich an diese Tragödie deutscher Geschichte erinnern sollte.


[«1]Titel wie „Die Besiegten. Kriegsende und Nachkriegszeit in Deutschland. Zum 50 Jahrestag der deutschen Kapitulation“ (1995); „Das Kainsmal des Krieges. Laudation für Hannes Heer“ (1997); „Erinnerungsarbeit. Im Vorfeld der Geschichtsschreibung“ (1998); „Die Kriegserfahrung. Gespräch mit Stephen Lebert und Norbert Thomma“ (2003); „Was war, was ist. Erinnerungen an den 2. Weltkrieg. Vortrag bei der Jahresversammlung der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ (2005); „DieNachkriegszeit – Anpassung oder Lernprozeß“ (2006); „Die Stunde Null als Zweite Geburt. Eine mentalitätsgeschichtliche Anmerkung zu Hans-Ulrich Wehlers >Deutsche Gesellschaftsgeschichte< (2008); „Der Zweite Weltkrieg als persönliche Erfahrung. Rückblicke und Antworten auf Fragen von Natalija Wasiljewa“ (2011); und schließlich „Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges“ (1995), Wellershoffs umfassende Studie, angelegt als persönlicher Erlebnisbericht und zugleich als kriegsgeschichtliches wie militärstrategisches Sachbuch (alle Titel sind in WA 8 enthalten) sowie die 3 CDs umfassende Audio-Kassette „Schau dir das an, das ist der Krieg. Dieter Wellershoff erzählt sein Leben als Soldat“ (2010), bezeugen dieses kontinuierliche Engagement des Autors in Sachen Kriegserfahrung bis ins hohe Alter (so wurde er auch anlässlich der Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Unsere Mütter, unsere Väter“ als Zeitzeuge im Rahmen eines Interviews 2013 für die FAZ.net befragt).

[«2]Diesen Impuls verspürte er nach einem Kuraufenthalt 1994 in Bad Reichenhall, genau dem Ort, wo er 50 Jahre zuvor als Soldat eine schwere Verwundung auskuriert hatte.

[«3]Bezeichnenderweise hat Wellershoff seine Kriegserfahrungen nicht literarisiert, sondern dies in Form von Essays, autobiographischen Schriften, Vorträgen, Erlebnisberichten und Sachbuch-Abhandlungen getan. Seine frühen Hörspiele aus den 1950er Jahren – für das Hörspiel „Minotaurus“ hatte er den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ erhalten – haben andere Sujets als die üblichen Nachkriegsthemen wie Heimkehrer, Hunger und Wohnungsnot. Sein Interesse an Hörspielen ist eher formaler Natur; er sieht in ihnen ein literarisches Probier- und Experimentierfeld.

 

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