Nekrophile Mordlust, getarnt als Gnade

klausbaum:

altautonomer kommentiert:

Jochen Hoff von duckhome argumentiert, anders, als der Lindwurm, dass das Verbot der Sterbehilfe kapitalistische Vorteile habe und deshalb angeblich kein Interesse an der Legalisierung der Sterbehilfe bestünde:

“Die Leute an den Maschinen sind ja bares Geld für die Ärzteschaft und die Klinikbetreiber. Genauso die chronisch Kranken, die Schmerzpatienten und vor allem die Krebspatienten. Sichere Einnahmquellen, die man bis zu letzten Sekunde ausbeuten will. Wirtschaftlich völlig verständlich. Außerdem steht dahinter noch eine ganze Pharma- und Zubehörindustrie mit vielen Arbeitsplätzen.”

Es sind aber nicht die Individuen (“Leute”), die ausgebeutet werden, sondern die Kostenträger GKV und PKV, Pflege- und Rentenversicherungen, die wiederum duch die erwerebstätigen und selbständigen “Leistungsträger” finanziert werden. Daher bedarf es der gesellschaflichen Akzeptanz, eines Konsenses dieser zahlenden Mitglieder, wenn zur Stabilisierung der Beiträge und Prämien die Budgets der Kostenträger möglichst stabil bleiben und nicht durch “rausgeworfenes Geld” explodieren.

Ursprünglich veröffentlicht auf Der Lindwurm:

Ich bin ein Gegner der Euthanasie, der euphemistisch “Sterbehilfe” genannten Ermordung kranker Menschen, und ich habe schon mehr als einmal deutlich argumentiert, warum ich das bin. Mit so einer Haltung steht man rasch alleine da in einer Gesellschaft, in der es bis weit hinein in linke, liberale und grüne Zusammenhänge als schick und progressiv gilt, für ein “selbstbestimmtes Sterben” einzutreten, als wäre der Tod bloß eine weitere Entscheidung unter vielen, so wie die zwischen Apple und PC oder Dachgeschosswohnung in Citylage und Einfamilienhaus am Land. Befürworterinnen des legalisierten Mordens beteuern natürlich stets, sie hätten allein die reine Gnade und Liebe für Menschen, die an unerträglichen Schmerzen leiden, im Sinn, nie böse ökonomische Hintergedanken. Und man brauche bloß ganz doll strenge Regelungen treffen, damit kein Missbrauch geschähe. So wie in den Niederlanden, dem Utopia der Ahnderlvergifter. Ganz streng sei dort das legale Umbringen geregelt, hörte man. Dann ließen die Niederländer…

Original ansehen noch 561 Wörter

adorno über hegel

das folgende, ein vortrag von adorno zum 125. todestags hegels, zitiere ich deshalb herbei, weil adorno zu beginn deutlich macht, dass wir, nur weil z. b. philosophen jahrhunderte vor uns lebten, dass wir nicht so tun sollten, als wären wir ihnen überlegen. im genteil, das ganze der gesellschaft ist weit hinter dem, was einst gedacht wurde, zurück.

Götz Eisenbergs Rezension von …

Übernahme von

Der amerikanische Autor Dave Eggers hat einen Roman über ein fiktives, weltweit operierendes IT-Unternehmen namens Circle geschrieben, das wie eine Verschmelzung von Facebook, Apple, Google, Amazon und Twitter anmutet. Götz Eisenberg hat das Buch gelesen.

Ich möchte den Leserinnen und Lesern der Nachdenkseiten ein Buch zur Lektüre empfehlen, das ich gerade mit einer Mischung aus Faszination und Schaudern gelesen habe. Die Rede ist vom neuen Roman von Dave Eggers, welcher Der Circle heißt und dieser Tage im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Er vermittelt uns tiefe Einblicke in die Mechanismen der Kontrollgesellschaft und eine digitale Zukunft, die in den USA – und nicht nur dort – bereichsweise schon Gegenwart sind. Im Zentrum des Romans steht ein weltbeherrschendes IT-Unternehmen, das wie aus Google, Amazon, Facebook und Twitter zusammengesetzt scheint. Circle hat einen Anteil von 90 Prozent am Suchmaschinenmarkt, 88 Prozent am Freemail-Markt, 92 Prozent am SMS-Markt. Wer hier Einlass findet – und Mae Holland, die Hauptfigur des Romans – erlebt das als Erfüllung ihrer kühnsten Träume und wie die Erhebung in den digitalen Adelsstand -, betritt eine Transparenz-Hölle mit der Pflicht zu ständiger guter Laune und Gesundheit. Das Smiley und das Service-Lächeln beherrschen die Kommunikation mit den Kunden und den Umgang untereinander. Alle sind permanent „gut drauf“, wer es nicht ist, erregt Verdacht. Die Mitarbeiter der von Eggers erfundenen Firma Circle tragen samt und sonders Armbänder, die permanent Daten über den Körper erheben und an eine Gesundheitszentrale senden, die sie auswertet. Ein in den Körper aufgenommener Sensor sammelt Daten über Herzfrequenz, Blutdruck, Cholesterin, Wärmefluktuation, Kalorienverbrauch, Kalorienaufnahme, Schlafdauer, Schlafqualität, Verdauungseffizienz und so weiter. In der Firma läuft ein Entwicklungsprojekt, das mit Hochdruck daran arbeitet, das Mäandern der Träume zu begradigen und den Schlaf dem Prinzip der Nützlichkeit und Effizienz zu unterstellen. Wir sollen nachts nicht länger wunsch- und lustbetont umherschweifen, sondern weiter an Problemlösungen arbeiten. Alle vierzehn Tage werden alle Mitarbeiter in die firmeneigene Klinik zum Check einbestellt. Die „Work-Life-Balance“ eines jeden wird ständig kontrolliert. Es soll auf diesem Weg zu ernsten Krankheiten gar nicht erst kommen. Die Rundum-Überwachung der Welt und die universelle Sichtbarkeit und Transparenz sollen die Kriminalität und den Kindesmissbrauch zum Verschwinden bringen. Kinder werden serienmäßig mit Chips ausgestattet, die ihre ständige Ortung und Überwachung ermöglichen. Die ganze Welt wird mit winzigen Kameras verwanzt. Von überall aus kann man sehen, was auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking los ist, ob beim Lieblings-Italiener Platz ist oder das Fitnesscenter überfüllt ist. Mae, die Heldin des Romans, wird gelegentlich vor irgendwelche Kontrollgremien geladen und muss sich rechtfertigen, warum sie an irgendwelchen Events nicht teilgenommen und sich der Circle-Gemeinschaft entzogen hat, die wie eine religiöse Sekte organisiert ist. Arbeit und Leben bilden eine Einheit, die Circler arbeiten, essen, feiern gemeinsam, sie suchen firmeneigene Fitnesscenter auf und kaufen in Läden ein, die zu Circle gehören. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nächtigen in einem Wohnheim, dass sich auf dem „Campus“ befindet.

„Alles sehen. Immer“, „Alles, was passiert, muss bekannt sein“, lauten zwei der Firmen-Maximen. Alle sind von zig Bildschirmen umgeben, jeder überwacht jeden, jeder ist sein eigenes Panoptikum, und alle erleben diese Überwachung als intimste ihrer Leidenschaften. Die Mitglieder von Circle konkurrieren in einem ständigen Ranking miteinander und erleben ihren Aufstieg von Platz 4798 auf 3879 der Firmenhierarchie als größtes Glück. Alle sind „fokussiert“ und „organisiert“ und voll bei der Circle-Sache, die sie zu ihrer eigenen gemacht haben. Auf einer großen Firmen-Versammlung erklärt sich die Kongressabgeordnete Olivia Santos bereit, als erste Politikerin ab sofort eine ständig laufende Kamera an ihrem Körper zu tragen, die jede ihrer Besprechungen, jede ihrer Bewegungen, jedes Wort von ihr der Öffentlichkeit zugänglich macht. Nur so lasse sich das Ziel vollständiger Transparenz in der Politik verwirklichen. Wer sich unter diesen Bedingungen nicht mir ihr treffen wolle, könne sich eben nicht mit ihr treffen. Santos löst durch ihr Pilotprojekt eine wahre Transparenz-Stampede unter Politikern aus. Wer es ablehnt, sich mit einer Circle-Kamera ausstatten zu lassen, gilt als jemand, der Transparenz scheut: „Wenn du nicht transparent bist, was hast du zu verbergen?“

Irgendwann wird Mae Holland ausgewählt, selbst eine dieser Minikameras zu tragen und das Ideal der Transparenz für alle Circle-User vorzuleben. Vor einem begeistert akklamierenden Publikum verkündet sie die Circle-Leitsätze: „Geheimnisse sind Lügen“ und „Alles Private ist Diebstahl“. Mae glaubt an das, was sie da verkündet. Zwischen ihr und dem Programm der Unternehmensführung, die Eggers die „drei Wiesen“ nennt, gibt es eine vollständige Übereinstimmung. „Geheimnisse führen zu antisozialem, unmoralischem und destruktivem Verhalten.“

Als Mae ihre Eltern besucht, trifft sie dort ihren ehemaligen Freund Mercer an, der in ihrem Heimatort geblieben ist und weiter Kronleuchter herstellt und verkauft und das Auslaufmodell der Realökonomie und des analogen Menschen verkörpert. „Wenn die Kunden sie ordern, stelle ich sie her und werde dafür bezahlt. Wenn ein Kunde anschließend etwas zu sagen hat, kann er mich anrufen oder mir schreiben. Ich meine, das ganze Zeug, mit dem du zu tun hast, das ist alles Klatsch und Tratsch.“ Mae hatte in ihrem Heimatort bei den Strom- und Gaswerken gearbeitet, ein Job, der ihr inzwischen wie der Inbegriff provinzieller Mittelmäßigkeit vorkommt und dessen sie sich schämt. Mercer spürt, dass Mae in eine andere Welt eingetaucht ist und sich ihm entfremdet hat. Durch seinen Mund artikuliert sich die alte Welt, wo Menschen richtige Dinge herstellten und in leiblicher Anwesenheit miteinander sprachen. „Kein Mensch braucht diese Menge an Kontakt, die ihr ermöglicht. Das verbessert nichts. Es ist nicht gesund. Es ist wie Junkfood.“

Eggers schreibt engagierte Literatur. In seinem im Jahr 2008 auf Deutsch erschienenen Roman Weit gegangen schildert er die Odysse des Valentino Achak Deng, der mit sieben Jahren aus seiner Heimat Sudan flieht und über Äthiopien und Kenia schließlich in den USA landet, wo Eggers ihn kennenlernt und ihm zuhört. In dem Roman Zeitoun erzählt Eggers die Geschichte des aus Syrien stammenden Abdulrahman Zeitoun, der nach dem Hurrikan Katrina ohne eigenes Zutun und vollkommen unschuldig ins Visier der amerikanischen Terror-Fahnder gerät und Mühe hat, sich ihrem Zugriff wieder zu entziehen. Im Roman Ein Hologramm für den König erzählt Eggers die Geschichte von Alan Clay, der im Auftrag eines großen amerikanischen Telekommunikations-Unternehmens mit einem Team von Mitarbeitern in die Wüste Saudi-Arabiens entsandt worden ist, um eine von König Abdullah geplante Retortenstadt mit einem IT-System auszustatten und schließlich von chinesischen Billiganbietern ausgebootet wird. In all diesen Büchern bewegt sich Eggers dicht an der gesellschaftlichen Realität der Gegenwart. Er will aufklären, uns die Augen öffnen und etwas bewirken. Ob das, was dabei herauskommt, große Kunst ist, ist dabei zweitrangig. Es gibt sicher Schriftsteller, die eleganter formulieren. Eggers pfeift auf die Gebärde, die man Stil nennt. Es geht ihm in erster Linie um die Inhalte, nicht um die Schönheit und den Wohlklang der Sätze. Jörg Häntzschel hat in der Süddeutschen Zeitung moniert, Eggers schildere die Zukunft mit den erzählerischen Mitteln der Vergangenheit. Woher sollen wir die Maßstäbe unseres Urteilsvermögens und der Kritik beziehen, wenn nicht aus der Erfahrung der Differenz und Ungleichzeitigkeit? Nur der, der erinnert, dass es einmal anders war, kann sich eine Zukunft vorstellen, die mehr ist als die Verlängerung unserer trostlosen Gegenwart. Alles wird gegenwärtig von der marktwirtschaftlichen Furie des Verschwindens ergriffen. Was einem bleibt, ist, sich zum Chronist des Verschwindens und der Zerstörung zu machen, oder man spitzt die Tendenzen der Gegenwart bis zur Kenntlichkeit zu, in der Hoffnung, dass diese Beschreibung Nachdenken und Widerstand auslöst. Wer in der digitalen Welt aufgewachsen ist, wer schon als Dreijähriger irgendwelche Kinder-Apps auf seinem Tablet-Computer hatte und mit den Fingern auf dem Smartphone herumgewischt hat, wird sich irgendwann über nichts mehr wundern und diese Welt für die einzig mögliche halten. Die Differenz ist getilgt, die Ungleichzeitigkeit ist der Gleichzeitigkeit gewichen, die keinen Dissens mehr aufkommen und jede Kritik verstummen lässt. Wir werden uns also ranhalten müssen, denn viel Zeit wird uns nicht bleiben. In ein paar Jahren, schreibt Imre Kertész in seinem Buch Ich – ein anderer, „wird sich alles, alles ändern – die Menschen, die Häuser, die Straßen; die Erinnerungen werden eingemauert, die Wunden zugebaut sein, der moderne Mensch mit seiner berüchtigten Flexibilität wird alles vergessen haben, wird den trüben Bodensatz seiner Vergangenheit wegfiltern, als wär’s Kaffeesatz.“

Dave Eggers, Der Circle, Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN: 978-3-462-04675-5
Erschienen am: 14.08.2014 bei Kiepenheuer & Witsch
560 Seiten, gebunden, Preis: 22,99 €

Mit Grüßen nach Great Britain

“These Mr Know-alls are sometimes encountered, even rather frequently, at a certain level of society. They know everything; all the restless curiosity of their mind and faculties is irrepressibly aimed in one direction, because of the absence of any more important opinions or interests in life, as a contemporary thinker would say. However, this ‘knowing everything’ refers to a rather narrow area: where such-and-such a person works, who his friends are, how much he is worth, where he was governor, who he is married to, how much his wife’s dowry was, who his cousin is, and his second cousin, etcetera, etcetera, and all that kind of thing. For the most part these know-alls have worn elbows and earn a salary of seventeen roubles a month. The people of whom they know all the details could never, of course, imagine the interests that guide them, and yet many of these know-alls derive positive consolation from this knowledge, which is equivalent to a whole science, finding self-respect and even the loftiest spiritual fulfilment in it. And it is a seductive science, too. I have seen scholars, men of letters, poets, political activists, seeking and achieving their highest ambitions and goals in this science, even making it the sole foundation of their careers.”

— Fyodor Dostoyevsky, The Idiot

Benjamin Korn im Interview

Vorbemerkung von kb:

Ich habe eine Zuschrift, eine Anmerkung für diesen Blog erhalten, in dem der Begriff des Gutmenschen in einem herabsetzenden Sinne verwendet wird. Wer das tut, sollte zunächst den Artikel über Humanitätsduselei im Worterbuch des Unmenschen nachlesen. Wie mir scheint, liegen beide Begriffe, liegt die Art der Verwendung sehr nah beieinander. Putin- oder allgemeiner Xy-versteher gehört auch in diese Reihe, nicht wegen Putin, sondern weil mit diesem Begeriff das Verstehen diskriminiert wird.

Zum anderen sollte er zuvörderst den Essay von Benjamin Korn über Manäichismus lesen und verstehen. Ich hatte den Begriff auf diesen Blog bereits mehrfach vorgestellt, unter anderem hier:

http://klausbaum.wordpress.com/2011/01/19/benjamin-korn-die-guten-sind-wir-die-bosen-sind-die-anderen/

Der so genannte Gutmensch, also dieser Begriff, wird in der Regel so verwendet, dass der Kritiker des guten Menschen sich in einer überlegenen Position fühlt, er kritisiert von oben herab, gibt sich als Desillusionierten zu erkennen, als den Realitätsgerechten, dem zufolge all jene, die das Gute wollen, Naivlinge und Schwachköpfe sind.

Sowohl der in seiner Überlegenheit sich badende Kritiker guter Absichten, als auch der, der das Gute will, sollte bei all seinem Tun die folgende Überlegung von Paulus verinnerlicht haben (Römer 7,15ff.): >>Wozu ich es in meinem Handeln bringe, weiß ich selbst nicht. Denn ich tue nicht, was ich eigentlich tun will; sondern was ich hasse, das tue ich. …… In mir….. wohnt nichts Gutes. Wohl steht mir das Wollen zu Gebote, nicht aber das Gute im Tun zu verwirklichen. Denn nicht was ich will, tue ich, das Gute; sondern was ich nicht will, das Böse, das betreibe ich. Indem ich aber eben das tue, was ich nicht will, bin ich nicht mehr selbst der Handelnde, sondern die Sünde, die in mir wohnt.<<

Der alte Adam dominiert unsere heutige Welt noch immer. Korn formuliert es so:

>>Ich war ja selbst Idealist, habe – als ich in der Studentenbewegung war – selbst geglaubt, daß man die Welt verändern könne. Das ist eine absolute Schnapsidee. Das seelische Kostüm der Menschen ist über Jahrtausende gleich geblieben, und alle Versuche, es zu verändern, haben ja nur zu Katastrophen geführt, zu einer wachsenden Brutalisierung dieser Menschen, die man versucht hatte zu erziehen.<<

>>Der Wahrheit auf die Spur kommen

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Regisseur Benjamin Korn

Matthias Schubert: Ihr erster großer Essay in der „ZEIT“ erschien im Jahr 1988; ein Text über die Fassbinder-Affäre, der für Sie sicher sehr zentral ist. Sie probierten am Frankfurter Schauspiel den „Don Juan“ und gerieten mehr oder weniger versehentlich in die Kontroverse um die Aufführung von „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Sie schildern eindrucksvoll den Moment, in dem Sie am Abend der geplanten Premiere auf einem Monitor unter den Demonstranten im Theater Ihre Mutter erkannten. Könnten Sie etwas über die Entstehung des Textes sagen?

Benjamin Korn: Als ich den Essay mit dem zeitlichen Abstand von drei Jahren schrieb, wußte ich nicht, daß dies der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Essays werden würde. Ich hatte zu-nächst nur das Bedürfnis, mir diese Affäre, deren Zeuge ich geworden war, vom Herzen zu schreiben. In ihr konzentrierten sich viele der Probleme, die mir seit der Kindheit in Deutschland begegnet waren. Es war eine einzigartige Verknotung meiner künstlerischen, sozialen und familiären Biographie. Der Aufsatz ist ein Versuch, diesen Knoten im nachhinein zu entwirren. Er war aber auch der kathartische Versuch, mir das eigene Verhalten während der Affäre, das ich nachträglich für falsch hielt, von der Seele zu schreiben. Ich hätte damals nicht nur als Zeuge dabei sein dürfen, ich hätte eingreifen müssen.

Matthias Schubert: Eingreifen in welcher Weise? Sie schreiben in dem Essay sinngemäß: „Ich hätte die Wahrheit sagen können, ich habe mich nicht getraut“. Was wäre die Wahrheit gewesen?

Benjamin Korn: Ich war an dem Abend der Aufführung, die durch die Bühnenbesetzung nicht zustande kam, der einzige, der wußte, wie die verschiedenen Parteien empfanden, und der vielleicht die Kluft zwischen ihnen hätte überbrücken können. Ich war in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt aufgewachsen, wußte, was sich aktuell in ihr abspielte; ich inszenierte selbst an dem Theater und kannte die Schwierigkeiten der Fassbinder-Produktion. Ich hätte womöglich allen, die versammelt waren, erklären können, worum es eigentlich geht. Ich hätte diesen manichäistischen Starrkrampf lösen können – es war für mich eine verpaßte Chance.

Matthias Schubert: Ihr Essay zeigt indessen auch, daß einem in einer solchen Situation nicht alle Worte und Gedanken zur Verfügung stehen. Daß die Zurückhaltung vielleicht nicht nur aus Feigheit resultierte…

Benjamin Korn: Das ist wohl wahr, ich glaube daß ein Mensch in einer solchen Situation sehr viel Mut braucht, weil es ja nicht allein um den Mut geht, etwas zu sagen. Es hängen noch ganz andere Dinge daran. Man ist zum Beispiel an einem Theater engagiert… Es war ein Stück sozialer Feigheit dabei, ein Stück Vertragserfüllung. Eine Schwäche, die ich in meinen Aufsätzen anderen vorwerfe: Ich hätte jene Courage aufbringen müssen, die ich sonst einfordere. Doch war ich der Situation nicht gewachsen. Wenn sich eine solche Situation nochmals ergeben sollte, hoffe ich, andere reagieren zu können.

Matthias Schubert: Der Essay endet mit einem Absatz, in dem Sie davon sprechen, daß die Grenze zwischen Gut und Böse in jedem einzelnen und nicht zwischen Völkern verlaufe. Das ist die Perspektive, aus der heraus Sie moralische Konflikte zu beschreiben, auch zu lösen versuchen.

Benjamin Korn: Eine Frage, die mich schon immer beschäftigt, ist die, warum Menschen am meisten auf das stolz sind, wofür sie am wenigsten können. Auf das Land, in dem sie geboren sind, auf die Religion, die ihnen vermittelt wurde, auf die Hautfarbe, mit der sie auf die Welt kamen. Auf all die Dinge, die durch den Zufall der Geburt gegeben sind. Für mich ist das rassistische Vorurteil eine Deformation der Menschennatur, eine Schwäche seines Verstandes. Das Ende meines Aufsatzes signalisiert, daß für mich jeder nur als Individuum gilt. In meinem Essay über Celine habe ich geschrieben, daß ich es für unmöglich halte, ein Urteil über eine Nation, eine Gruppe, eine Familie zu fällen. Man kann Urteile – und auch das nur mit Vorbehalt – immer nur über einzelne Menschen treffen. Mit Vorbehalt deswegen, weil man sich selbst in der Regel zu positiv beurteilt gegenüber dem anderen.

Matthias Schubert: In der Tat spielen Individuen in Ihren Texten die Hauptrolle, doch gibt es auch Beobachtungen, die das Kollektive betreffen. Von Deutschland etwa sagen Sie, es sei ohne „Maß und Mitte“. Ein Thema, das Sie nicht losläßt.

Benjamin Korn: Der Satz bezieht sich auf das deutsche Volk, hat aber historische Gründe. Es steckt nicht in der Natur der Deutschen. Ohne Maß und Mitte: das ist das Drama der Deutschen, niemals fünfzig Jahre hintereinander die gleichen Grenzen gehabt zu haben – wie es etwa in Frankreich seit Ludwig XIV. der Fall ist. Deutschland ist ein zellartiges Gebilde, das aus Zellteilungen und Zellzusammenschlüssen besteht; selbst die Form, die es jüngst angenommen hat, hatte es vorher nie gehabt. Das schlägt sich nieder in der seelischen Landschaft der Bewohner. Was eine Nation ausmacht, färbt auf die Individuen ab.

Matthias Schubert: Sie haben auch von der fehlenden Distanz der Deutschen sich selbst gegenüber geschrieben, was Sie von Frankreich aus vermutlich noch viel genauer sehen.

Benjamin Korn: Der Mangel an Maß und Mitte kommt auch in einer anderen Hinsicht zum Tragen. Der zweite Weltkrieg und der Genozid sind Geschehnisse, die ein Volk so schnell nicht „verdauen“ kann. Das begreifliche Schuldbewußtsein in Deutschland mußte wohl das Ausmaß haben, das die Katastrophe hatte. Aber dieses Schuldgefühl hat mit der Zeit wiederum den Blick verstellt. Bei den Verbrechen handelte es sich nicht um eine Erbsünde, eine Schuld von Natur aus. Schuld sind nur diejenigen, die die Verbrechen begangen haben; schließlich wird vor Gericht auch nicht der Sohn eines Mörders beschuldigt, sondern allein der Mörder selbst. Diese völlige Verwischung der Begriffe hat zu einem gefährlichen Syndrom in Deutschland geführt, nämlich dem, daß sich die Kinder der Mörder für ihre Väter schuldig fühlen und die Kinder der Opfer für ihre Eltern unschuldig. So wurde der Krieg in die zweite und dritte Generation psy-chisch weitergetragen, obwohl in der Realität dafür kein Anlaß besteht.

Matthias Schubert: Sehen Sie Anhaltspunkte, daß es möglich wird, sich jenseits der vererbten Täter- und Opferrollen zu begegnen. In Ihrem jüngsten, noch unveröffentlichten Essay, in dem Sie auch auf die Diskussionen um das Holocaust-Denkmal in Berlin eingehen, klingt da Skepsis an.

Benjamin Korn: Ich habe das Gefühl, daß, sooft Juden und Deutsche miteinander sprechen, immer nur gelogen wird – sehr gute Freunde vielleicht ausgenommen. Die Leute legen das, was wirklich in ihnen vorgeht, nicht auf den Tisch. Das Tabu ist von einer derart vernichtenden Kraft, daß es zu einer Aufrichtigkeit nicht kommt. Über dem Tisch wird gelächelt, unter dem Tisch getreten. In der Diskussion über das Denkmal in Berlin überwiegen Höflichkeit und Verlogenheit. Solange es keine offene Diskussion gibt, kann es auch keine Lösung geben. Deshalb war ich seinerzeit ja auch für die Aufführung des Fassbinder-Stücks. Man kann der Wahrheit nicht durch Verbote auf die Spur kommen. Statt über das Stück und seine Inhalte zu reden, hat man es unterdrückt. Und diese Unterdrückung, die übrigens seit zehn Jahren andauert, tut dem Dialog zwischen Juden und Deutschen überhaupt nicht gut. Das Verbot was das Schlimmste, was man tun konnte.

Matthias Schubert: Ein anderes wiederkehrendes Thema in Ihren Essays, betrifft das Verhältnis von Talent und Charakter. Goethe hat in ihren Augen in Deutschland die Weichen dafür gestellt, daß Kunst und Moral auseinanderfallen konnten. Sie zeigen das im 20. Jahrhundert an exponierten Beispielen: Celine, Jünger, Benn.

Benjamin Korn: Es hat mich stets zutiefst erschüttert, wenn ich las, ein Lieblingsdichter von mir habe zum Mord aufgerufen, einer faschistischen Partei angehört, sich einer nationalistischen Bewegung angeschlossen. Ich ging in idealistischer Weise davon aus, daß ein Mensch, der Kunst macht, eine Vorstellung von einer Welt haben müsse, die besser ist als diejenige, auf der wir leben. Mir wollte nicht in den Kopf, daß ein solcher Mensch parallel zu seiner Kunst zu den schlimmsten Verbrechen fähig sein könnte. Das ging bei Gottfried Benn los, setze sich bei Pirandello, diesem großartigen italienischen Theaterautor, fort. Mein Essay über Celine ist – zusammen mit dem Text „Bald Schwein, bald Schmetterling“ – so etwas wie die Quintessenz dieser Erfahrungen.

Matthias Schubert: Sie sprechen selbst von einer idealistischen Position. Zudem greifen Sie mit Ihren Aufsätzen relativ spät in eine Diskussion ein, die ja eigentlich das ganze Jahrhundert berührt, die Irrtümer dieser Schriftsteller sind unter verschiedensten Gesichtspunkten thematisiert worden.

Benjamin Korn: Vielleicht schwingt da auch eine Selbstkritik mit. Ich war ja selbst Idealist, habe – als ich in der Studentenbewegung war – selbst geglaubt, daß man die Welt verändern könne. Das ist eine absolute Schnapsidee. Das seelische Kostüm der Menschen ist über Jahrtausende gleich geblieben, und alle Versuche, es zu verändern, haben ja nur zu Katastrophen geführt, zu einer wachsenden Brutalisierung dieser Menschen, die man versucht hatte zu erziehen. Ich habe eine Wendung gemacht. Zwar glaube ich nach wie vor, daß die Welt ungerecht organisiert ist, nur glaube ich nicht mehr, daß sich dies ändern läßt. Statt Theorien über die Welt zu verbraten, sollte man das in seiner Macht Stehende tun. Wer in seiner unmittelbaren Umgebung etwas bewegt, der hat schon viel erreicht.

Matthias Schubert: Dennoch argumentieren Sie in Ihren Aufsätzen dezidiert moralisch. Was ist die Quelle dieser Moral, die auf eine Besserung der Welt nicht mehr setzt.

Benjamin Korn: Ich frage mich in der Tat, wie es kommt, daß ein Mensch, der davon überzeugt ist, daß man die Welt nicht verändern kann, doch ständig von nichts anderem träumt. Womöglich ist genau dies die Spannung, in der der Mensch zur Welt und zu sich selbst steht: wider besseres Wissen von diesem Wunsch nicht lassen zu können. Sie mögen es eine Komödie nennen oder eine Tragödie; das hängt wahrscheinlich von der Laune ab, in der man sich befindet. Aus der Ferne betrachtet ist es komisch aus der Nähe manchmal tragisch – aber das ist bekanntlich ja auch der Unterschied zwischen Komödie und Tragödie.

Matthias Schubert: Damit liefern sie ein wichtiges Stichwort. Zwei Strategien, diesem Widerspruch standzuhalten und trotzdem eine moralische Position aufrecht zu erhalten, sind für Sie das Mitleid und das Lachen. Sie beziehen sich häufig auf die Katharsis, nicht nur im Theater, in der Kunst. Sie sehen darin eine Kraft, die den Menschen nicht dauerhaft bessert, wohl aber läutert, befreit.

Benjamin Korn: Die berühmten Misanthropen wie etwa Rousseau und Schopenhauer haben das Mitleid als das einzige Wundmittel gegen die Bösartigkeit der Welt ins Feld geführt. Scho-penhauer, der weit davon entfernt war, im Menschen ein gutes Wesen zu sehen, ihn vielmehr für ein bösartiges Tier hielt, hat sich gefragt, warum es Menschen gibt, die in einen Fluß sprin-gen, um unter Einsatz ihres eigenen Lebens eine wildfremde Person zu retten. Dieser einfache Tatbestand paßte nicht in seine Theorie. So erklärte er das Mitleid zu einem metaphysischen Phänomen. Woher kommt diese Kraft? Auch wenn das Mitleid auf politische Entscheidungen keinen Einfluß hat, denn diese haben andere Motoren, so scheint es das Leben doch erst le-benswert zu machen.

Matthias Schubert: Das zweite Wundmittel ist das Lachen. In einer Kolumne mit dem Titel „Zwei weinende Au-gen“ weisen Sie darauf hin, daß Deutschland keinen Komödienschreiber von Rang hervorge-bracht hat. Tun wir uns mit dem Lachen schwer?

Benjamin Korn: Es ist wahr, daß es in Deutschland – anders als in Italien und Frankreich – keine großen Komödienschreiber gibt. Sicherlich, weil die Komödie, weil das Lachen mit Distanz zu sich selbst zu tun hat. Molière findet sich bekanntlich im Geizigen, im Menschenfeind, in allen seinen Gestalten wieder. Um lachen zu können, darf man sich selbst nicht zu ernst nehmen. Im übrigen hat Lachen auch einen kathartischen Effekt. Sie selber merken ja, daß Sie sich, wenn Sie viel gelacht haben, erleichtert fühlen, wie von einer Last befreit. Lachen ist immer mit einer Erkenntnis verbunden, einem Entknotungsvorgang. Vielleicht ist es nichts anderes als die physische Begleiterscheinung dieses Vorgangs.

Matthias Schubert: Ihr Buch „Kunst, Macht und Moral“, das im Sommer erscheinen wird, schließt mit einem Text, der „Die manichäistische Falle“ überschrieben ist. Was hat es mit dieser Falle auf sich?

Benjamin Korn: Ich habe beobachtet, daß fast alle Menschen, aber natürlich auch Parteien und Religionen, die Tendenz haben, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen und sich selbst zu den Guten zu rechnen. Diese Neigung hat mit der Begrenztheit des Individuums zu tun. Jeder von uns hält sich für den Mittelpunkt der Welt, und die Welt ist ein Perpetuum mobile, das sich um uns herumbewegt. Weil jeder alleine lebt und alleine stirbt, ist das Außen nur von geringem Interesse, stehen wir den Problemen anderer relativ gleichgültig gegenüber. Wir sind außerstande, uns in die Motive anderer einzufühlen, von uns selbst abzusehen. Dabei sind wir für den anderen dasselbe, was dieser für uns ist. Die manichäistische Falle besteht darin, daß man in diesem Bewusstsein stecken bleibt. Man braucht sehr viel Distanz und Humor, um sich gleichsam vom Mond her betrachten zu können.

Matthias Schubert: Das klingt wie die Aufforderung, sich auf einen hermeneutischen Prozeß einzulassen. In einem Gespräch, wie Gadamer es schlicht sagen würde, relativiert man die eigene Position, lernt die eines anderen kennen und bezieht diese in das eigene Denken, in die eigene Positionierung ein.

Benjamin Korn: Das wäre wünschenswert. Aber meistens ist es doch so, daß die Menschen im Gespräch nur wiederfinden, was sie vorher schon gewußt haben und ihr einziges Bestreben danach geht, den anderen auszustechen, die Oberhand zu behalten. Es ist sehr selten, daß man Menschen findet, die mitten im Gespräch bereit sind, eine Kehrtwendung zu vollziehen und genau das Gegenteil von dem zu behaupten, was sie eben noch gesagt haben. Dazu braucht man wahrscheinlich sehr viel Demut und Seelenstärke.

Das Gespräch mit Benjamin Korn führte Matthias Schubert am 7. März 1998 in Paris.<<

Übernahme von:

http://www.heidelberg.de/hd,Lde/HD/Rathaus/Interview+mit+Benjamin+Korn.html

Fleischhauer vom Spiegel über Margot Käßmann

An Klaus Baum:

Gib doch bitte mal einen Spot zu Margot Käßmann heraus!

Siehe z.B.: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischhauer-ueber-margot-kaessmann-und-ihren-pazifismus-a-985621.html

(….)

Es ist mal wieder so weit in diesem unserem Lande:
Eine der wenigen Stimmen der Vernunft wird zur dummen Alkoholikerin abgestempelt und die grüne Partei und ihr Vorgänger-Bischof sind immer dabei!

Grüße vom Doc

Hier noch etwas mehr Diskussionsstoff dazu:

https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/gegen-den-ewigen-kreislauf

 

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