Notizen aus der Unterwelt.

Der kritische Blog von Klaus Baum – jetzt mobile-friendly

Bannon in Athen — 13. Oktober 2019

Bannon in Athen

Ein Erfahrungsbericht von Simon Rosenthal

>Gestern war der letzte Tag des „Athens Democracy Forum“, mit einem letzten, verstörenden Höhepunkt: Eine Diskussion zwischen dem französischen Philosophen Bernhard-Henri Lévy und Stephen Bannon, dem ehemaligen Chefstrategen von Donald Trump und Gründer des rechten „Breitbart“- Nachrichtennetzwerkes- moderiert von Roger Cohen von der New York Times. Während Lévy für das liberale Europa steht und für das Zusammenwachsen der europäischen Nationalstaaten, wird Bannon nicht müde, die amerikanische Vision für Europas Zukunft zu propagieren- das „Europa der Nationen“ (was auch immer das genau bedeuten soll). Als Vertreter der „United States“ spricht er klar gegen ein ‚United States of Europe‘. Wie ein Methodistischer Prediger läuft er vor dem Publikum auf und ob, Berichtet von den „Oligarchs“, die ein Resultat der Globalisierung seien und die Welt kontrollieren, und dass man mit dem „starken Europa der Nationen“ gemeinsam gegen das gefährliche China stehen (und kämpfen) wolle, dass Amerika „kein Empire, sondern eine revolutionäre Kraft sei, die durch Trump ausgedrückt werde, der dem „working man“ seine Ehre und seinen gerechten Anteil am Reichtum wieder geben würde und der unbedingt die Mauer zu Mexiko bauen müsse… Lévy drückt hingegen sein Bedauern und seine Ablehnung gegenüber der heutigen Beziehungen zu den USA aus und konfrontiert Bannon mit den bekannten Vorwürfen des Rassismus, Faschismus und Chauvinismus und mit dem fast völligen Verlust der Glaubwürdigkeit der US-Politik (auch im Hinblick auf den aktuellen Überfall der Türkei auf Syrien). Bannon weicht aus, bezeichnet ihn als Verbreitet „alternativer Wahrheiten“, verweist auf irgendwelche Tweets von ihm und Trump und dass er das ja auch nicht so machen würde, Trump aber verstehen könne usw…. In der Reflexion auf diese Vorstellung meine ich verstanden zu haben, dass es absolut keinen Sinn macht, mit Populisten inhaltlich zu diskutieren, weil ihr Ziel nicht eine Synthese, ein Kompromiss bzw. eine gemeinsame Lösung ist, sondern eine völlige Vereinnahmung- ein „Ideology- Selling“. So schafft auch Bannon es- zwar nur für Momente- einen beträchtlichen Teil des Publikums mitzureißen- seine Qualität als Talkmaster-Prediger und seine spürbare Überzeugtheit und Charisma (die basalen Eigenheiten aller Demagogen), funktionieren selbst vor der versammelten, liberalen Intelligenz Europas. Mir wird wieder einmal bewusst, dass Demokratie nichts selbstverständliches ist, dass der Wunsch nach starker Führung nicht nur in naiven Menschen wohnt. Mir wird ebenfalls klar, dass Demokratie die direkte Auseinandersetzung mit Totalitaristen und Faschisten trotzdem braucht, um das eigene Selbst- und Menschenbild deutlich abgrenzen zu können. Europa wird- so scheint es- die starke Verbundenheit mit den USA so nicht fortführen können- denn eine stabile , politische Zusammenarbeit kann nicht über day-to-day politics, Tweets und Posts funktionieren, sondern nur über gemeinsame Grundsätze und das Einhalten von Vereinbarungen. Andernfalls bekommt diese Partnerschaft den gleichen Charakter, wie die einschlägig-unverbindlichen „Beziehungen“, die jeder von uns kennt, der in den „sozialen“ Netzwerken aktiv ist. „America First!“ ist das Gegenteil einer transatlantischen Partnerschaft, der ich angehören möchte. Es ist heute umso wichtiger, aus diesem Schatten herauszutreten und eine eigene Agenda, ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln, um in der Welt der Supermächte überhaupt noch eine Rolle zu spielen. Ich glaube nicht, dass wir das als ‚Europa der Nationen‘ schaffen können. Wir würden uns dadurch erneut in nationalen Fehden aufreiben und noch anfälliger für die Außenpolitik anderer ‚Player‘ werden.<<

 

Halle — 11. Oktober 2019

Halle

„Du findst die Ruhe nicht, die Dir genommen“….zu Halle 2019

von Baums Lady

Halle. Oktober 2019. Die Nachricht raubt den Schlaf – Entsetzen. Ich wache auf mit der Erinnerung an den untenstehenden Text. Ihn schrieb mein Vater in den 50er Jahren. Die Schreie der Gefolterten, von denen das Gedicht spricht, waren auch seine – in den Kellern der Kasseler Geheimen Staatspolizei, die ihn im Alter von 18 Jahren vom Arbeitsplatz bei Henschel weg verhaftet hatte, weil er vor Hitlers Kriegsabsichten warnende Flugblätter verteilt hatte und den „deutschen Gruß“ verweigert hatte. Den dürfen ohne Anzeige oder Verhaftung erneut „Erwachte Deutschlands“ ungestraft auf deutschen Straßen zeigen – einer der Faktoren, die das Klima für das mir noch lange Undenkbare bereitet haben: Angriff mit Massenmordabsicht auf eine Synagoge.

Meine Kindheit war vom erlttenen Grauen meines Vaters überschattet – meine Jugend erleuchtet vom Stolz auf seinen Mut: – nach Folter und mehreren Jahren Zuchthaus verhalf er gemeinsam mit anderen in einer Berliner Untergrundgruppe jüdischen Menschen beim Untertauchen, zu ärztlicher Versorgung unter falschen Papieren und zur Flucht, beherbergte einige in seiner Wohnung – obwohl er unter Aufsicht stand, sich jede Woche als Politischer bei der Gestapo melden musste und nicht in seine HeimatstadtKassel zurückkehren durfte. Zur bangen Frage am Ende seines Gedichtes fühlte er sich getrieben durch das, was er beschrieb: die in den 50er Jahren vorherrschende Unfähigkeit, das Geschehene auch nur bewusst zu machen, geschweige denn zu verarbeiten.

November-Requiem – Die Nächte waren hell….

Die Nächte waren hell, als es geschah,

als die verstopften Hirne explodierten,

als die „Erwachten Deutschlands“ blicklos stierten

in Flammen, deren Glut die Synagogen fraß.

Ein Spaß!

Als bleiche Münder irre Worte riefen

und hinter stummen Fenstern alle Christen schliefen,

als kalkigweiße Lichternadeln

in angstvoll aufgerissne Augen stachen,

die spitzen Schreie der Gefolterten

an weißgetünchten Kellerwänden brachen –

da war’n die Nächte hell im deutschen Land-

als Gnade hungernd an den Ecken stand.

Und willst Du’s wissen in den dunklen Nächten,

wenn dir von fern die toten Brüder winken,

und will ein marternd Denken Deine Ruhe trinken,

so suche Antwort bei bekannten Mächten.

Geh in Novembertagen an das kleine Mal,

das von erzwung‘ner Reue Kunde gibt.

Erinn’rung an den abgrundtiefen Jammer ausweglos Gequälter,

an die Millionen Dornenkronen,

die den Geschlachteten für Deutschlands Ruhm und Ehr

das eigne Volk tief in die Stirnen drückte.

In welcher Stadt wirst du ein Denkmal wohl

für jene hunderttausend Kinder finden,

für deren Spiel kein Platz in uns‘rem Volke war?

Und wieviel Messen hörst du für i h r ungelebtes Leben?

Dann wandre weiter zu dem großen Mal,

das sich mit vielen Stufen türmt

aus echtem Marmor und der Palmenzweig

aus echtem Gold getrieben, über Namen dort

beugt sich die Heldenmutter über den gestreckten Sohn,

gefallen für ein Vaterland, das auch die Väter tötet

und das dem Frieden Heimatrecht versagt,

gefällt vom gleichen Mann mit den fünf Sternen,

der einst die Söhne und die Väter

das frühe Sterben in Kasernensärgen lehrte,

durch deren Fenster ahnungslose Enkel heute

noch viele Stückchen blauen Himmels sehen.

So geh an beide Stätten im November,

geh hin um Antwort, zähle dort die Andern,

die dünne Reihe vor der Dornenkrone,

die große Trauer vor dem Heldenmal,

mit Fahnen, Moll-Musik, gedämpften Reden.

Du findst die Ruhe nicht, die dir genommen –

ob wohl die hellen Nächte wiederkommen?

Nobelpreis für Peter Handke. — 10. Oktober 2019
Adorno-Zitat — 8. Oktober 2019
Klassifizierung — 29. September 2019
So ist es — 28. September 2019

So ist es

Am 24. 11. 2011 war in der FAZ zu lesen, dass Hegel den Begriff des Pöbels auch auf einen bestimmten Typus der Wohlhabenden angewendet hat: „Es gibt auch reichen Pöbel“, bemerkte Hegel 1821/22 in seinen Vorlesungen zur Rechtsphilosophie. ((…)) Der reiche Pöbel setzt die Souveränität seiner rein ökonomischen Macht gegen die Souveränität des Staates und seiner Institutionen ((durch)). Der reiche Pöbel erhebt sich kraft der Macht seines Geldes über das Recht des Staates.“