Der folgende Erfahrungsbericht entspricht in vielen Punkten meiner eigenen Biografie, die mich vom Elektriker über den Industriekaufmann zum 2. Bildungsweg führte, der schließlich in einem Studium der Geisteswissenschaften (einschließlich der Theologie) terminierte, ein Studium, das ich in allen Fächern mit 1,0 absolvierte (einschließlich der Promotion). Den Erweb des Abiturs finanzierte in den sechziger Jahren noch die SPD-Regierung Hessens und in den Siebzigern
der Bund über die Studienstiftung des deutschen Volkes. Schon vor der Einführung von Hartz IV gab es Versuche seitens des Arbeitsamtes, mir meine Qualifikation abzuerkennen. Besiegelt aber wurde die völlige Entwertung dessen, was ich mir erarbeitet hatte, mit In-Kraft-Treten von Hartz IV.
Der folgende, sehr lesenswerte Artikel beschreibt das Elend einer Verwertungslogik, die keine Logik mehr ist.

von Britta Ohm

Der Herr im Jobcenter – mein „Arbeitsvermittler“ – schüttelt mir freundlich-abwartend die Hand. Möglicherweise ist er etwas nervös angesichts meines Doktortitels, den er auch sofort pflichtschuldig ausspricht (woran mir überhaupt nichts liegt). Er weiß, dass er mir außer Zwangsmaßnahmen, Callcenter und Saisonarbeit (Erdbeeren pflücken) nichts zu bieten hat. Wir beide wissen – und wissen, dass der andere es weiß –, dass er von seinen Vorgesetzten darauf angesetzt wurde, die in der „Tagesschau“ verkündete Arbeitsmarktstatistik zu exekutieren, die sich selbst und der Welt vorgaukelt, dass Deutschland Vorreiter in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sei. Deutschland Superland, Land der Ideen und der Forschung, engagiert im „Wettbewerb um die besten Köpfe“, Bildungsrepublik, Wirtschaftsmacht, Exportweltmeister, historisch niedrige Arbeitslosenquote (und Fußball-Macht natürlich auch noch). In der medial geprägten Buzzword-Rhetorik von „Brand Germany“ spiegelt sich die neoliberale Exzellenz-Logik, die alle Relationen aus dem Blick verloren hat, unter anderem die, dass man sich in einer stark gebeutelten europäischen und globalen Umgebung trefflich als Hoffnungs-Leitwolf inszenieren kann, nicht nur in dem, was beharrlich „Flüchtlingskrise“ genannt wird (als wären die Flüchtlinge daran schuld).

Zum ganzen Artikel geht es hier:

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/august/exzellente-entqualifizierung-das-neue-akademische-prekariat

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